Osnabrück  „Macbeth“ am Theater Osnabrück: Christopher Lichtenstein gelingt der nächste Streich

Ralf Döring
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Von Ralf Döring
| 25.01.2026 16:43 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Mörderisches Paar: Lady Macbeth (Susann Vent-Wunderlich) triebt ihren Gatten Macbeth (Theo Magongoma) zu blutigen Untaten. Foto: Stephan Glagla
Mörderisches Paar: Lady Macbeth (Susann Vent-Wunderlich) triebt ihren Gatten Macbeth (Theo Magongoma) zu blutigen Untaten. Foto: Stephan Glagla
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„Macbeth“ ist eines der blutrünstigsten Werke der Operngeschichte. Am Samstag hat Regisseur Hendrik Müller im Osnabrücker Theater am Domhof seine Version des Meisterwerks von Giuseppe Verdi vorgestellt.

Im Orchestergraben prallen Welten aufeinander: Das Martialische des Militärs, irritierende Seelenlandschaften, ein Drängen und Ziehen, brutale Wucht. Mit dem Vorspiel zu Giuseppe Verdis Oper „Macbeth“ stimmen Christopher Lichtenstein und das Osnabrücker Symphonieorchester ihr Publikum im Theater am Domhof von Anfang ein auf einen Trip zu den schauerlichsten Abgründen menschlicher Existenz.

Dieser Zug aus dem Orchestergraben lässt die kommenden drei Stunden nicht nach. Lichtenstein zeichnet in Verdis akustischem Schauergemälde nach der gleichnamigen Tragödie von William Shakespeare scharfe Konturen und füllt die mit düsterem Glanz. Wie Macbeth vom Helden zum mordenden Psychopathen wird, wie ihn seine monströsen Taten einholen und innerlich zerfetzen, angetrieben von seiner machtgeilen Lady Macbeth, die ihrerseits im Wahnsinn endet: All das formt Lichtenstein klanglich vor und zeigt damit, dass er nicht nur Richard Wagner, sondern Giuseppe Verdi beherrscht, den anderen alles überwölbenden Opernstar des 19. Jahrhunderts.

Das Osnabrücker Symphonieorchester liefert dafür die dunklen Farben und die leuchtenden Einsprengsel, die so eine Tragödie natürlich auch braucht, wird zum kraftvollen Motor für das, was auf der Bühne passiert. Denn der Osnabrücker Generalmusikdirektor lässt sich voll und ganz auf Verdi ein, entfacht das Feuer der Emotionen allein aus der Partitur heraus.

Regisseur Hendrik Müller scheint dieses Urvertrauen in Verdi abzugehen. Noch bevor der erste Ton des Vorspiels erklingt, kommen Stimmen aus dem Off: „Wann treffen wir drei uns das nächstemal // Bei Regen, Donner, Wetterstrahl?“ – die erste Szene aus Shakespeares „Macbeth“, auf die Verdi und sein Textdichter Francesco Maria Piave verzichtet haben. Die Oper setzt ein, als die Hexenschar dem honorigen Feldherren Macbeth die Königswürde prophezeien. Damit beginnt das Morden.

Zur Ouvertüre selbst entrollt Müller bereits das gesamte Tableau des Abends: einen düsteren Wald, ein ebenso düsteres Schloss, darin ein rotes Königszimmer, schließlich ein schmales Badezimmer mit Waschbecken. Er schickt sein Protagonisten-Paar durch diese dunklen Szenerien, am Ende wäscht sich Macbeth unter den Augen seiner dominanten Gattin die Hände, und zwar mit Blut.

Nun spoilert Müller damit keineswegs die spannendsten Momente. Aber was gewinnt der Abend durch den Prolog und durch seine Shakespeare-Einsprengsel? Der Erkenntnisgewinn bleibt überschaubar.

Dabei inszeniert Müller eng an Verdis Stück entlang. Ausstatter Marc Weeger stellt in sein multifunktionales Bühnenbild Figuren mit Puffhosen und -ärmeln, Turmfrisuren und weiß geschminkten Gesichter. Damit befindet er sich zwar nicht im 12. Jahrhundert, in dem das Drama spielt, sondern im 16., also in der Shakepeare-Zeit. Aber das schafft ein irgendwie historisches Setting, mit dem jeder glücklich wird, der Oper gern im traditionellen Gewandt sieht (was auch immer das heißt). Wie sich dahinein allerdings Konferenztischstühle aus den 1970er-Jahren mit ihren Metallgestellen und Polstern verirrt haben, wissen wohl nur Ausstatter, Regisseur und Requisite.

Da nun alle Handlungsorte gleichzeitig auf der Bühne stehen, muss Müller mittel Drehbühne am Rad der Handlung drehen. Das beginnt mit dem ersten Ton und endet mit dem letzten, ohne dass sich die Notwendigkeit immer erschließt. Beispiel: Zu Beginn des dritten Aktes steht die Drehbühne auf Macbeth und Lady Macbeth im roten Königszimmer, als hätten die Zuschauer womöglich das Protagonistenpaar in der Pause vergessen. Dann dreht sich die Inszenierungsuhr weiter zum Hexenchor, mit dem der Akt eigentlich beginnt.

Schade sind die Unsauberkeiten des Chors an diesem Abend. Mitunter fällt der Klang richtigehend auseinander, und man weiß nicht, ob das dem Premierenfieber geschuldet ist oder den seltsamen Choreografien, die er vollführen muss. Zum Glück findet er in den großen Chorpassagen zur gewohnten Klangpracht zurück (Einstudierung: Sierd Quarré).

Für positive Überraschung sorgt der südafrikanische Sängerdarsteller der Titelrolle. Theo Magongoma hat in seinem Rollendebüt für die unterschiedlichen Gemütszustände des Macbeth eine breite Palette an Farben, vom markigen Auftritt als Feldherr und König bis zum angsbesetzten Flüstern, wenn ihn seine monströsen Taten in den Wahn treiben. Aber immer dann, wenn er unter der Last der Gewissensbisse zu zerbrechen droht, schafft es seine Lady Macbeth ihn zum weitermorden zu animieren.

Dafür legt Susann Vent-Wunderlich reichlich Schärfe in ihre Stimme. Aber sie findet auch zu einschmeichelnder Lyrik – und überzeugt durch darstellerische Präzision. Als sie im zweiten Akt zum schmissigen Trinklied anhebt, zeigt sie ausdrucksstark, wie sie die Fassade der strahlenden Gastgeberin aufrecht erhält, während ihr Gatte die ganze Gesellschaft mit seinen Wahnvorstellungen zu sprengen droht. Aber auch Lady Macbeth holen die Untaten ein; mit einer fein gesungen Schlafwandelszene versinkt sie im Wahnsinn.

Wunderbar singt Dominic Barberi den Feldherrn Banquo, der auch dem blutrünstigen Machthunger zum Opfer fällt, Tenor Jihoon Park ist ein kraftvoller Macduff, der gemeinsam mit Malcom – ebenfalls sehr gut: Florian Wugk – den König Macbeth vom blutbesudelten Thron stößt. So rundet sich dieser „Macbeth“ musikalisch zu einem gelungenen Abend. Müller bliebt mit seiner Inszenierung dahinter zurück, aber immerhin: Es gelingen ihm starke Bilder. Das Publikum jedenfalls honoriert die Premiere mit begeistertem Applaus.

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