Grönland  Tauziehen um Grönland: Gefährdet eine fast 110 Jahre alte US-Garantie Trumps Ziele?

Frank Jung
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Von Frank Jung
| 13.01.2026 18:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Mit diesem 1916 ausgestellten Scheck über 25 Millionen US-Dollar kaufte US-Präsident Woodrow Wilson die westindischen Inseln St. John, St. Thomas und St. Croix von Dänemark. Foto: www.danmarkshistorien.dk
Mit diesem 1916 ausgestellten Scheck über 25 Millionen US-Dollar kaufte US-Präsident Woodrow Wilson die westindischen Inseln St. John, St. Thomas und St. Croix von Dänemark. Foto: www.danmarkshistorien.dk
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Donald Trump wäre im Fall von Grönland nicht der erste US-Präsident, der von Dänemark eine Insel kauft. In der Karibik gab es so ein Geschäft 1917 schon einmal. Das Besondere: Damals haben die USA im selben Atemzug Dänemarks Ansprüche auf ganz Grönland garantiert.

Diese Woche könnte einen Vorgeschmack darauf geben, ob sich ein Kauf Grönlands durch die USA von Dänemark abzeichnet. Donald Trumps Außenminister Marco Rubio hat für die nächsten Tage mit seinem dänischen Amtskollegen Lars Løkke Rasmussen und grönländischen Regierungsvertretern ein Gespräch über die Zukunft der größten Insel der Welt angekündigt.

Im Fall des Falles erscheint Kopenhagens Verhandlungsposition alles andere als günstig, einen hohen Preis herauszuschlagen. Dennoch wird man in der dänischen Hauptstadt zumindest in Gedankenspielen einen historischen Vorläufer im Hinterkopf haben. Für ein viel kleineres Territorium als Grönland hat Dänemark vor 109 Jahren von den Vereinigten Staaten 25 Millionen US-Dollar in Gold erhalten. Für diese Summe wechselten am 31. März 1917 die westindischen Inseln St. John, St. Thomas und St. Croix in der Karibik von Dänemark an die USA.

Sie liegen östlich der Linie Kuba, Haiti und Puerto Rico in der Karibik. Seit dem Wechsel heißen sie US Virgin Islands, Amerikanische Jungferninseln. Ihre Fläche beträgt mit 1910 Quadratkilometern weniger als ein Tausendstel von Grönland.

Der Kaufpreis von 1917 entsprach knapp einem Viertel des Volumens des damaligen dänischen Staatshaushalts. Der wissenschaftliche Dienst des dänischen Folketing beziffert die 25 Millionen Dollar auf heute etwa 2,6 Milliarden Kronen, also cirka 347 Millionen Euro.

Mit Blick auf heute besonders bemerkenswert: Als US-Präsident Woodrow Wilson und sein Außenminister Robert Lansing am 4. August 1916 den Kaufvertrag über Dänisch-Westindien unterzeichneten, heimste Kopenhagen einen viel weitreichenderen Verhandlungserfolg ein: Der amerikanische Außenminister unterschrieb am selben Tag eine Zusatzerklärung, die Dänemarks Ansprüche auf Grönland absegnet.

Der Wortlaut: „Die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika wird keine Einwände gegenüber der dänischen Regierung erheben, wenn diese ihre politischen und wirtschaftlichen Interessen auf ganz Grönland ausweitet.“ Das war eine Absage an Norwegen, das damals den östlichen Teil Grönlands für sich reklamierte. Zum anderen stellte die Erklärung klar, dass die Monroe-Doktrin zum amerikanischen Einfluss in der westlichen Hemisphäre Grönland ausnehmen sollte.

Der Wechsel von Dänisch-Westindien an die USA zog einen Schlussstrich auch unter viele Querverbindungen zwischen dieser karibischen Inselgruppe und Schleswig-Holstein. Gleich mehrere Verflechtungen gab es.

Sie haben die einst große Rum-Tradition Flensburgs begründet. Auf den Inseln wurde das dafür nötige Zuckerrohr angebaut. Dass das Produkt vor allem in Flensburg angelandet wurde, lag daran, dass es zur dänischen Monarchie gehörte und im 18. Jahrhundert nach Kopenhagen deren zweitgrößte Hafenstadt war.

1672, 1718 und 1733 hatte Dänemark die drei Inseln als Kolonie in Beschlag genommen. Daraufhin wurden sie Teil des transatlantischen Dreieckshandels: Von Dänemark und Schleswig-Holstein gingen Waren verschiedenster Art an die Westküste Afrikas, von dort wiederum Sklaven in die Karibik, damit diese dort auf Plantagen arbeiten, und als dritte Etappe des Handels wiederum von der Karibik Zuckerrohr und Baumwolle zurück nach Europa.

Die westindische Kolonie wurde zusehends unrentabler, nachdem die Versklavung 1848 nach einem Aufstand aufgehoben worden war. Dänemark tat das als erster europäischer Staat. Hinzu kam, dass man in Europa begann, Zucker aus Zuckerrüben zu gewinnen und für das Süßungsmittel nicht mehr auf tropischen Zuckerrohr angewiesen war.

Als strategische Verhandlungsmasse hingegen wurden die karibischen Besitztümer zusehends lukrativer. So versuchte Dänemark bei den Friedensverhandlungen nach der Niederlage im Krieg von 1864 gegen Preußen und Österreich, Teile des Herzogtums Schleswig zu behalten, indem es den Deutschen St. Thomas, St. John und St. Croix überlässt.

In Deutschland war dafür jedoch der Hunger auf Kolonien noch nicht genug erwacht, zudem der Triumph über den Erwerb Schleswigs zu groß. Der Plan verlief im Sand. Ebenso wie dänische Überlegungen in den 1870er-Jahren, Westindien den Deutschen zu überlassen, wenn diese im nördlichen Schleswig eine Volksabstimmung über eine Zugehörigkeit zu Dänemark zulassen würden.

Schon 1867 hatten die Dänen einen ersten Vertrag mit den USA unter Dach und Fach. Da ihre Schiffe den Seehandel der drei Inseln größtenteils übernommen hatten, lag ein solches Geschäft nahe. Für damals in demokratischer Hinsicht bemerkenswert modern: Dänemark machte den Verkauf von der Zustimmung der Inselbevölkerung in einem Referendum abhängig. Dazu kam es auch mit 98 Prozent Ja-Stimmen. Dennoch platzte der auf 7,5 Millionen Dollar angelegte Deal: Ein Tsunami und Erdbeben richteten verheerende Zerstörungen auf den Inseln an. Daraufhin traten die USA vom Vertrag zurück.

Viele Umdrehungen höher war das Interesse in Washington indes, als sich die internationale Konfliktlage zum Ersten Weltkrieg zugespitzt hatte. Vor allem der tiefe Naturhafen von St. Thomas zog dabei Begehrlichkeiten auf sich. Die Eröffnung des Panama-Kanals 1914 hatte den strategischen Wert der Insellage noch einmal erhöht. Die Vereinigten Staaten und auch Dänemark selbst befürchteten, dass Deutschland Dänisch-Westindien besetzen könnte. In Dänemark gab es die Sorge, dass eine Besetzung nicht nur einfach so rein militärisch in der Karibik geschehen würde – sondern dass die Deutschen zuvor das im Krieg neutrale Dänemark einnehmen, um sich auf diesem Weg Hoheitsrechte in Westindien zu sichern.

So wurden die Modalitäten des Inselverkaufes denn auch im Geheimen ausgehandelt. Der Vollzug der Transaktion indes wurde zu einem Meilenstein der innerdänischen Demokratie: Die erste Volksabstimmung überhaupt, inklusive Beteiligung der weiblichen Bevölkerung, segnete am 16. Dezember 1916 den Verzicht auf die Inselgruppe ab. 283.000 Ja- und 158.000 Nein-Stimmen gab es.

Den karibischen Einwohnern hingegen versagte man ein offizielles Referendum. Immerhin wies dort eine von den Gewerkschaften organisierte Abstimmung in die gleiche Richtung: 4027 Stimmen für den Wechsel an die USA, sieben für einen Verbleib bei Dänemark.

Vollzogen wurde der Übergang am 31. März mit einem symbolischen Akt: Bei Zeremonien auf allen drei Inseln wurde der Danebrog zum letzten Mal heruntergenommen und Stars and Stripes zum ersten Mal gehisst. Fünf Tage, bevor die USA in den Ersten Weltkrieg eingetreten sind und etwaige deutsche Ambitionen auf die Inseln zusätzliche Nahrung erhalten hätten.

Genau 100 Jahre später kam Lars Loekke Rasmussen in seiner damaligen Eigenschaft als dänischer Ministerpräsident zum 100-jährigen Gedenktag zu Besuch in die einstigen karibischen Kolonien. Und wird dieser Tage die Verblüffung nicht los, dass er plötzlich unfreiwillig Hauptfigur in einer Wiederauflage amerikanisch-dänischer Gebietsverhandlungen ist.

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