„Trau dich, Hainrich“  Völlenerkönigsfehnerin schreibt Buch gegen die Tränen

Clarissa Scherzer
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Von Clarissa Scherzer
| 19.01.2026 15:56 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Veronika Greipl mit ihrem Erstlingswerk „Trau dich, Hainrich“. Fotos: Clarissa Scherzer
Veronika Greipl mit ihrem Erstlingswerk „Trau dich, Hainrich“. Fotos: Clarissa Scherzer
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Ein weißer Hai und 26 tierische Trauertypen helfen, Gefühle zu verstehen. Das Buch von Veronika Greipl aus Völlenerkönigsfehn inspiriert Kinder und Erwachsene gleichermaßen.

Völlenerkönigsfehn – „Trauer ist etwas ganz Individuelles“, sagt Veronika Greipl aus Völlenerkönigsfehn. Und genau diese Botschaft steckt in ihrem ersten Buch „Trau dich, Hainrich“. Die Autorin, Mutter von zwei Kindern, Erzieherin, Frühpädagogin und selbst qualifizierte Trauerbegleiterin, hat mit diesem Werk eine kreative Herangehensweise an das schwere Thema Verlust entwickelt, die für Kinder und Erwachsene gleichermaßen stimmig ist.

Im Mittelpunkt des Buches steht Hainrich, ein weißer Hai, der auf der Suche nach Antworten ist. Hainrich sieht fröhlich aus, doch tief in seinem Inneren fühlt er sich traurig. „Er ist auf der Suche nach dem Expertenrat, der ihm erklärt, wie er mit seiner Trauer umgehen soll“, erklärt Veronika Greipl. Doch im Laufe der Geschichte merkt Hainrich, und mit ihm die Leserinnen und Leser, dass es keine einfache Antwort gibt. Trauer lässt sich nicht einfach in eine Anleitung pressen. Sie muss erlebt und verarbeitet werden.

Trauern heißt: Ganz viel weinen und in der Nacht nur davon träumen, beschreibt der Langweiner.
Trauern heißt: Ganz viel weinen und in der Nacht nur davon träumen, beschreibt der Langweiner.

Und so begibt sich Hainrich auf eine Reise, bei der er 26 tierische „Trauertypen“ trifft, die jeweils eine unterschiedliche Art zeigen, mit ihrer Trauer umzugehen. Da gibt es den Langweiner, der Trauer in Tränen ausbrechen lässt, die Schlafferschlange, der vor Trauer die Energie fehlt, oder die Kribelle, bei der Trauer Taubheitsgefühle auslöst. „Jedes dieser Tiere repräsentiert eine Facette der Trauer, die in dieser bunten Vielfalt auch Kindern das Gefühl gibt, es gibt keinen falschen Weg, traurig zu sein“, erläutert die Autorin. „Beim Thema Trauer geht es nicht nur um den Verlust eines Menschen“, betont Greipl. In ihrem Buch geht es genauso um Verluste, die mit Umzug, Flucht oder dem Verlust eines Tieres zu tun haben. „Trauer ist universell, aber sie fühlt sich für jeden anders an. Es ist nicht wichtig, warum du traurig bist, sondern dass du traurig bist“, unterstreicht die 43-Jährige. Genau dieser Gedanke zieht sich durch das gesamte Buch. Hainrich und die anderen Tiere können Kindern und Erwachsenen helfen, die verschiedenen Formen der Trauer zu erkennen und anzunehmen, ohne dass sie in eine feste, vorgegebene Geschichte gepresst werden. Die Autorin kritisiert, dass viele Kinderbücher zum Thema Trauer eine zu konkrete Geschichte erzählen, etwa die eines Kindes, das um einen verstorbenen Elternteil trauert. Doch Kinder können sich nicht immer mit einer solch spezifischen Geschichte identifizieren, so Greipl. Sie sagt: „Trauer ist individuell, sie betrifft jeden Menschen anders, und genau das wollte ich in meinem Buch abbilden.“

Die persönliche Geschichte hinter dem Buch

Die Inspiration für „Trau dich, Hainrich“ kam aus der eigenen Trauererfahrung von Veronika Greipl. 2021 verlor sie ihren Vater, und während sie sich intensiv mit ihrer eigenen Trauer auseinandersetzte, fiel ihr auf, wie unterschiedlich jeder in ihrer Familie mit dem Verlust umging. „Ich habe drei Geschwister, und wir alle haben unseren Papa verloren. Unsere Mutter ihren Mann. Jeder von uns ist anders mit der Trauer umgegangen.“ Diese unterschiedlichen Trauermuster ließen sie die Idee für die tierischen Charaktere ihres Buches entwickeln. Besonders spannend fand sie, wie ihre Tochter mit ihrer kindlichen Sprache neue Wortschöpfungen wie „Langweiner“ anstelle von „Langbeiner“ kreierte, was ihr als kreativen Ausgangspunkt für die Tiere diente. Hainrichs Reise ist also nicht nur eine fiktionale Erzählung, sondern auch ein Spiegelbild von Greipls eigenen Erfahrungen. Das Buch zeigt, dass es nicht die eine richtige Art gibt, mit Verlust umzugehen. Das Buch widmete Greipl ihrem Vater.

Duftöle können bei Trauer positiv zum Einsatz kommen. Das nutzt Greipl als Trauerbegleiterin.
Duftöle können bei Trauer positiv zum Einsatz kommen. Das nutzt Greipl als Trauerbegleiterin.

Es richtet sich an Kinder und Erwachsene, die sich mit dem Thema Trauer auseinandersetzen möchten. Es ist für Fachkräfte in Kitas, Schulen und der Trauerbegleitung ebenso geeignet wie für Eltern, die mit ihren Kindern über Verlust sprechen wollen, so Greipl. „Besonders wichtig ist die Frage, wie man mit Kindern über Trauer spricht, ohne zu versuchen, alle Antworten zu haben“, hebt die Autorin hervor. „Wie fühlt es sich an, tot zu sein?“, fragen Kinder oft. Und „Wie ist es im Himmel?“ Veronika Greipl empfiehlt, solche Fragen mit einer „philosophischen Haltung“ zu beantworten, das heißt, zusammen mit dem Kind nach Antworten zu suchen, ohne zu behaupten, man wisse es genau.

Anregung zur Selbstreflexion

In Greipls Buch finden sich Anregungen zur Selbstreflexion. So gibt es am Ende Felder, die ausgefüllt werden können. Beispielsweise durch die schriftliche Beantwortung der Frage „Was tue ich für mich, wenn ich traurig bin?“ Sie lädt ein, sich mit der eigenen Trauer auseinanderzusetzen und zu entdecken, welches Tier man selbst ist, wenn man traurig ist. „Es ist schön, das Buch in der Hand zu halten. Es ist etwas ganz Besonderes. Da stecken so viele Gedanken drin“, kommentiert die Autorin. Und das merkt man auch, wenn man die Seiten des Buches aufschlägt.

Die Illustrationen von Martina Thoben, einer ehemaligen Arbeitskollegin und Freundin von Greipl, sind lebendig und detailreich. Sie vermitteln auf kreative Weise die Gefühle und Stimmungen der Tiere. Und es ist umfangreich. Es ist kein Buch, in das man nur mal schnell reinschaut, beschreibt die 43-Jährige. „Das Buch ist kein typisches Bilderbuch zum Durchblättern für einen Abend, sondern ein Werk, das sich zum Beispiel als Ritual in den Alltag integrieren lässt“, so Greipl. Es gibt Menschen Raum für Gespräche und für das Verarbeiten von Trauer.

Das nächste Projekt

Bisher habe die Autorin durchweg positives Feedback zu ihrem Erstlingswerk erhalten. Der Erfolg von „Trau dich, Hainrich“ habe sie ermutigt, an einem weiteren Buch zu arbeiten. „Der Text ist fertig, jetzt fehlen noch die Illustrationen“, verrät sie. Es wird ein helles, freundliches, klassisches Bilderbuch werden mit wenig Text und vielen Bildern. Darin wird sich die Autorin mit dem Wunder des Lebens und Sterbens beschäftigen. Es soll helfen, für sich Antworten auf Fragen zu finden, die nicht einfach sind. Beispielsweise, wie sich Sterben anfühlt und was Körper und Seele miteinander zu tun haben. Auch hier werde es wieder darum gehen, auf einfache, aber tiefgründige Weise über Verlust und Trauer zu sprechen.

Daten zum Buch

Autorin: Veronika Greipl, Völlenerkönigsfehn

Illustratorin: Martina Thoben, Rhauderfehn

Erstauflage 2024, 300 Exemplare im Selbstverlag, zweite Auflage 2025, 500 Exemplare im Ehrlich Verlag

Das Buch ist über den Ehrlich Verlag für 16,90 Euro zu beziehen unter ehrlich-verlag.de

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