Frau am Freitag Das Haus meiner Oma

Ute Nobel
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Eine Kolumne von Ute Nobel
| 23.01.2026 06:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Johannisbeeren – eine Frucht, die mich immer an meine Oma erinnert. Symbolfoto: Pixabay
Johannisbeeren – eine Frucht, die mich immer an meine Oma erinnert. Symbolfoto: Pixabay
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Die Frau am Freitag war noch einmal im Haus ihrer verstorbenen Oma – und weiß: Gegen den Schmerz des Verlustes helfen die warmen Erinnerungen von früher.

Wenn man früher das Haus meiner Oma betrat, roch es oft herrlich nach Essen. Nach Bratkartoffeln mit Spiegelei, nach Reibekuchen oder Apfelcrumble. Bevor man vom Flur aus in die Küche ging, klopfte man dreimal kurz an die hölzerne Küchentür. Denn wir nahmen immer den Hintereingang – natürlich ohne zu klingeln. Das machten nur förmliche Gäste, niemals die Familie. Das Geräusch des Klopfens hallt noch in meinen Ohren nach. Aber heute sagt niemand „Herein“.

Vom Küchenfenster aus konnte man auf die großen Johannisbeersträucher gucken, von denen wir als Kinder Schüsseln voll Beeren gepflückt und sie dann mit Zucker – und manchmal mit Vanilleeis – gegessen haben. Im Sommer wurde auf der Terrasse davor die alte Zinkwanne mit Regenwasser gefüllt, in der wir dann mit Vergnügen plantschten.

Jetzt ist es hier leer und kahl, ein in die Jahre gekommenes Häuschen mit alten Türen und dunklem Teppich. Der Geruch ist irgendwie noch der alte, aber alles andere ist kleiner und kälter als in meiner Erinnerung. Als hätte meine Oma auch die Seele des Hauses mitgenommen, als sie gegangen ist.

An der Garderobe hängt noch ihre Weste. Sie hat sie immer angezogen, um jeden Besucher nach draußen zu begleiten – bis zum Ende der Straße. Dort hat sie gewunken, so lange, bis ihr Winken in der Kurve der Straße verschwand.

So ist das mit Verlusten. Sie tun weh und sie kommen plötzlich. Selbst wenn man sich Monate oder Jahre darauf vorbereiten kann. Aber bei all der Schwere im Herzen sind es die Erinnerungen an volle Schalen mit Johannisbeeren und warme Sommer in Zinkwannen, die einem helfen – tapfer zu bleiben.

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