Osnabrück  Hans Jürgen Meyer ist tot: Osnabrück trauert um Kopf und Herz der „Probebühne“

Christine Adam
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Von Christine Adam
| 29.01.2026 16:52 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Brannte 60 Jahre lang für das Theater an sich und die Probebühne im Speziellen: Hans Jürgen Meyer. Foto: Michael Gründel
Brannte 60 Jahre lang für das Theater an sich und die Probebühne im Speziellen: Hans Jürgen Meyer. Foto: Michael Gründel
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60 Jahre lang brennendes Engagement fürs Theater, für seine Osnabrücker Probebühne: Das ist das Lebenswerk Hans Jürgen Meyers. Nun ist der Leiter und Mitbegründer des Amateurtheaters mit 88 Jahren gestorben – ein Nachruf.

Das neue Jahr beginnt mit einer traurigen Nachricht für das Osnabrücker Stadtleben: Hans Jürgen Meyer, Leiter und Regisseur des Osnabrücker Amateurtheaters „Die Probebühne“ seit 1966, ist nach kurzer, schwerer Krankheit am 15. Januar gestorben. Am 18. Januar wäre er 89 Jahre alt geworden.

Leidenschaftliches Engagement fürs Theater war die Triebfeder Hans Jürgen Meyers und seiner Mitkämpfer seit der Gründung von Osnabrücks ältestem Amateurtheater. Sie verliehen der Probebühne ein ganz eigenes Profil neben dem Osnabrücker Stadttheater, mit gesellschaftskritischen Autoren und damals brisanten Stoffen wie Aids und Homosexualität, aber auch den „verbannten und verbrannten Dichtern“ aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, wie es Meyer einmal in einem Gespräch sagte. Bertolt Brecht, Marieluise Fleißer, Klaus Mann, Ödön von Horváth, Hans Henny Jahn, Elias Canetti oder Walter Hasenclever gehörten dazu.

Nicht zuletzt dem berühmten Osnabrücker Erich Maria Remarque widmete sich das Haus: Allein neun Inszenierungen und szenische Lesungen von Remarque-Romanen oder bearbeiteten Remarque-Stoffen brachte die Bühne heraus, auch als Uraufführungen, darunter „Der schwarze Obelisk“, „Die Nacht von Lissabon“, „Brunnenstraße“ und „Fluchtpunkt Ostende“. In enger Zusammenarbeit mit der Remarque-Gesellschaft wuchs die Probebühne mit der Geschichte und Identität Osnabrücks zusammen.

Das Publikum schätzte und liebte die Probebühne von Anfang an, zu ihren Premieren zu gehen, war ein gesellschaftliches Muss. Ihren eigentlichen Durchbruch erlebte die Bühne 1980 mit Meyers Inszenierung von Wedekinds „Frühlings Erwachen“ mit Osnabrücker Schülern und der Einladung zum Berliner Schülertheatertreffen. Ein solches „Frühlingskind“ ist der bekannte Schauspieler Klaus Schreiber, der mit Regiegrößen wie Jürgen Flimm oder Claus Peymann zusammengearbeitet hat. Der Umzug der Probebühne ins eigene, zentral gelegene Domizil in der ehemaligen Komtureikirche an der Wiesenstraße rundete 1981 diese Entwicklung ab.

Weit über 100 Inszenierungen hat der gebürtige Osnabrücker Meyer in seiner 60-jährigen Leitungsära herausgebracht, darunter auch zeitgenössische Stücke. Das alles ohne jede Wiederholung, ein Prinzip des Hauses. Regie führte auch Reinhard Duhme, der Nachfolger Meyers werden sollte. Doch Duhme starb vor einigen Jahren. Seit Meyers Abschiedsinszenierung von Oscar Wildes „Bunbury“ nach der Corona-Zwangspause haben auch andere Regie geführt, etwa Ellen Moschitz-Finger und Gerrit Loets.

Doch sie alle vermissen schmerzlich die anheimelnd verschachtelten Räume in der Wiesenstrasse mit der Kellerbar für den beliebten „Nachklang“. Seit die Stadt Osnabrück als Eigentümerin die Spielstätte aus Brandschutzgründen geschlossen hat, gastiert das Ensemble im kleineren „Ersten Unordentlichen Zimmertheater“ in der Lohstrasse. Und weiß nicht, wo es künftig auftreten kann. 30 feste Mitglieder und 75 Förderer gibt es noch heute für die Probebühne, sagt Ulf Teepe, Lebensgefährte Hans Jürgen Meyers.

Der nahe Kontakt mit dem Publikum lag Hans Jürgen Meyer am Herzen, aber auch der zum Ensemble, betont Teepe. Seine Stücke wählte er weniger nach eigenen Vorlieben aus, sondern für seine Spieler. Auch wenn er sich seit der Corona-Pandemie aus der Probebühne zurückgezogen hatte, blieb er, der er war: ein zugewandter, begeisterungsfähiger und belesener Gesprächspartner. Ein feiner Mensch, der für seine Leidenschaft Theater brannte und mit seiner kultivierten, wachen Neugier Andere mühelos anstecken und mitreißen konnte. Ein solches Charisma und Durchhaltevermögen über ein halbes Jahrhundert hinweg gibt es nicht oft. Es wird im Stadtleben fehlen.

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