Nordhorn Auch mit 90 Jahren fährt Helmut Hartwig noch für die Tafel Lebensmittel aus
Mit 90 Jahren ist Helmut Hartwig immer noch für die Tafel im Einsatz. Er liefert zweimal pro Woche Lebensmittel an Bedürftige aus und bleibt durch diese Arbeit auch im hohen Alter fit. Ein wahres Vorbild.
Als Helmut Hartwig im Kindesalter einmal einen Bauern um ein paar Kartoffeln bittet, weil seine Familie nicht viel Geld hat, lehnt der Bauer mit den Worten ab: „Die Kartoffeln gebe ich meinen Schweinen zu essen, und die Schweine esse ich dann.“ Heute ist Hartwig in einer besseren Position und hilft denjenigen, die weniger haben: Seit 18 Jahren ist er für die Tafel aktiv.
Von allen Helfern der ehrenamtlichen Lebensmittelausgabe in Nordhorn im westlichsten Niedersachsen ist er der Älteste: Jüngst hat Helmut Hartwig seinen 90. Geburtstag im Kreise seiner Familie und Freunde gefeiert.
Zweimal pro Woche ist er im Einsatz für die Tafel – und zwar ehrenamtlich. „Um fit zu bleiben“, begründet er sein Engagement. In seinem Lieferwagen fährt er dann die Lebensmittel zu Bedürftigen, die nicht selbst zur Tafel kommen können, oder er holt Übriggebliebenes aus Supermärkten ab.
Wie es ist, nicht genug zu essen zu haben, hat der heute 90-Jährige am eigenen Leib erfahren. Als Kind flieht Helmut Hartwig mit seiner Familie aus Schlesien nach Bayern.
Wohlhabend sind sie nicht, aber er habe eine glückliche Kindheit verbracht, sagt er rückblickend: „Wir haben jeden Tag Fußball gespielt. Den Ball haben wir uns aus Lumpen zusammengebaut. Hauptsache, wir hatten was, wo wir gegentreten können.“ Sein Schulweg beträgt damals fast fünf Kilometer, die er zu Fuß zurücklegt. „Ich bin gerne zur Schule gegangen“, erinnert er sich.
Dort, wo er als Kind lebt, haben fast nur die Bauern ausreichend zu essen. Er selbst bekommt von seiner Mutter immer ein Pausenbrot mit, das mit Grießbrei belegt ist. „Manchmal waren sogar noch Zwiebeln drauf“, ergänzt er. „Wenn dann die Bauernjungs mit ihren dick belegten Broten zur Schule kamen, habe ich manchmal mit ihnen getauscht.“
Zu einigen Freunden aus dieser Zeit hält Hartwig noch bis zu ihrem Tod Briefkontakt und besucht sie auch regelmäßig in Bayern. Seine Liebsten zu überleben, sei ein Nachteil daran, so alt zu werden, sagt er, „aber die Briefe bleiben ewig erhalten.“
Im Jugendalter zieht Hartwig dann mit seiner Familie nach Gelsenkirchen. „Mein Vater hat gesagt, wir gehen dahin, wo es Arbeit gibt“, erinnert er sich. Im Alter von 15 Jahren beginnt er eine Lehre als Elektriker im Bergbau. „Als ich aus der Lehre kam, habe ich gesehen, wie alte Kollegen von mir prustend auf der Parkbank saßen. So wollte ich nicht werden, ich wollte im Alter fit sein.“
In die Grafschaft Bentheim in Niedersachsen zieht es ihn nach seiner Lehre der Familie wegen: Seine Schwester wohnt bereits hier, also beschließt Hartwig, ein Haus in Klausheide zu bauen. Aufgrund seiner Arbeit als Elektriker bei Siemens ist er aber in aller Welt unterwegs – von Luxemburg bis Russland oder Schweden.
Mit 60 Jahren dann der Schock: Helmut Hartwig hat Darmkrebs. Die Krankheit übersteht er, sie ist aber der Grund, warum er früher die Rente antritt.
Nach der Genesung möchte er auch gesund bleiben. Also beschließt Helmut Hartwig ein paar Jahre nach Renteneintritt, sich ehrenamtlich zu engagieren. Über Freunde wird er dann Teil des Teams der Tafel in Nordhorn. Anfangs hat er noch an der Essensausgabe geholfen, heute fährt er nur noch den Lieferwagen.
Damit er sicher auf den Straßen unterwegs ist, hat der 90-Jährige schon mehrfach Fahrsicherheitstrainings absolviert. Knapp fünfeinhalb Stunden ist er dienstags und samstags unterwegs.
Als Dankeschön gehen die Mitarbeiter der Tafel mit den Helfern auch mal essen, ins Kino oder auf den Weihnachtsmarkt. 2016 erhält der Rentner außerdem die 500. Goldene Ehrenamtskarte, mit der er mehr als 100 ermäßigte oder kostenlose Angebote in der Grafschaft und in ganz Niedersachsen nutzen kann. Den Zeitungsbericht darüber bewahrt er stolz in einem Ordner mit wichtigen Unterlagen auf.
Dass er nicht bezahlt wird, stört Hartwig keineswegs, aber er weiß: „Es ist ganz schön schwierig, Leute für eine Tätigkeit zu begeistern, für die man nicht bezahlt wird.“ Er selbst möchte sich engagieren, so lange es geht: „Solange der Chef allen Lebens es zulässt, mache ich weiter.“
Dieser Text erschien zuerst in den „Grafschafter Nachrichten“