Suchtverhalten  Auricher beim Erstkonsum immer jünger

Karin Böhmer
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Von Karin Böhmer
| 26.01.2026 08:34 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Ein Mädchen sitzt hinter leeren Bierflaschen. Foto: Alexander Heinl/DPA
Ein Mädchen sitzt hinter leeren Bierflaschen. Foto: Alexander Heinl/DPA
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Zigaretten, Alkohol, Cannabis und Glücksspiel – schon Kinder machen damit erste Erfahrungen. Was Landkreis und Gemeinden gegen die Entstehung von Abhängigkeit tun wollen.

Aurich - Jugendliche und Kinder im Landkreis Aurich sind immer jünger, wenn sie das erste Mal mit Alkohol, Drogen und anderen Suchtmitteln in Kontakt kommen. Das zeigt eine Befragung von Schülern weiterführender Schulen, die die Kreisverwaltung kürzlich im Schulausschuss der Stadt Aurich vorgestellt hat. Hintergrund ist die anstehende Ausweitung des Programms „Suchtprävention in Schulen“ des Landkreises Aurich in Kooperation mit der Norden gGmbH auf Schulen im Altkreis Aurich.

Die sogenannte BaSiS-Studie 2024 (Bedarfsanalyse zur Suchtprävention in Schulen in Aurich und Norden) hat für die Region ergeben, dass die 12- bis 17-Jährigen einen überdurchschnittlichen Konsum von Alkohol, Cannabis sowie ein problematisches Medienverhalten zeigen.

Alkohol kurz nach dem 13. Geburtstag

Als Ergebnis der Befragung wurde deutlich, dass schon Kinder mit Rauschmitteln und verführerischen Angeboten in Kontakt kommen.

Laut einer Tabelle haben 566 Schüler im Alter von 12 bis 17 Jahren die Fragen beantwortet. Bei den volljährigen Schülern gab es 90 Rückmeldungen. Aus den Antworten geht hervor, dass der erste Kontakt mit Alkohol bei der jüngeren Gruppe im Alter von 13,2 (Jungen) oder 13,4 (Mädchen) Jahren stattgefunden hat. Die Volljährigen gaben an, dass sie im Alter von 15,3 (Jungen) beziehungsweise 14,3 (Mädchen) Jahren das erste Mal Alkohol konsumiert haben. Das bedeutet, dass das Einstiegsalter binnen weniger Jahre deutlich gesunken ist.

Ein Joint in einer Hand. Foto: DPA
Ein Joint in einer Hand. Foto: DPA

Bleiben wir bei der jüngeren Altersgruppe: Ihren Angaben zufolge findet das erste Rauschtrinken im Schnitt mit 14,2 (Jungen) beziehungsweise 14,6 (Mädchen) Jahren statt. Die erste Zigarette wird bei beiden Geschlechtern im Schnitt mit 13,5 Jahren konsumiert. Bis zum Konsum von E-Zigaretten dauert es dann nicht lang. Das Einstiegsalter liegt bei Jungen bei 13,9 und bei Mädchen bei 14,1 Jahren. Auch Wasserpfeifen werden ausprobiert. Von Jungen und Mädchen im Schnitt erstmals mit 14,4 Jahren.

Kontakt mit Glücksspiel schon bei Kindern

In diesem Alter finden den Antworten zufolge auch erste Erfahrungen mit Cannabis statt. In diesem Bereich gaben die Mädchen im Schnitt ein Alter von 14,4 Jahren beim Erstkonsum an, bei den Jungen waren es 14,6 Jahre.

Alle Jugendliche haben eigenen Angaben zufolge dann bereits längst mit Glücksspiel zu tun. Dafür findet der Erstkontakt bei Jungen mit 13,1 Jahren statt, bei Mädchen laut Umfrage bereits mit 12,2 Jahren. Bei den sogenannten illegalen Drogen sind die jungen Leute beim Erstkonsum ebenfalls blutjung: Die Jungen gaben ein Alter von 12,3 Jahren für den ersten Kontakt an, die Mädchen 14,5 Jahre.

In dieser Altersgruppe kommt es demzufolge im Alter von 12,2 bis 14,6 Jahren zu umfassenden Erfahrungen mit potenziell suchtauslösendem Verhalten.

Im Schnitt älter beim Erstkonsum waren den eigenen Angaben zufolge die 90 teilnehmenden Volljährigen. Bei ihnen finden die Erstkontakte in einem Alter zwischen 14,3 (Mädchen und Alkohol) und 16,9 Jahren (Jungen und Glücksspiel) statt. Einziger Ausreißer ist der Konsum von illegalen Drogen, wo auch die volljährigen Jungen einen Durchschnittswert von 12,4 Jahren angaben.

Kreis: „Wir nehmen die Ergebnisse dieser Befragung sehr ernst“

Inwieweit die Ergebnisse eine tatsächliche Verschiebung zu einem immer früheren Konsum belegen oder ob sie eher auch Ausdruck eines Aufschneidenwollens bei den Jüngeren sind, lässt sich nicht mit kompletter Sicherheit sagen. „Wir nehmen die Ergebnisse dieser Befragung sehr ernst“, sagte Lilia Liebert vom Jugendamt des Landkreises. Da es sich um Durchschnittswerte handelt, findet in etlichen Fällen der Konsum auch schon deutlich davor statt.

Auf einem Smartphone wird ein Online-Spiel gespielt. Foto: DPA
Auf einem Smartphone wird ein Online-Spiel gespielt. Foto: DPA

Es zeige sich in bundesweiten Studien, dass junge Menschen immer früher und immer leichter mit Suchtmitteln in Kontakt kämen, berichtete auch der Leiter des Jugendamts, Michael Müller, den Auricher Ausschussmitgliedern. Er stellte den Ansatz des Programms „Suchtprävention in Schulen“ vor, weil dies Programm ab dem nächsten Schuljahr nicht nur in den beiden Standorten der KGS Hage, dem Ulrichsgymnasium Norden, der Conerus-Schule Norden, der Oberschule Norden und der IGS Krummhörn/Hinte laufen soll, sondern auch an der IGS Marienhafe-Moorhusen, der IGS Aurich, dem Gymnasium Ulricianum, der BBS 1 und 2 Aurich der Realschule Aurich und der Friederikenschule Großheide. Die weiterführenden Schulen in Ihlow, Großefehn, Wiesmoor und Dornum seien ebenfalls kontaktiert worden, hätten aber noch nicht reagiert, sagte Müller Anfang Dezember.

So oder so würde die Zahl der Schüler, die mit dem Präventionsprogramm in Kontakt kommen, auch jetzt schon von 7100 auf dann 17.400 steigen.

Strukturierter Baukasten

Der Landkreis Aurich bringt beim Programm Suchtprävention in Schulen (SiS) Lehrkräfte, Schüler, Schulsozialarbeiter, Experten und zum Teil auch die Eltern zusammen. Die Schulen wünschten sich laut Müller ein Konzept mit Bausteinen zur Stärkung sozialer Kompetenzen und zur Konfliktlösung, Prävention von Cybermobbing und problematischer Mediennutzung, Anleitungen zum Umgang mit Stress, Leistungsdruck und psychischen Belastungen, mehr Angebote zur Suchtprävention für Alkohol, Cannabis, Nikotin oder Vapes sowie Unterstützung bei Fällen mit hoher Belastung, beispielsweise bei Klassen mit Gewalterfahrungen oder Substanzkonsum. Sie alle hätten sich niedrigschwellige und schnell planbare Angebote gewünscht, erläuterte Jugendamtsleiter Michael Müller kürzlich im Auricher Schulausschuss.

Einweg-E-Zigaretten, die auf der Verkaufstheke eines Tabakladens stehen. Foto: DPA
Einweg-E-Zigaretten, die auf der Verkaufstheke eines Tabakladens stehen. Foto: DPA

Im Konzept sind für die Jahrgangsstufen 5 bis 9 jeweils Pakete geschnürt worden. Ein bis zwei Komponenten organisiert die Schule dabei eigenständig. Die Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter werden dafür SiS-intern geschult. Die SiS-Kräfte sind für weitere Bausteine geschult, um ebenfalls Kosten für Externe zu reduzieren.

Feste und wählbare Bausteine

Bei anderen Angeboten kommen externe Fachleute, beispielsweise von der Polizei oder der Suchtberatung, hinzu. Die Angebote reichen von 90-Minuten-Bausteinen bis hin zu Projektwochen. Nur einige Bausteine sind für teilnehmende Schulen verpflichtend, beispielsweise im fünften Jahrgang die Elternarbeit zur Medien- und Handynutzung, im siebten Jahrgang „Nein sagen und Gruppenzwang“ sowie „Konsum und Risiken (Tabak, Alkohol...)“ oder auch „Selbstbild und Medienkompetenz“. Im neunten Jahrgang verpflichtend sind dann Module wie „Partykompetenz und Risikobewusstsein“ oder auch „Erste Hilfe bei Notfällen“ und „Nein sagen und Widerstand“. Fester Bestandteil des Programms in allen Jahrgängen ist zudem ein Baustein zum Thema Recht.

Ein junger Mann sitzt mit einem Headset vor einem Laptop und spielt ein Online-Computerspiel. Foto: DPA
Ein junger Mann sitzt mit einem Headset vor einem Laptop und spielt ein Online-Computerspiel. Foto: DPA

Je nach Alter verändern sich die Themen. Im fünften Jahrgang geht es um gewaltfreie Kommunikation, Empathie sowie um Cybermobbing und Recht. Ab Jahrgang sechs beginnen Themen wie digitale Manipulation, Gruppendruck und Mutproben oder auch die Risiken beim Substanzkonsum. Im siebten Jahrgang werden beispielsweise Suchtmittel und ihre Risiken genauer beleuchtet. Im achten und neunten Jahrgang geht es dann verstärkt um Informationen zu Abhängigkeit und Kompetenzen bei zunehmender Selbstständigkeit im Alltag sowie um Medienkompetenz.

Knapp 27.000 Euro für SiS für die Stadt Aurich

Die Kommunen, die nun neu einsteigen, müssen 42 Prozent der Kosten tragen. Weitere 42 Prozent übernimmt der Landkreis, den Rest zahlen die Schulen aus ihrem Budget. Die meisten Angebote mit externen Experten sind pro teilnehmender Klasse oder Jahrgang mit Kosten hinterlegt. Schulen sind allerdings gesetzlich verpflichtet, Schutzkonzepte gegen Sucht und riskante Verhalten vorzulegen. Deswegen hob die Auricher Stadtverwaltung die Vorteile des Programms hervor: eine erprobte Struktur, Bedarfsanalysen und eine Vernetzung mit allen wichtigen Stellen vor Ort. Auf die Stadt Aurich kommen so Kosten von rund 26.900 Euro zu. Südbrookmerland zahlt 11.530 Euro, die Samtgemeinde Brookmerland 8326 Euro und die Stadt Norden 16.000 Euro. Für die Schulen selbst entstehen in der Regel Kosten von 2900 Euro.

An der Notwendigkeit für den neuen Haushaltsposten SiS bestand im Schulausschuss der Stadt Aurich keinerlei Zweifel. Gefragt wurde allenfalls, ob nicht schon in den Grundschulen mit dieser Art der Prävention begonnen werden sollte.

Zahlen zum Erstkonsum

Durchschnittlich angegebenes Alter beim Erstkonsum in der Altersgruppe 12 bis 17 Jahre (bei 566 Antworten)

Alkohol: Jungen 13,2, Mädchen 13,4

Rauschtrinken: Jungen 14,2, Mädchen 14,6

Zigarette: Jungen 13,5, Mädchen 13,5

E-Zigarette: Jungen 13,9, Mädchen 14,1

Wasserpfeife: Jungen 14,4, Mädchen 14,4

Cannabis: Jungen 14,6, Mädchen 14,4

Illegale Drogen: Jungen 12,3, Mädchen 14,5

Glücksspiel: Jungen 13,1, Mädchen: 12,2

Durchschnittlich angegebenes Alter beim Erstkonsum in der Altersgruppe ab 18 (bei 90 Antworten)

Alkohol: Jungen 15,3, Mädchen 14,3

Rauschtrinken: Jungen 15,8, Mädchen 15,4

Zigarette: Jungen 16, Mädchen 15

E-Zigarette: Jungen 16,7, Mädchen 16,9

Wasserpfeife: Jungen 16,1, Mädchen 16

Cannabis: Jungen 16,4, Mädchen 15,6

Illegale Drogen: Jungen 12,4, Mädchen 15,6

Glücksspiel: Jungen 16,9, Mädchen: 16,3

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