Bersenbrück  Gewalt an Schulen im Osnabrücker Land: Wo Schulleiter das größte Problem sehen

Raphael Steffen
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Von Raphael Steffen
| 17.01.2026 15:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
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Laut einer Umfrage nimmt Gewalt an Schulen im Landkreis Osnabrück zu. Besonders schlimm soll es an der BBS Bersenbrück sein. Vor Ort schildern Schulleiter Thomas Kohne und sein Kollege Falk Kuntze vom benachbarten Gymnasium, wie die Lage tatsächlich ist – und was ihnen besonders zu schaffen macht.

War es Frust, eine Mutprobe – oder die neueste TikTok-Challenge aus dem Internet? So oder so: Die Deckenplatten sind kaputt. Auf der Herrentoilette der BBS Bersenbrück kann man den Ausblick auf Kabel und isolierte Rohre „genießen“.

Nicht zum ersten Mal wurde auf den Klos randaliert. Die Tür zum Flur hat Schulleiter Thomas Kohne jetzt aushängen lassen, um ein Minimum an Kontrolle zu gewährleisten.

Wenn von Sittenverfall, Verrohung und steigender Aggressivität die Rede ist, werden Schultoiletten gerne als Seismograf der Gesellschaft herangezogen. Dabei sieht es hier in Bersenbrück, von der Decke abgesehen, eigentlich ganz ordentlich aus. An einem schulfreien Tag, wohlgemerkt.

An der BBS Bersenbrück ist die Zahl der Gewaltvorfälle von unter fünf im Schuljahr 2016/17 auf 15 im Schuljahr 2024/25 gestiegen. So steht es in einer Vorlage des Landkreises Osnabrück, der im Sommer unter seinen Schulen eine Abfrage durchgeführt hatte.

Bersenbrück sticht damit heraus. Anderswo, an der BBS Brinkstraße und in Melle etwa, sind die Zahlen geringer. Ist es also im Nordkreis besonders schlimm? Kohne glaubt das nicht.

Gewalt an Schulen ist ein hochsensibles Thema – und dabei sehr diffus. Manifest wird die Nervosität unter Lehrern und Schülern, wenn wegen eines Amokverdachts die Polizei anrücken muss. Was sich unterhalb dieser Aufmerksamkeitsschwelle abspielt, bleibt der Öffentlichkeit dagegen oft verborgen.

Jugendliche haben das Bedürfnis, sich abzureagieren, Regeln zu brechen, Autoritäten herauszufordern, anderen durch Mackertum zu imponieren. Das war schon immer so. Auch Konflikte zwischen verschiedenen Milieus und Herkünften sind nichts Neues. Doch zumindest gefühlt werde es immer schlimmer, glaubt jedenfalls die Gewerkschaft GEW. Dabei ist nicht nur die – nicht repräsentative oder systematische – Umfrage des Landkreises Osnabrück mit Unsicherheiten behaftet.

Das fängt bei grundlegenden Definitionen an. Was gilt überhaupt als Gewalt? Nur Schläge, Tritte, Schubsen? Dann sei sie nach seiner Einschätzung sogar zurückgegangen, sagt BBS-Leiter Kohne. Auch Gewalt gegen Beschäftigte trete, anders als wachsende Respektlosigkeit, eher selten auf. Die Gewalt gegen Sachen nehme dagegen deutlich zu: „Vandalismus ist nach unserer Wahrnehmung das häufigste Problem.“ Womit man wieder bei den ramponierten Toilettenräumen wäre.

Diese Probleme betreffen aber nicht nur die Berufsbildenden Schulen mit ihrem Einzugsbereich im ganzen Nordkreis, einschließlich der Landesaufnahmebehörde Hesepe. Sondern auch das benachbarte, vermeintlich bieder-bürgerliche Gymnasium Bersenbrück. „Die Toiletten sind ein Riesenthema“, erklärt Direktor Falk Kuntze.

Die regelmäßig auftretenden Schäden zu beheben, kostet Geld, Zeit und die Nerven der Beschäftigten. Und eine Lösung ist nicht greifbar, denn natürlich soll niemand auf dem WC überwacht werden. Andere Probleme sind leichter in den Griff zu bekommen. Wilde Graffiti wurden dadurch eingedämmt, dass der Landkreis einen Künstler damit beauftragte, die am stärksten betroffene Wand neu zu gestalten.

„Wir sind zufrieden mit unserem Schulträger“, betonen denn auch beide Schulleiter unisono. Diebstähle und Vandalismus bleiben trotzdem ein Dauerthema. Die rechtlichen Hürden etwa für Kameras auf dem Schulgelände sind hoch – was Kuntze und Kohne nicht immer nachvollziehen können. „Ich schade niemandem mit der Videoüberwachung eines Fahrradständers“, findet Kuntze.

Sorgen bereiten ihm auch andere Dimensionen des Phänomens. „Sichtbar wird es durch Vandalismus. Dahinter liegt die stille Gewalt“, verdeutlicht Kuntze. Was er meint: unangemessener Umgang mit sozialen Medien, psychische Gewalt bis zum Mobbing, Probleme mit dem Selbstbild. „Magersucht ist ein Problem, das immer größer wird.“

Ihm und Kohne ist es wichtig, nicht die Augen vor dem zu verschließen, was sich in eine schlechte Richtung entwickelt, und zugleich für ihre Schüler da zu sein. „Wir schauen sauber hin. Als die Abfrage des Landkreises kam, haben wir ehrlich geantwortet“, sagt Kohne.

Es ist ein schmaler Grat zwischen Alarmismus und Beschwichtigung. Dieser Spagat wird Schulleitern überall abverlangt – nicht nur in Bersenbrück, nicht nur im Osnabrücker Land.

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