Bersenbrück  „Man hat kaum Handhabe“: Wie Jugendliche eine Bibliothekarin in den Burnout trieben

Raphael Steffen
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Von Raphael Steffen
| 23.01.2026 08:55 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Immer wieder wird über Gewalt an Schulen diskutiert. Eine ehemalige Bibliothekarin aus dem Landkreis Osnabrück erzählt, was ihr widerfahren ist. Foto: Imago images/Rolf Poss
Immer wieder wird über Gewalt an Schulen diskutiert. Eine ehemalige Bibliothekarin aus dem Landkreis Osnabrück erzählt, was ihr widerfahren ist. Foto: Imago images/Rolf Poss
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Acht Jahre lang arbeitete Jeannette Hammel als Bibliothekarin in Bersenbrück. Dabei machten ihr Probleme mit Schülern immer mehr zu schaffen – bis sie die Stelle wechseln musste. Das Unsicherheitsgefühl wird sie bis heute nicht los.

Wenn Jeannette Hammel heute über ihre Zeit als Leiterin der Bibliothek im Medienforum Bersenbrück spricht, schwingt immer noch etwas Ängstlichkeit mit. Die Verunsicherung sitzt tief in der 39-Jährigen. Aber es ist auch Erleichterung zu spüren – Erleichterung, dass dieses Kapitel nun hinter ihr liegt. Hammel hat rechtzeitig die Reißleine gezogen.

Von 2015 bis 2023 hat Hammel im Osnabrücker Nordkreis gearbeitet. Es war ihre erste Leitungsposition. Das Medienforum liegt direkt zwischen zwei Schulen: dem Gymnasium und der BBS Bersenbrück. Es sei explizit auch als Schulbibliothek angelegt, während die Nachmittage für die Öffentlichkeit da seien, erklärt Jeannette Hammel. Doch die Schüler waren es, die ihr das Leben schwermachten – und zuletzt einen Burnout auslösten.

In der Debatte um Ausmaß und Schwere von Gewalt an Schulen stehen häufig Auseinandersetzungen zwischen Schülern, Lehrern und Eltern im Fokus. Doch betroffen sind auch weitere Beschäftigte und Personen aus dem Umfeld von Bildungseinrichtungen. Es geht eher selten um körperliche Angriffe, dafür um Vandalismus, Mobbing, Respektlosigkeiten. Und das, was es mit Menschen machen kann. Mit Menschen wie Jeannette Hammel.

Vor allem in den Pausen kamen die Kinder und Jugendlichen der umliegenden Schulen ins Medienforum. Was eigentlich ein schönes Zeichen sein könnte – dafür, dass die Angebote der Bibliothek gern angenommen werden – kippte schnell ins Gegenteil. „Es gab ganz tolle Schüler“, betont Hammel in der Rückschau: „Wenn bestimmte Leute nicht da waren, ging alles gut.“

Doch „bestimmte Leute“ entdeckten die Bibliothek offenbar schnell als ihren Freiraum, wo sie Regeln brechen und sich austoben konnten: pubertäre Teenager, mehr Jungs als Mädchen, entgegen dem Klischee eher Gymnasiasten als Berufsschüler. Die Lautstärke steigerte sich, es wurde mit Feuerzeugen an Tischen gekokelt, die unflätigen Bemerkungen wurden mehr und schlimmer, die Konflikte nahmen zu. Flaschen flogen aus dem Fenster. Und Hammel fühlte sich machtlos. „Man hat kaum eine Handhabe als Nichtlehrer.“

Sie suchte sich Hilfe bei den Schulen, sprach Hausverbote aus, drohte auch mal mit der Polizei, rief sie letztlich aber nie. Es kam nicht zu Schubsen, Schlägen oder Tritten. Aber allein einer Gruppe Jugendlicher gegenüber, alle einen Kopf größer und mindestens verbal aggressiv – das hielt Hammel irgendwann nicht mehr aus. Es folgten Burnout, eine lange Ausfallzeit, schließlich die Kündigung.

Seit 2023 ist sie raus und arbeitet jetzt in der Stadtbücherei Espelkamp.

Man könnte einwenden, dass Jeannette Hammel vielleicht nicht durchsetzungsfähig genug gewesen sei. Dass es irgendwie an ihr gelegen, sie nicht die richtige Ansprache gefunden habe, keine Autorität ausstrahle. Dass Jugendliche schon immer wild gewesen seien und man eben damit klarkommen müsse.

Aber es ist ja nicht nur sie, die findet, dass es so an den Schulen nicht weitergehen kann. Auch Schulleiter und Gewerkschafter sehen eine beunruhigende Tendenz hin zu mehr Gewalt, obwohl valide, belastbare Zahlen oftmals fehlen. Jeannette Hammel hat keine perfekte Lösung parat. Sie hätte sich in Bersenbrück mehr Unterstützung gewünscht, mehr Aufmerksamkeit für ihre Probleme und die Bereitschaft zur Reflexion bei Schülern, Lehrern, Eltern, Entscheidungsträgern.

Die Standardantwort „mehr Personal“ könne da nur „der erste Schritt von viel zu vielen sein“. In Espelkamp, wo sie heute lebt und arbeitet, habe sie es gut getroffen. Veranstaltungen mit Jugendlichen macht sie jedoch bewusst nicht mehr. „Die Unsicherheit ist weiter da. Mal sehen, ob sie wieder weggeht.“ Mit den Folgen ihres Burnouts kämpft sie immer noch.

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