Osnabrücl  DRK als Samariter oder Wirtschaftsriese? Das schwierige Selbstbild von Wohlfahrtsverbänden

Karsten Krogmann
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Von Karsten Krogmann
| 17.01.2026 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
DRK-Einsatzjacke im Rettungswagen: Das Deutsche Rote Kreuz ist eine Größe im Sozialbereich – ebenso aber auch im Wirtschaftsbereich. Foto: Hannes P Albert
DRK-Einsatzjacke im Rettungswagen: Das Deutsche Rote Kreuz ist eine Größe im Sozialbereich – ebenso aber auch im Wirtschaftsbereich. Foto: Hannes P Albert
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Wohlfahrtsverbände sind wichtige Wirtschaftsfaktoren, mit Hunderttausenden von Angestellten und Milliardenumsatz. Nach der Pleite von DRK-Kreisverbänden stellt sich die Frage: Denken und handeln die Verbände auch so?

Der Kölner Wirtschaftsprofessor Dominik Enste spielt mit seinen Studenten gern ein Spiel. „Das funktioniert wie bei ‚Wer wird Millionär?‘“, sagt er, er stellt ihnen nämlich eine Quizfrage: Wer ist der größte nichtstaatliche Arbeitgeber in Deutschland? Wie in der Fernsehshow bietet er vier Antwortmöglichkeiten an: Deutsche Bank, Siemens, Caritas, DRK, so etwas.

Die Studenten überlegen ein bisschen, dann tippen sie auf „Siemens“ oder „Deutsche Bank“. „Sie liegen eigentlich immer falsch“, sagt Enste. „Sie haben die Wohlfahrtsverbände nicht auf dem Schirm.“

Die Caritas beschäftigt rund 740.000 hauptamtliche Mitarbeiter, bei der Diakonie sind es fast 670.000, beim Deutschen Roten Kreuz immerhin 140.000; hinzu kommen jeweils Hunderttausende ehrenamtliche Kräfte. Die Mitarbeiterzahlen von Siemens und der Deutschen Bank liegen in Deutschland im fünfstelligen Bereich.

Mit ihren Mitarbeitern bewegen die Wohlfahrtsverbände Milliardensummen. Bereits 2004 taxierte Enste die jährliche Wertschöpfung der sechs Spitzenverbände (Arbeiterwohlfahrt, Caritas, Diakonie, DRK, Paritätischer, Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland) auf 55 Milliarden Euro und damit auf „die Größenordnung wichtiger Schlüsselindustrien“. Neue Zahlen hat er seit Veröffentlichung seines Forschungsberichts „Die Wohlfahrtsverbände in Deutschland“ nicht erhoben, Enste geht aber davon aus, dass die Summe seither „dramatisch“ gewachsen ist. „Wir haben ja eine Explosion der Sozialausgaben“, sagt er: aufgrund von Demografie, aber auch aufgrund neuer Angebote für Flüchtlinge wie Unterkünfte, Integrationskurse oder Sprachunterricht.

Die Wohlfahrtsverbände sind bedeutende Wirtschaftsfaktoren, auch wenn sie nach außen gern anders auftreten: getragen von freiwilligen Helfern (obwohl die Zahl der hauptamtlichen Mitarbeiter zumeist größer ist), finanziert durch Spenden (obwohl, wie beim DRK, der größte Teil der Einnahmen längst Steuergeld ist). Zugespitzt könnte man daher auch fragen: Haben die Wohlfahrtsverbände sich selbst auf dem Schirm als Wirtschaftsgrößen?

Enstes Analyse von 2004 drehte sich um Fragen wie: Wie wirtschaftlich handeln die Wohlfahrtsverbände? Wo kollidiert ökonomisches Denken mit dem eigenen Selbstverständnis? Sind die zumeist ehrenamtlichen Aufsichtsgremien hinreichend kompetent besetzt? Wie aktuell diese Fragen sind, zeigen Krisen wie jüngst die Insolvenz der niedersächsischen DRK-Kreisverbände in Osnabrück-Stadt und Braunschweig/Salzgitter.

Ein Anruf also bei Dominik Enste, Jahrgang 1967, Institut der Deutschen Wirtschaft. Er sagt: „Wenn man etwas Gutes tun will, heißt das ja nicht, dass man es nicht professionell und effizient tun kann.“

Als eine mögliche Schwachstelle hatte sein Bericht die föderale Struktur beim DRK mit den rechtlich eigenständigen Kreis- und Ortsverbänden identifiziert. Die Landes- und Bundesebene hat nicht immer Einblick, ein Durchgriffsrecht gibt es auch nicht, die Überwachung der hauptamtlichen Geschäftsführung vor Ort obliegt ehrenamtlichen Gremien. Enste erkennt aber auch gute Argumente für eine dezentrale Organisation: So könne man besser vor Ort Menschen fürs Ehrenamt motivieren, gezielt lokale Bedarfe erkennen und notwendige Kontakte in die Politik pflegen.

Skeptischer als auf den Aufbau schaut Enste deshalb auf das Selbstverständnis als „Samariter“, das einer Professionalisierung im Weg stehen kann. Er wirbt für zweierlei:

1. Mehr Betriebswirtschaft, mehr Wettbewerb: „Das ist in der Regel ein guter Weg, das gleiche Angebot zu einem günstigeren Preis anzubieten oder bei gleichen Ausgaben mehr Menschen zu helfen.“

2. Effektiver Altruismus: „Es kann klug sein, auch dort ökonomisch zu denken, wo man es sonst nicht tut. Das heißt: Wenn jemand lange Jahre Vorstand einer Bank gewesen ist und jetzt in einem Kinderheim helfen möchte, dann sollte er dort nicht zum Pinsel greifen und Wände streichen, sondern sich die Finanzen anschauen“, sagt Enste.

Ein zweiter Anruf, diesmal bei Marcel Schütz: Jahrgang 1984, Organisationsforscher, Professor an der Northern Business School in Hamburg und an der Universität Oldenburg.

Wenn Schütz von Krisen wie zuletzt beim DRK hört, von Insolvenzen, Strafanzeigen und Ermittlungen, dann sagt er: „Schwarze Schafe gibt es in allen Organisationen.“ Aber er weiß auch: „Fehlverhalten wird als besonders verwerflich registriert, wenn es in Organisationen vorkommt, die sich der Gesundheit widmen, der Erziehung, dem Sozialen.“ Wenn also öffentlich intensiv über Pleiten beim DRK diskutiert wird und über mutmaßliches Fehlverhalten von Mitarbeitern, „dann sollten Sie das mitbedenken“, sagt Schütz am Telefon. Wenn es dann auch noch um Geld geht, das aus Spenden oder Steuermitteln stammt, „dann ist die öffentliche Aufmerksamkeit besonders groß“.

Die erste Frage, die Schütz beschäftigt, lautet: Treffen solche Krisen Organisationen wie das DRK häufiger als andere? Er bezweifelt das. Die zweite Frage ist: Was kann eine Organisation aus einer solchen Krise – Schütz spricht lieber von „Störung“ – lernen?

Natürlich sei es wünschenswert, wenn das DRK Kontrollstrukturen professionalisieren und sich betriebswirtschaftlich korrekt aufstellen könne, so Schütz. Er sehe aber einen „Zielkonflikt“, wie es in der Forschung heißt: Die Störung betreffe vor allem die öffentliche Anerkennung – und für Wohlfahrtsverbände sei es wesentlich, in der Öffentlichkeit nicht zu sehr mit dem Thema Geld in Verbindung gebracht zu werden. „Es gehört ein Stück weit zur Organisationsfassade, nicht vordergründig als Wirtschaftsbetrieb wahrgenommen zu werden.“

Doch, sagt in Köln Schütz’ Forschungskollege Dominik Enste am Ende des Gesprächs, er habe schon das Gefühl, dass die Diskussionen um eine Professionalisierung beim DRK auf fruchtbaren Boden fielen. So wirbt das DRK zum Beispiel seit 2018 in den lokalen Verbänden für eine neue „Integritätsrichtlinie“ und seit 2019 für „Transparenzstandards im Deutschen Roten Kreuz“.

Aber es wird vermutlich noch eine lange Weile dauern, bis Enste bei seinem kleinen Studentenquiz andere Antworten zu hören bekommt als „Siemens“ und „Deutsche Bank“.

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