Holocaust überlebt Volles Festspielhaus für Albrecht Weinberg
Der Auftritt vom Holocaust-Überlebenden Albrecht Weinberg aus Leer, fast 101 Jahre alt, hat in Emden Hunderte Besucher ins Festspielhaus gelockt. Er zog die Gäste in den Bann – und sorgte für Lacher.
Emden - Selten waren so viele Menschen wohl so ruhig wie die Hunderten Besucher im Festspielhaus in Emden, als Holocaust-Überlebender Albrecht Weinberg aus seinem Leben berichtete. Fast 101 Jahre alt – er hat am 7. März Geburtstag – ist er jetzt, doch seine Worte sind noch so klar wie seine Erinnerung. Auch wenn seine Begleitung Gerda Dänekas ihm hin und wieder aushalf. Jeden Tag denke er daran, was seiner Familie in Leer und im Konzentrationslager Auschwitz angetan wurde. „Ich kann es nicht vergessen“, sagte er vor dem vollen Festspielhaus. Es mussten sogar Gäste abgewiesen werden bei der kostenlosen Veranstaltung am Freitag, 16. Januar 2026. So groß war die Nachfrage.
In Rhauderfehn geboren, zog Albrecht Weinbergs Familie schon 1936 nach Leer um, weil die Kinder auf dem Fehn nicht mehr zur Schule gehen durften und es in Leer eine jüdische Schule gab. In seiner Biografie „Damit die Erinnerung nicht verblasst wie die Nummer auf meinem Arm“, aus der Schülerinnen des Max-Windmüller-Gymnasiums vorlasen, erzählt Weinberg davon, wie seine Schulkameraden ihn plötzlich bespuckten und mit Steinen nach ihm warfen. Ihn beschimpften. 1938 bei den Pogromen – Albrecht Weinberg war gerade 13 Jahre alt – wurde er mit seinen Eltern mitten in der Nacht aus dem Haus gerissen, geschlagen, beschimpft und über längere Zeit in einem Schlachthof festgehalten.
Die Eltern starben in Auswitz, die Geschwister überleben
Seine älteren Geschwister Friedel (Jahrgang 1923) und Dieter (1922) wohnten zu der Zeit nicht mehr zu Hause. Albrecht Weinberg beschreibt, dass seine Mutter nach dem Pogrom so schnell wie möglich nach Emden gereist ist, um Friedel zu holen. Sein Vater Alfred Weinberg wurde weiter festgehalten. Er kam erst im Februar 1939 aus dem KZ Sachsenhausen nach Leer zurück. Dieter musste noch im Dezember 1938 in eine Gartenbauschule nach Ahlem und Friedel und Albrecht kamen im Sommer 1939 auf ein schlesisches Landgut nach Groß Breesen.
Nach mehreren (Zwangs-)Umzügen und Stationen wurde Dieter 1943 als Erster aus der Familie ins KZ Auswitz gebracht, auch Friedel und Albrecht wurden in dem Jahr dorthin verschleppt. Albrecht Weinberg beschreibt in seinen Memoiren, wie er alleine mit dem Horror fertig werden musste, bis er durch eine glückliche Fügung Dieter in Auswitz begegnete. Seinem großen Bruder hat er sein Überleben zu verdanken, ist er sicher. Dieser verhalf ihm zu besserer Arbeit, zu mehr Essen und Schutz. Albrecht musste zwei Jahre im KZ arbeiten, er überlebte drei Todesmärsche und gelangte im Februar 1945 ins KZ Mittelbau-Dora. Im April 1945 wurde er in Bergen-Belsen befreit. Auch seine Geschwister überlebten. Die Eltern wurden in Auswitz im Oktober 1944 ermordet, wahrscheinlich direkt nach ihrer Ankunft dort.
Albrecht Weinberg sorgte für einige Lacher
Dieter starb 1946 – also unmittelbar nach Kriegsende – in Leer bei einem Unfall. „Er ist angeblich ertrunken“, so Albrecht Weinberg. Ganz glauben, kann er es wohl bis heute nicht. Friedel und Albrecht, beide Anfang 20, wanderten nach Amerika aus und fassten in New York Fuß. Mit 7000 Dollar, die er sich hart erarbeitete, öffneten Albrecht mit einem anderen Holocaust-Überlebenden eine Fleischerei. Mit diesem Gewerbe war er groß geworden, sein Vater hatte eine Schlachterei gehabt. Im Festspielhaus sorgte Weinberg für Lacher, als er von seiner Katze erzählte, die er sich zum Mäusejagen für seine New Yorker Fleischerei besorgt hatte. Gut 17 Jahre lang sei das Tier, das versehentlich die Hälfte seines Schwanzes durch ein Hackebeil verlor, das Maskottchen seines Ladens gewesen.
Albrecht Weinberg heiratete nie – ebenso wenig wie seine Schwester Friedel. Sie hatten einander auch das Versprechen gegeben, nie Kinder in die Welt zu setzen, die Ähnliches erleben könnten wie sie. Auch hatten sie einander geschworen, nie wieder nach Deutschland zu reisen. Amerika sei ein Schlaraffenland gewesen für sie, sagte Weinberg im Festspielhaus. 60 Jahre lebten sie in New York. Dort seien sie mit offenen Armen empfangen worden. Dort sei ihre Heimat gewesen. Doch 1985 kam eine Einladung aus Leer für eine zweiwöchige Reise. Sie lehnten diese zunächst ab, so Weinberg. Doch als ihnen dann ein Foto aus Leer geschickt wurde von anderen Holocaust-Überlebenden, die der Einladung gefolgt waren, hatten sie einige Cousins erkannt. So reisten sie doch hin.
Ein Glück: Gerda Dänekas packt an
In Leer knüpften sie neue Kontakte, die sie über Jahre pflegten. Es habe ihn ganz überrascht, dass es dort „normale“ Menschen gebe. Als Friedel Weinberg 2011 in Florida einen Schlaganfall erlitt und Albrecht aufgrund seines schlechteren Sehvermögens sie nicht pflegen konnte, schlugen Bekannte aus Ostfriesland vor, dass die beiden nach Deutschland umziehen könnten wegen der besseren Gesundheitsversorgung. „Und dann haben wir unsere Klamotten gepackt und sind hingeflogen“, sagte Weinberg im Festspielhaus. Sie lebten kurz gemeinsam in einem Leeraner Pflegeheim, doch Friedel Weinberg starb im Mai 2012.
Gerda Dänekas, Altenpflegerin, hatte beide gekannt und sich auf Bitte ihres Chefs besonders um die Geschwister gekümmert. Albrecht habe sich unwohl im Heim gefühlt, so Dänekas im Festspielhaus. Richtig Anschluss habe er nicht finden können, weil ihn die Fragen umgetrieben hätten, ob sein Gegenüber im Heim vielleicht ein Nazi gewesen war oder jemand, der tatenlos hinter den Gardinen gestanden und zugesehen hatte, als sie zum Pogrom durch Leer getrieben wurden. Während der Pandemie war für Gerda Dänekas schnell klar: „Das überlebt der Mann nicht.“ Kurzerhand organisierte sie 2020 eine Senioren-WG für sie beide. Ihr Mann habe sie bis zu seinem Tod vor rund neun Jahren in ihrem Engagement unterstützt, ihre Söhne und Enkel unterstützten sie noch heute. „Mein Leben hat sich völlig verändert“, sagte sie.
Minutenlang stehender Applaus für Weinberg
Nach Friedel Weinbergs Tod hatte Albrecht Weinberg in Begleitung von Gerda Dänekas vermehrt Schulen besucht, um über seine Erfahrungen zu sprechen. „Gerade in Schulen fliegen Albrecht die Herzen zu. Er ist sehr empathisch, er unterhält sich über Alltägliches mit den Schülern“, sagt sie. Sie reisten gemeinsam unter anderem nach Berlin, Hamburg, Bergen-Belsen, Israel und New York. 2016 wurde ihm die Ehrenbürgerschaft in Rhauderfehn verliehen und 2020 das Gymnasium in Rhauderfehn zum Albrecht-Weinberg-Gymnasium. „Das war fabelhaft“, sagte Weinberg in Emden. Rhauderfehn sei früher eine „braune Hochburg“ gewesen, in der Neuzeit sei es einer der ersten Orte mit Stolpersteinen geworden.
Völlig unverständlich für Weinberg und Dänekas: Weil er einen deutschen Pass haben wollte, musste er einen Einbürgerungs-Antrag stellen und die volle Gebühr berappen – „obwohl ich den Geburtsschein aus Rhauderfehn hatte“, so Weinberg. Er sei sogar zu einer Einbürgerungsfeier für „neue Deutsche“ eingeladen worden. Bundesweit Bekanntheit erlangte Albrecht Weinberg unter anderem im Januar 2025, als er sein 2017 verliehenes Bundesverdienstkreuz abgeben wollte, nachdem im Bundestag ein Entschließungsantrag der CDU/CSU zur Migrationspolitik durch die Stimmen der AfD eine Mehrheit erhalten hatte. Trotz der Bitte von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD), das noch einmal zu überdenken, gab er sein Verdienstkreuz im Februar zurück.
Erschöpfung: Albrecht Weinberg muss kürzer treten
Zuletzt wurde es mit den Terminen so viel, berichtete Gerda Dänekas, dass sie teilweise drei Auftritte am Tag hatten. Im Mai 2025 hat Weinberg sich unter anderem ins Goldene Buch der Stadt Emden eingetragen. Im Juli 2025 musste Gerda Dänekas die Reißleine ziehen, weil es Albrecht Weinberg nicht gut ging. Der Auftritt im Festspielhaus jetzt sei schon eine besondere Ausnahme. Viele große Auftritte werde es wohl nicht mehr geben, deutete sie an. Zu anstrengend für den 100-Jährigen.
Ansonsten beschrieb sie aber, wie geistig fit Albrecht Weinberg noch sei. Alles rund um den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg möchte er lesen beziehungsweise vorgelesen bekommen. Fast durchgehend beschäftige er sich damit. „Manchmal denke ich, ich werde bekloppt“, sagte Gerda Dänekas frei heraus. Manchmal sei er aber auch einfach schlecht gelaunt und wolle nicht mehr. „Werd du mal 100“, sage er dann oft zu ihr. „Manchmal schimpft sie mich gut aus“, sagte Weinberg mit einem Lächeln. Wie sieht Gerda Dänekas in die Zukunft, fragten die Moderatorinnen sie. Sie werde ihn bis zum Ende begleiten, betonte sie. Egal, wie viele Jahre das noch sein mochten. „Auch bis 105“, sagte sie. Für ihr Engagement erhielt sie viel Applaus. Wie sieht Albrecht Weinberg in die Zukunft? „Schlecht, meine Augen sind nicht mehr gut.“ Gelächter im Publikum.
1500 Bäume für Albrecht Weinberg
Erst vor kurzem wurde die Albrecht-Weinberg-Gesellschaft in Rhauderfehn gegründet. Ihm zu Ehren werden 1500 Bäume gepflanzt, wie Weinberg stolz im Festspielhaus erwähnte. Humorvoll fragte er die Max-Windmüller-Gesellschaft in Emden, bei der er und Gerda Dänekas Ehrenmitglieder sind, ob denn auch schon 1500 Bäume für den Widerstandskämpfer und Holocaust-Ermordeten Windmüller gepflanzt wurden. „Wir sind dran“, gab Max-Lehrer und Gesellschafts-Vorsitzender Kai Gembler ebenso humorvoll zurück.
Albecht Weinberg bedankte sich im Festspielhaus für das große Interesse des Publikums. „Ich kann manchmal nicht glauben, dass ich meinen Lebensabend so schön verbringe“, sagte er. Er sei der Gaskammer entlaufe und habe die letzten Jahre im Schlaraffenland verbracht. Als Zeitzeuge habe er aber auch seine Verantwortung gesehen, sagte Buchautor Nicholas Büchse über Weinbergs Engagement. „Das habe ich nie gemacht in Amerika, da wollte ich nie darüber reden“, sagte der 100-Jährige.
Bis fast 21 Uhr ging der Abend, durch den die Moderatorinnen Lea Gerdhabing und Rieke Götemann als Max-Schülerinnen souverän führten. Sie interviewten Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos), Kai Gembler, Nicholas Büchse als Autor des Weinberg-Buchs sowie Gerda Dänekas und den Ehrengast Albrecht Weinberg. Riemke Langer, Nia Ysker, Lale Trieschmann und Deike Miege lasen aus Albrecht Weinbergs Buch vor. Am Ende gab es minutenlang stehenden Applaus für Weinberg und die Veranstaltung.
Hinweis dieser Redaktion: In die vorige Version dieses Texts haben sich einige Fehler geschlichen: Die Pogrome waren natürlich 1938, nicht 1939. Albrechts Mutter Flora hat Friedel danach alleine geholt und nicht mit Albrecht zusammen. Albrechts Bruder Dieter ist im Oktober 1946 verstorben, nicht 1947.