Berlin Hilfe, ich bin jetzt Fußball-Mama! Warum dieser Wahnsinn unserer Gesellschaft so gut tut
Unsere Autorin erzählt, wie der Jugendfußball ihres Sohns ihr Leben auf den Kopf stellt. Eine Liebeserklärung an das Ehrenamt und Begegnungen am Spielfeldrand, die Hoffnung machen.
Ich hatte von dieser eigenen Welt des Fußballs natürlich gehört. Wie es wirklich ist, habe ich erst erfahren, seit mein Sohn im Sommer 2025 den unabänderlichen Entschluss fasste, einem Fußballverein beizutreten. Seither haben wir als Familie eine Parallelwelt betreten, die unseren Alltag durcheinander wirbelt, die Wochenenden bestimmt - und doch auch so manche positive Überraschung bereithält. Hilfe, ich bin jetzt eine Fußball-Mama!
Ich teile dieses Schicksal mit Hunderttausenden Müttern im ganzen Land. Zwei Mal die Woche ist Training, am Wochenende finden die Spiele statt. Und obwohl es sich bei der Mannschaft um zehnjährige Jungs handelt, wird von den ehrenamtlichen Trainern eine Disziplin erwartet, wie ich sie mir bestenfalls im Profifußball vorgestellt hätte.
Mit dem Vereinseintritt, dem erst nach sorgfältiger Prüfung und einem mehrwöchigen Probetraining zugestimmt wurde, zogen gleich mehrere WhatsApp-Gruppen und eine Spieler-Plus-App auf meinem Handy ein, die nun täglich einen Teil meiner Aufmerksamkeit binden. Von der Existenz eines Vorgangs namens „Beflockung” von Trainingsklamotten hörte ich zum ersten Mal. Für das einheitliche Gesamt-Outfit des Nachwuchs-Kickers kann man locker 400 Euro ausgeben. Aber wenn das Geld für die Basis-Ausstattung nicht reicht, hilft der Verein aus. Keiner wird deswegen ausgeschlossen.
Mit einer faszinierenden Disziplin setzen sich am Wochenende allein in Berlin Tausende Familien in Bewegung, damit die kickenden Sprösslinge beim Turnier – bei Wind und Wetter – pünktlich zum Anpfiff auf dem Platz stehen. Dafür legen sie weite Strecken quer durch die ganze Stadt zurück. Die Mütter und Väter des gastgebenden Vereins haben da schon längst die Klapptische aufgebaut, den Grill angeworfen und die am Vortag gebackenen Muffins und Waffeln zum Verkauf drapiert. Keine Frage, mich beeindruckt dieses Engagement sehr!
Unschöne Szenen wie diese gab es aber auch: Bei einem Freundschaftsspiel bei minus zehn Grad im Freien – die Kinder rackerten sich auf dem hart gefrorenen Platz ab – schimpfte ein Vater der gegnerischen Mannschaft sich am Spielfeldrand derart in Rage, dass die Jungs auf dem Platz in Tränen ausbrachen. Die Kinder kicken auf Mini-Tore, das Spiel ist lausig, und es geht um nichts – trotzdem ist es für manchen bitterer Ernst.
Von solch schrillen Ausfällen mal abgesehen, imponiert der Leistungsgedanke, wie er hier schon im Kinderfußball gelebt wird. Während in der Schule die Kinder von bildungsbegeisterten Eltern gnadenlos im Vorteil sind, haben beim Fußball alle die gleichen Chancen. Was zählt, ist nur die Leistung auf dem Platz. Der Sohn der Kassiererin ist der Star der Mannschaft, das Lehrerkind hat Probleme in den Zweikämpfen. Herkunft spielt hier keine Rolle. Wer gut ist, wird aufgestellt.
Der Fußballverein ist der vielleicht letzte große Schmelztiegel der Gesellschaft, wo wirklich alle zusammenkommen. Das Warten am Spielfeldrand ist oft totlangweilig, wenn man sich nicht gerade wie der oben erwähnte Vater im emotionalen Ausnahmezustand befindet. Die Begegnungen, die ich dort, zitternd in der Kälte mit der Bratwurst in der Hand, gemacht habe, möchte ich nicht missen. Da ist zum Beispiel der Papa aus Syrien, der früher Mathelehrer in Aleppo war und heute als Taxifahrer arbeitet. Seine Familie ist zwischen Syrien, der Türkei und Deutschland zerrissen, regelmäßig reist er in die Türkei zum kranken Vater. Im Verein ist er voll engagiert, baut bei Festen die Zelt-Pavillons mit auf. Ihm gefällt, so erzählt er, dass hier Respekt etwas zählt und Rassismus nicht geduldet wird.
Und da ist die alleinerziehende türkische Mutter, die in der Kantine der Grundschule arbeitet, in einer tristen Hochhaussiedlung lebt, kein Auto hat und mit ihren beiden Söhnen mit Bus und Bahn zu allen Terminen fährt, weil Fußball ihnen das Allerwichtigste ist. Ihr Sohn und mein Sohn treffen sich jetzt nachmittags auf dem Bolzplatz. Und ich kann mich auf seine Mutter verlassen, wenn sie Felix mal mit zum Training nimmt.
Und da sind die beiden Trainer, die im Schichtdienst arbeiten, selbst viele Kinder haben und sich nach 21 Uhr am Abend noch mit der Whatsapp-Nachricht melden, dass das inzwischen „beflockte” Winter-Trainingsshirt abgeholt werden kann. Neben all den zeitlichen Herausforderungen, die mich in meinem neuen Leben als Fußball-Mom manchmal an die Belastungsgrenze bringen, ist der Verein unerwartet zum echten Mutmacher wider die verbreitete Schwarzmalerei über den Zustand der Gesellschaft geworden. Manches gut gepflegte Vorurteil aus meiner eigenen Blase habe ich seither schon über Bord geworfen. Gut so!
Im Dezember fand ich mich in dem skurrilen Szenario wieder, im Dunkeln mit einer Schutzweste bekleidet und einem Laser-Gewehr bewaffnet auf zehnjährige Kinder zu zielen. Eltern und Trainer hatten sich mehrheitlich begeistert für die aus meiner Sicht wahnwitzige Idee entschieden, die Weihnachtsfeier in einem Lasertag-Dome zu verbringen. Über Stunden schossen wir uns, nun ja, gnadenlos nieder. Wenn auch nur virtuell. Eltern gegen Kinder, der Nachwuchs wollte es so. Es war nicht besinnlich, es war kein bisschen weihnachtlich. Aber alle waren da und machten mit. Und ich kann nicht behaupten, dass es nicht auch Spaß gemacht hätte.