Betrug Christian Rademacher-Jelten steht erneut vor Gericht
Christian Rademacher-Jelten ist erneut angeklagt. Er kam direkt aus dem Gefängnis ins Landgericht Aurich. Mit einem 65-jährigen Wiesmoorer soll er einen Betrug mit einem Luxusauto geplant haben.
Aurich/Wiesmoor - Waren Verträge mit hochpreisigen Autos ein Teil des Firmen- und Finanzgeflechts von Christian Rademacher-Jelten? Dieser Frage ging die 1. Große Strafkammer des Landgerichts Aurich am Dienstag, 20. Januar 2026, nach. Der 60 Jahre alte Ex-Bürgermeisterkandidat und Unternehmer aus Wiesmoor musste sich mit einem 65 Jahre alten Mitangeklagten aus Wiesmoor wegen des Verdachts auf Betrug verantworten.
Im Mittelpunkt des Verfahrens steht konkret nur ein Fahrzeug der Luxusklasse – doch in der mehrstündigen Verhandlung wurde deutlich, dass dies nicht das einzige hochwertige Auto im Umfeld des Unternehmers ist, dessen Kauf und Verbleib Fragen aufwirft. Rademacher-Jelten wurde bereits in verschiedenen anderen Verfahren verurteilt und befindet sich derzeit in Haft. Für den Termin wurde er aus der Justizvollzugsanstalt in den Gerichtssaal gebracht. Der Mercedes-Benz AMG GT 53 4Matic+ im Wert von 146.000 Euro wurde im Juli 2023 über eine Gesellschaft angeschafft.
Teures Luxusauto sollte in den Kosovo verkauft werden
Die Staatsanwaltschaft Aurich geht davon aus, dass die beiden Angeklagten schon beim Kauf des Autos nicht geplant hatten, es zu bezahlen. Stattdessen habe man das Ziel verfolgt, es ins Ausland zu bringen, wo Gläubiger es nicht aufspüren könnten. Tatsächlich wurde der gesuchte Mercedes schließlich bei Kontrollen an der Grenze zu Albanien sichergestellt. Die Grenzbeamten informierten das Bundeskriminalamt. Offenbar sollte der Wagen in den Kosovo verkauft werden, las Staatsanwalt Stefan Gleissner aus der Anklageschrift vor.
Rademacher-Jelten soll den Deal gemeinsam mit einem Dritten in einem Oldenburger Autohaus klargemacht haben. Das schilderte der Autoverkäufer, ein Mitarbeiter eines Oldenburger Autohauses, der als Zeuge geladen war. Demnach war der Wiesmoorer mit dem ehemaligen Friseur des Verkäufers aufgetreten. Die Unterschrift unter dem Kaufvertrag aber stammt von dem 65-Jährigen, der nun neben ihm im Gerichtssaal Platz genommen hatte – und sich seiner Einlassung nach nicht an die Unterzeichnung der Papiere erinnern kann. Rademacher-Jelten und sein Begleiter hatten dem Automobilverkäufer eine Vollmacht des Käufers für eine Firma aus der Gastronomieszene vorgelegt. Später fand die Polizei im Zuge der Ermittlungen gegen Rademacher-Jelten eine Reihe von Briefkästen in Berlin. Die hier in Erscheinung getretene Gesellschaft war eine dieser Scheinfirmen, die auf den 60-Jährigen zurückgeführt werden.
Verteidiger fordert, das Verfahren sofort wieder einzustellen
Den Verkäufer hatte die Vorlage der Vollmacht nicht stutzig gemacht. Das sei gängige Praxis, stellte er klar. Die Summe für den Kauf des Autos wurde durch einen Autokredit bereitgestellt. Getilgt wurde der Kredit nicht, auch die Anzahlung für das teure Auto floss nicht. Erst als die Bank damit drohte, das Fahrzeug sicherstellen zu lassen, wurden einige Raten getilgt. Insgesamt entstand der Mercedes-Benz-Bank ein Schaden in Höhe von etwa 130.000 Euro.
Fünf Zeugen sagten an diesem ersten Verhandlungstag in der Sache aus. Zuvor aber monierte Rademacher-Jeltens Verteidiger Dr. Kristian F. Stoffers das Fehlen eines Schreibens sowie andere Formfehler: „Die Anklageschrift als solche ist so fehlerhaft, dass das Verfahren nicht hätte eröffnet werden dürfen.“ Er forderte, es aufgrund der Unvollständigkeit und der Mängel einzustellen. Nach einer Beratung wurden die Anträge abgelehnt.
Inkasso-Unternehmen sollte Mercedes sicherstellen
Während sich Rademacher-Jelten bisher nicht zum Vorwurf des gewerbsmäßigen Betrugs äußerte, ließ sein 65-jähriger ehemaliger Geschäftspartner durch seinen Verteidiger Michael Schmidt seine Sicht der Ereignisse verlesen. Der Mann ist infolge einer schweren Erkrankung gesundheitlich stark beeinträchtigt und gab an, 2023 bereits in Behandlung gewesen zu sein. Die Kaufverträge für den Mercedes-Benz habe er somit möglicherweise unter starkem Medikamenteneinfluss im Krankenhaus unterzeichnet. Er hält es für denkbar, dass er dem Friseur und Geschäftspartner, der beim Autohändler in Erscheinung getreten war, unwissentlich die Papiere unterschrieben hat.
„Das ist alles ein bisschen vernebelt“, sagte der Angeklagte über den fraglichen Zeitraum. Der 65-Jährige gab an, nichts vom Kauf des Autos gewusst zu haben. Gleichzeitig wusste er eines aber sicher: Christian Rademacher-Jelten habe mit dieser Angelegenheit nichts zu tun. Dem Vorsitzenden Richter Malte Sanders erschien dies nicht plausibel – denn bei einem Anruf des Mitarbeiters eines Inkasso-Unternehmens in Berlin hatte der Käufer des hochpreisigen Autos angegeben, es befinde sich bei Rademacher-Jelten. „Er wusste sofort, um welches Fahrzeug es sich handelte“, erinnerte sich der Sichersteller. Die Bank hatte das Unternehmen beauftragt, das Auto sicherzustellen, da die Raten nicht bezahlt wurden. Zu diesem Zeitpunkt, sagte der Zeuge, seien bereits erste Parallelen zu anderen Fällen bekannt geworden.
Wiesmoorer Fahrlehrer wurde zum Autovermieter
Von insgesamt vier dieser Fälle berichtete der ehemalige Betreiber einer Fahrschule in Wiesmoor. Dessen Firma war unter anderem aus familiären Gründen finanziell in Schieflage geraten. Der 49 Jahre alte Zeuge berichtet, er habe sich im Herbst 2023 an Rademacher-Jelten gewandt, weil die Banken ihm keine weiteren Kredite geben wollten. Letzterer habe ihm die Geschäftsidee unterbreitet, er solle eine Autovermietung gründen. Dafür sollte er hochpreisige Fahrzeuge kaufen. Der Wiesmoorer Geschäftsmann wollte sie vermitteln.
Der Fahrschullehrer kaufte nicht nur vier teure Autos mit einer Gesamtkreditsumme von 286.000 Euro; er habe zudem gutgläubig alles unterschrieben, was Rademacher-Jelten ihm vorlegte, sagte er als Zeuge im Gerichtssaal. Auch habe er ihm die Bilanzen der Fahrschule und Gehaltsabrechnungen gegeben. Diese dienten wahrscheinlich verändert als Grundlage der Käufe. Geld durch die Vermietung aber bekam der Fahrlehrer nie. Erst kurz vor der Inhaftierung Rademacher-Jeltens ging ihm auf: „Irgendwas stimmt doch hier nicht.“ Die Fahrschule ist insolvent. Gegen den Fahrlehrer laufen Verfahren wegen Betrugs und Insolvenzverschleppung. Er hat Wiesmoor verlassen.
Betrug: Wer unterschreibt, haftet
Seine Schulden, überschlug er, belaufen sich auf eine halbe Million Euro. Etwa 200.000 Euro davon sind das Resultat des vermeintlichen Deals mit der Autovermietung, die ihn finanziell eigentlich hatte retten sollen. Schulden, für die er vollumfassend verantwortlich ist. „Ich hab den Kram unterschrieben. Die Banken wenden sich an mich. Ich war dumm“, sagte er. Auch juristisch hat das Ganze gravierende Folgen. Der Fahrschulbetreiber hatte sich nicht vorstellen können, dass ein Bekannter ihn betrügen würde. „Man kannte sich. Er war Vorsitzender des Fußballvereins und Bürgermeisterkandidat“, fasste er fast schon resigniert zusammen. „Ich war echt zu naiv.“
Den Verbleib der Autos kennt der 49-Jährige nur teilweise. „Ob die Fahrzeuge wirklich vermietet waren, kann ich nicht sagen.“ Die Unterlagen habe er den Banken oder der Polizei übergeben. Ein durch ihn angeschaffter Mercedes-Benz war mit einem Motorschaden aufgefunden worden. Für ein weiteres Fahrzeug habe er Post wegen Geschwindigkeitsverstößen bekommen und somit einen Anhaltspunkt gefunden, wo sich das Fahrzeug befand. Ein weiteres konnte er in Oldenburg ausfindig machen.
Spuren der Polizei führen aus Berlin zum Autozentrum Wiesmoor
Bei der Polizeiinspektion Aurich/Wittmund hat man einen besseren Überblick über den Verbleib der Fahrzeuge und die Zusammenhänge. Zwei Beamte sagten vor Gericht darüber aus, was es mit dem für das Verfahren relevanten Mercedes-Benz und den vier für die Vermietung über den Fahrschullehrer angeschafften Autos auf sich hat. Im August 2024 hatten die Beamten die Ermittlungsakte aus Berlin erhalten, da dort davon ausgegangen wurde, dass die Fahrzeuge sich in Ostfriesland befanden. Unter anderem tauchte das Autozentrum in Wiesmoor als mögliche Adresse auf. Es befand sich im Besitz von Christian Rademacher-Jelten. Das berichtete ein 52 Jahre alter Polizeihauptkommissar.
Der Geschäftsmann hatte das Autohaus laut Unterlagen aber an einen vietnamesischen Staatsangehörigen untervermietet. Der, so der Polizeibeamte, gab jedoch die gleiche Wohnadresse an wie der Wiesmoorer – und wurde trotz groß angelegter Fahndung nicht gefunden. Dafür tauchten ab und an unterschlagene Autos auf: in Spanien oder an der Grenze in den Kosovo. Andere Fahrzeuge waren in einem Radius um Wiesmoor unterwegs: Eines wurde mehrfach am Wohnhaus Rademacher-Jeltens gesehen, so ein Polizist. Die Nutzer der Fahrzeuge, die nach und nach bekannt wurden, konnten teilweise einem kriminellen oder Clan-Milieu zugeordnet werden. So hatte ein Fahrer eine fünfstellige Summe Bargeld dabei, als er in eine Polizeikontrolle geriet. Gegen ihn wird wegen des Verdachts auf Geldwäsche ermittelt. Am Steuer eines anderen Wagens saß ein Fahrer, der der Polizei aufgrund eines Drogenverfahrens bekannt war.
Die Verhandlung wird am Dienstag, 3. Februar 2026, um 9 Uhr fortgesetzt.