Kiel Immuntherapie bei Krebs: Forscher helfen beim Knacken der Zucker-Tarnung
Krebszellen können sich vor dem Immunsystem verstecken. Jetzt haben Forscher aus Kiel gemeinsam mit US-Spitzenuniversitäten herausgefunden, wie dieser Tarnschirm geknackt werden kann.
Im September 1974 gründete Mildred Scheel, Röntgenärztin und Ehefrau des damaligen Bundespräsidenten Walter Scheel, die Deutsche Krebshilfe. Sie holte die Krankheit, über die man damals aus Scham und Angst wenig sprach, aus ihrer Tabuzone und sorgte unabhängig von staatlichen Geldern für Forschung und Aufklärung.
Über 50 Jahre später gibt es zwar große Erfolge im Kampf gegen den Krebs, doch gelingt es noch immer nicht bei allen Menschen, diese Erkrankung dauerhaft zu besiegen.
Neben Operation, Bestrahlung und Chemotherapie gilt die Immuntherapie mittlerweile als „vierte Säule“. Doch auch hier spricht bislang nur ein Teil von Krebspatienten dauerhaft auf eine Behandlung an. Das hat einen Grund: Krebszellen haben Strategien entwickelt, um der Abwehr durch das Immunsystem zu entgehen. Diese Fähigkeit wird Immunflucht genannt.
Jetzt gibt es eine Meldung, die hier Hoffnung macht. Die klinische Forschungsgruppe „Catch All“ der Medizinischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Kiel, hat an einem neuartigen Konzept der Stanford University und des Massachusetts Institute of Technology mitgewirkt, das die Immunflucht verhindern könnte.
„Catch All“-Projektleiter Prof. Dr. Thomas Valerius erklärt: „Viele Tumoren nutzen Zuckerstrukturen als eine Art Tarnmechanismus gegenüber dem Immunsystem.“ Diese Zuckermoleküle, sogenannte Glykane, hefteten sich an Rezeptoren der Immunzellen, Lektine genannt, und sendeten ein Signal, das deren Aktivität unterdrücke.
Vereinfacht gesagt wirken die Zuckermoleküle wie eine Schlaftablette, die der Immunzelle sagt: „Gute Nacht, hier ist alles okay, du musst mich nicht angreifen.“ Auf diese Weise bleiben die Krebszellen verschont.
Der Trick der Forscher: Sie unterbrechen genau dieses hemmende Signal und aktivieren gleichzeitig die Immunzellen – ein doppelter Angriff auf die Immunflucht von Krebszellen.
Möglich macht das eine sogenannte „Antikörper-Lektin-Chimäre“ („AbLec“), sie ist der Wachmacher, der zwei Wirkprinzipien vereint: Der Antikörper ist darauf programmiert, gesunde Zellen zu ignorieren und zielsicher Tumore anzusteuern. Dort wirkt dann der Lektin-Part. Er klebt sich wie ein Pflaster auf die Zuckermoleküle der Krebszelle.
Wenn nun eine Immunzelle kommt, wird kein Schlafsignal mehr ausgesendet, die Krebszelle als Gefahr erkannt und bekämpft.
In ersten präklinischen Studien konnte so die Immunaktivität wiederhergestellt werden, heißt es in der Studie. Und das Massachusetts Institute of Technology betont, dass dieser neue Ansatz bei vielen Krebsarten wirksam sein könnte.
Wie sieht die Perspektive für eine klinische Anwendung aus? Momentan arbeiten die Forscher gemeinsam daran, die „Antikörper-Lektin-Chimäre“ weiter zu optimieren.
Zudem wurde in der Nähe von San Diego in den USA das Unternehmen Valora Therapeutics gegründet, das plant, den innovativen Ansatz innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre in klinische Studien zu überführen, um Patienten, die auf Immuntherapien nicht oder nur unzureichend ansprechen, eine neue therapeutische Option zu eröffnen.