Osnabrück Weitere Osnabrücker Schulen wollen 5. Klassen für Kinder ohne Handy anbieten: Die Gründe
Neben dem Osnabrücker Ratsgymnasium wollen auch die Ursulaschule und die Domschule ab dem kommenden Schuljahr smartphonefreie Klassen anbieten. Wir haben mit den Schulleiterinnen über die Gründe gesprochen – von Gruppenzwang bis hin zu verstörenden Inhalten auf dem Handy.
Schon drei Osnabrücker Schulen wollen Kindern einen smartphonefreien Start in die fünfte Klasse ermöglichen: Neben dem Ratsgymnasium werden auch das Gymnasium Ursulaschule und die Oberschule Domschule zum kommenden Schuljahr smartphonefreie Klassen anbieten.
Das Prinzip: Es werden Klassen für Schüler eingerichtet, die noch gar kein Handy besitzen. Sie sollen so gar nicht erst dem Gruppenzwang ausgesetzt werden, sich eins anzuschaffen, weil alle anderen auch eins haben. Die Eltern verpflichten sich freiwillig dazu, dass ihre Kinder auch zu Hause smartphonefrei bleiben.
Es waren Eltern, die den entscheidenden Anstoß für Ratsgymnasium, Ursulaschule und Domschule gaben, es einfach mal auszuprobieren. Erst im Herbst hat sich in Osnabrück eine lokale Gruppe der bundesweiten Elterninitiative „Smarter Start ab 14“ angeschlossen. Sie wollen, dass ihre Kinder Smartphones erst ab 14 Jahren nutzen. Selten kommt es vor, dass eine Elterninitiative in so kurzer Zeit so einen Erfolg hat.
Für Daniela Boßmeyer-Hoffmann, Leiterin der Ursulaschule, ist klar: „Wir bieten als Schule den Raum an.“ Damit meint sie den Raum für ein Leben ohne „Fear of missing out“ – auf Deutsch: die Angst der Schüler, etwas zu verpassen, wenn sie mit zehn Jahren kein Smartphone haben. Denn diese Angst sei erheblich, beobachtet sie bei ihren Schülerinnen und Schülern. Ob es eine smartphonefreie Klasse wird oder mehrere, hält sie sich offen. Auch eine halbe Klasse für Schüler ohne Handy könnte sich die Leiterin der Ursulaschule vorstellen.
Im Februar starten in Osnabrück die Infoveranstaltungen für Eltern und Schüler der jetzigen vierten Klassen, die sich nun bald für eine weiterführende Schule entscheiden müssen; dann wird sich zeigen, wie groß der Andrang auf die smartphonefreien Klassen wird.
An Ursulaschule und Domschule gilt bereits ein Nutzungsverbot von Smartphones auf dem gesamten Schulgelände – also auch in den Pausen. Dennoch spielt das Handy im Leben der Kinder und Jugendlichen außerhalb der Schule eine große Rolle. „Die Schüler sind Bildmaterialien ausgesetzt, die nicht mal wir Erwachsenen sehen“, warnt Boßmeyer-Hoffmann. Ihre Schule habe zwar ein ausgeklügeltes Medienpräventionskonzept. „Aber wir sehen nur eine kleine Spitze des Eisbergs“, sagt sie.
Auch die Domschule hat so ein Medienpräventionskonzept. Doch Schulleiterin Sabine Müller sieht dieselben Gefahren wie ihre Kollegin von der Ursulaschule. Hinzu kämen Spiele mit Suchtfaktor auf dem Smartphone und das große Problem von Social Media. Die Schüler würden „mit Inhalten konfrontiert, mit denen sie noch gar nicht umgehen können“, sagt Müller.
Sämtliche Theorien und Studien würden von einer zu frühen Smartphone-Nutzung abraten. Die Kinder sollten „unbelastet aufwachsen können, ohne diesen Stress zu haben“, betont Müller. In der Schulkonferenz der Domschule sei einstimmig beschlossen worden, die smartphonefreien Klassen auszuprobieren.
Gerade am Anfang der weiterführenden Schule bräuchten Kinder vor allem eines, betont Daniela Boßmeyer-Hoffmann: „Zeit füreinander“. „Wir erleben jeden Tag, wie lebendig Pausen werden, wenn Kinder sich einander zuwenden“, erläutert sie in einem Post auf dem Instagram-Kanal der Ursulaschule. „Diese Erfahrung möchten wir unseren Klassen fünf von Anfang an ermöglichen, auch außerhalb der Unterrichtszeit.“
„Wir hoffen natürlich, dass noch mehr Schulen mitmachen und damit zumindest lokal ein Umdenken bei den Eltern zustande kommt, aber auch Mut bei den Grundschulen und Lehrkräften, sich bei diesem Thema klar zu positionieren“, sagt Ruth Marie Krampitz von der Osnabrücker „Smarter Start“-Initiative. „Denn leider gibt es ja auch Kinder, die das Smartphone schon in der Schultüte haben und entsprechend wenig aufnahmefähig im Unterricht sitzen.“