Gastbeitrag Warum innere Ruhe die stärkste Führungsqualität ist
Wussten Sie, dass ein Großteil unseres Handelns emotional gesteuert wird? Unser Gastautor Michael Wefers erläutert, was das für die Führung in Unternehmen bedeutet.
Ein Jahreswechsel ist traditionell ein Moment der Neuorientierung. Unternehmen setzen neue Ziele, Menschen fassen Vorsätze. Gerade jetzt nehmen sich Führungskräfte viel vor: klarer führen, stärker entscheiden, Veränderung vorantreiben.
Doch Ziele führen nur dann zum Erfolg, wenn die Führungspersönlichkeit selbst stabil ist. Innere Ruhe, Klarheit und Selbstführung werden gerade in diesem Jahr zu entscheidenden Erfolgsfaktoren: Nicht allein, was man sich vornimmt, ist ausschlaggebend – sondern die Fähigkeit, Gedanken und Gefühle bewusst zu steuern.
Führung wird oft mit Strategien, Entscheidungen und klaren Ansagen verbunden. Doch ob eine Führungspersönlichkeit unter Druck wirklich überzeugt, entscheidet sich an einer anderen Stelle: im Inneren.
In Veränderungssituationen, bei Konflikten oder wirtschaftlichem Gegenwind beobachten Mitarbeitende ihre Führung sehr genau. Sie hören nicht nur, was gesagt wird, sondern spüren, wie es gesagt wird: ruhig oder hektisch, klar oder fahrig, zuversichtlich oder resigniert.
Innere Ruhe ist keine angeborene Charaktereigenschaft. Sie ist das Ergebnis eines bewussten Umgangs mit den eigenen Gefühlen, Gedanken und Einstellungen – also einer professionellen Selbstführung.
Gefühle sind stärker als die besten Argumente
Viele Führungskräfte glauben, Entscheidungen würden vor allem auf der Sachebene getroffen. Zahlen, Fakten, Logik – das scheint der Maßstab zu sein. In der Realität ist es anders: Ein Großteil unseres Handelns wird emotional gesteuert.
Jede Veränderung, jedes Projekt, jede kritische Botschaft löst Gefühle aus – bei Mitarbeitenden ebenso wie bei Führungskräften. Ob jemand sich engagiert, blockiert oder innerlich aussteigt, hängt selten nur von Argumenten ab. Es hängt davon ab, ob sich dieser Mensch als Gewinner oder Verlierer einer Situation erlebt.
Wer sich als Gewinner fühlt, denkt: „Ich kann etwas gestalten.“
Wer sich als Verlierer erlebt, denkt: „Es wird über mich entschieden.“
Diese innere Einordnung passiert in Bruchteilen von Sekunden. Hirnforscher sprechen von einer ersten Reizverarbeitung in wenigen Millisekunden: Angriff, Flucht oder Rückzug. Erst danach schaltet sich unsere Ratio ein. Wer als Führungskraft innere Ruhe bewahren will, muss diese Mechanik verstehen – und lernen, sie bewusst zu steuern.
Vier Gefühlswelten, die jeder Veränderung folgen
In jedem größeren Veränderungsprozess tauchen bei Menschen – auch bei Führungskräften – immer wieder vier Grundgefühle auf:
1. Angst, Unsicherheit, Sorge: „Nichts wie weg hier!“
2. Ärger, Wut, Aggression: „So nicht!“
3. Trauer, Enttäuschung: „Nichts wird mehr so sein wie früher.“
4. Aufbruch, Freude, Mut: „Packen wir’s an!“
Alle vier Gefühlswelten haben ihre Funktion. Innere Ruhe bedeutet nicht Gefühllosigkeit, sondern die Fähigkeit, diese Emotionen wahrzunehmen, zu verstehen und zu steuern, statt von ihnen gesteuert zu werden.
Wie Gedanken Gefühle verstärken – oder beruhigen
Zwischen dem, was wir erleben, und dem, was wir fühlen, liegt ein kurzer, aber entscheidender Schritt: unsere Gedanken. Jede Information, die wir aufnehmen, ein Satz im Meeting, eine E-Mail, ein Blick, wird in unserem „Kopfkino“ mit früheren Erfahrungen verknüpft. Daraus entstehen Bewertungen wie „Das ist ein Angriff“, „Das ist eine Chance“ oder auch „Das ist eine Überforderung“.
Diese Bewertungen sind subjektiv. Sie sind nicht „die Wahrheit“, sondern das Ergebnis unserer bisherigen Prägungen und Überzeugungen.
Daraus folgt: Wir können nicht verhindern, dass Gefühle spontan entstehen. Aber wir können beeinflussen, wie lange negative Gedanken uns herunterziehen – und ob wir ihnen das Feld überlassen.
Wer sich gedanklich ständig mit Risiken, Fehlern und Schuld beschäftigt, schwächt seine körperliche und geistige Leistungsfähigkeit. Stressforschung und Sportpsychologie sind sich einig: Zweifel, Grübeln und Dauerkritik kosten Energie – und machen auf Dauer krank.
Innere Ruhe ist deshalb keine Frage der Fassade, sondern der Gedankendisziplin.
Souverän reagieren: Wer steuert hier wen?
Viele Konflikte entstehen nicht durch das, was gesagt wird, sondern ebenso dadurch, wie wir es innerlich deuten.
Eine schlichte Führungsfrage wie „Wie weit sind Sie mit dem Projekt?“ kann von Mitarbeitenden als interessierte Nachfrage verstanden werden – oder aber als Misstrauensbeweis und versteckter Vorwurf. Ähnlich geht es Führungskräften selbst.
Der entscheidende Punkt ist: Nicht der andere „macht“ unsere Emotionen. Wir selbst erzeugen sie durch unsere innere Bewertung.
Wer über ein stabiles Selbstvertrauen verfügt, kann Informationen zunächst auf der Sachebene einordnen. Kritik muss dann nicht sofort als Angriff auf die eigene Person erlebt werden. Souveränität entsteht dort, wo ein Mensch sich seiner Stärken wie auch seiner Grenzen bewusst ist – und innerlich klar bleibt, auch wenn es ungemütlich wird.
Die vier „Herrscher“ unseres Selbstvertrauens
Zwei Emotionspaare prägen unser Selbstvertrauen in besonderer Weise: Macht & Ohnmacht sowie Wertschätzung & Abwertung.
Wer sich dauerhaft ohnmächtig und abgewertet erlebt, verliert innere Ruhe. Die typische Folge: impulsive Reaktionen, Verteidigung, Rückzug oder zynischer Widerstand. Führungspersönlichkeiten, die auch unter Druck souverän bleiben, kennen diese Mechanik genau und achten darauf, sich selbst und andere nicht in Ohnmacht und Abwertung zu treiben.
Innere Ruhe ist trainierbar
Das Gute: Niemand ist seinen spontanen Emotionen hilflos ausgeliefert. Innere Ruhe kann man, ähnlich wie körperliche Fitness, trainieren. Vier Prinzipien für Ihren Alltag:
1. Bewusst wahrnehmen, statt wegdrücken
2. Gedankendisziplin entwickeln (Ziel: Ich lasse mich von keiner Situation im Alltag länger als eine Minute vollständig herunterziehen.)
3. Stärkende Einstellungen aufbauen
4. Erfolge bewusst registrieren
Führung beginnt im Inneren
Organisationen brauchen Führungskräfte, die unter Druck klar und handlungsfähig bleiben. Strategien, Strukturen und Prozesse sind wichtig – doch in schwierigen Momenten entscheidet vor allem eines: die innere Verfassung der Führungsperson.
Innere Ruhe entsteht, wenn Führungskräfte die Logik ihrer eigenen Gefühle verstehen, ihre Gedanken bewusst steuern, auf ein realistisches, stabiles Selbstvertrauen bauen und bereit sind, an ihren Einstellungen zu arbeiten.
Wer sich selbst nicht mehr von jeder Emotion treiben lässt, sondern bewusst entscheidet, wie er reagieren will, sendet ein starkes Signal an sein Umfeld:
„Ich bin ansprechbar, klar und handlungsfähig – auch dann, wenn es ernst wird.“
Genau das ist es, was Mitarbeiter heute von Führung erwarten. Wer so in das neue Jahr startet, schafft Stabilität – für sich selbst, für die Menschen, die folgen, und für das Unternehmen.
Über Michael Wefers
Michael Wefers ist Managementtrainer und Führungsexperte für Leistungskraft und Souveränität in schwierigsten Belastungssituationen mit 25-jähriger operativer Führungsverantwortung. Er hat die digitale Transformation der Fotoindustrie als internationaler Personalvorstand beim Marktführer CEWE mitgestaltet. Seit 2009 berät er mittelständische Unternehmen beim Aufbau einer strategischen Führungskräfteentwicklung, insbesondere in unternehmerisch schwierigen Phasen. Überregional erfolgreich ist die Wefers & Coll. Unternehmerberatung zudem in der nachhaltigen Personalberatung und der ganzheitlichen Managementdiagnostik.
Über die Wefers & Coll. Unternehmerberatung GmbH & Co. KG
Die Wefers & Coll. Unternehmerberatung ist Ihr erfahrener Partner für Personalberatung, Managementdiagnostik und Führungskräfteentwicklung im Nordwesten. Mit über 30 Jahren Expertise und einem tiefen Verständnis für die Strukturen im inhabergeführten Mittelstand beraten wir Familienunternehmen sowie international agierende Unternehmen deutschlandweit in allen Fragen exzellenter Führung. Wir unterstützen Sie bei der Suche, Auswahl und Gewinnung von Führungspersönlichkeiten, bei der Analyse der Potenziale des Managements und durch praxisorientierte Trainings und Workshops. Dank umfassender Einblicke in die unterschiedlichsten Branchen bauen wir einen unübertroffenen Erfahrungsschatz auf. Als Ihr vertrauensvoller Sparringspartner auf Augenhöhe stehen wir für höchste Diskretion, Professionalität und Leidenschaft. Gemeinsam gestalten wir nachhaltige Führung – heute und in Zukunft.
Mehr Informationen unter: https://wefersundcoll.de/