Osnabrück Zwischen Alltag und Angst: Das Doppelleben zweier Osnabrücker Studentinnen
Während in Osnabrück der Studienalltag weiterläuft, blicken zwei Studentinnen mit wachsender Sorge in ihre Heimat Iran. Wie sie die Proteste aus der Ferne erleben – und warum der Kontrast zum Leben hier besonders schmerzt.
Für die meisten Studierenden in Osnabrück sind die Sorgen im Januar überschaubar: Klausuren, Abgabefristen, Prüfungsstress. Für Saja, Studentin an der Universität Osnabrück, sind Prüfungen derzeit Nebensache. In den vergangenen Wochen drehte sich ihr Alltag vor allem um eines: Nachrichten aus ihrer Heimat Iran.
„Die Menschen dort sind verzweifelt“, sagt sie. Immer wieder prallt der ruhige Alltag in Osnabrück auf die Nachrichten, die sie auf ihrem Handy erreichen. „Alle reden über ihr Wochenende, über Alltägliches – und innerlich bin ich ganz woanders.“
Seit Ende Dezember gibt es im Iran landesweite Proteste. Berichte über Gewalt, Verhaftungen und Todesopfer verbreiten sich – oft bruchstückhaft. Menschenrechtsorganisationen gehen von einer hohen Zahl an Opfern aus. Hinzu kommt ein weitgehender Ausfall des Internets, der den Kontakt zu Familien und Freunden zusätzlich erschwert.
„Es fühlt sich an, als würde man im Sekundentakt mit schlechten Nachrichten bombardiert“, sagt Saja. „Und gleichzeitig kommen nur vereinzelte, kurze Lebenszeichen von zu Hause. Jede neue Nachricht macht die Angst größer.“
Saja ist im dritten Mastersemester in Osnabrück. Nach dem Tod von Jina Mahsa Amini, der 2022 eine Protestbewegung im Iran auslöste, entschied sie sich, das Land zu verlassen. „Ich bin zum Studieren gekommen – aber auch, um ein neues Leben zu beginnen, in dem ich frei und sicher leben kann.“ Dieses Ankommen sei ambivalent: körperliche Sicherheit auf der einen Seite, Isolation auf der anderen. „Man ist plötzlich weit weg von allem, was wichtig ist.“
Halt findet sie bei Persian Students of Osnabrück (PERSOS), einer studentischen Initiative an der Universität. Entstanden ist sie im Zuge der Proteste nach dem Tod Aminis. „Viele waren damals völlig überfordert“, sagt Sophie, Gründerin der Initiative. „Uns wurde klar, dass wir hier vor Ort füreinander da sein müssen.“ Sophie kam Ende 2020 nach Deutschland und studiert ebenfalls in Osnabrück.
In ruhigeren Zeiten ist PERSOS ein Treffpunkt: regelmäßige Zusammenkünfte, persische Feiertage, kulturelle Veranstaltungen. In den vergangenen Wochen hat die Initiative jedoch eine andere Funktion übernommen – als informelles Informationsnetz.
„Wenn jemand sporadisch Kontakt nach Iran bekommt, versuchen wir, Informationen über andere weiterzugeben“, erklärt Sophie. Manchmal gehe es nur um eine kurze Entwarnung. Für sie selbst blieb der Kontakt zu einem Freund lange aus, dessen letzter Aufenthaltsort in einem Gebiet mit Zusammenstößen lag. „Ich habe mich innerlich auf das Schlimmste vorbereitet“, sagt sie. Erst als das Internet kurzzeitig wieder funktionierte, kam die Nachricht: „Er lebt.“
Neben dem Informationsaustausch bietet die Gruppe vor allem eines: einen geschützten Raum. „Einen Ort, an dem Menschen weinen, reden oder einfach nebeneinandersitzen können“, sagt Sophie. Gerade deshalb sei die Initiative wichtig, weil das reguläre Hilfesystem mit langen Wartezeiten oft keine kurzfristige Unterstützung bei akuten Belastungen leisten könne.
Saja falle es schwer, mit Außenstehenden darüber zu sprechen. „Man hat das Gefühl, man bringt plötzlich eine schwere emotionale Last in ein Gespräch.“ Hinzu komme, dass viele klare Meinungen äußerten, die mit den Berichten aus ihrem direkten Umfeld nicht übereinstimmten. „Ich hatte oft den Eindruck: Es wird über Iran gesprochen, aber nicht mit Iranern.“
Auch Sophie erlebt solche Gespräche immer wieder als belastend. „Manche reden über den Iran nur durch ihre eigene politische Brille.“ Ein Beispiel, das sie anführte: „Forderungen nach einem Sturz des Regimes werden dann von manchen relativiert oder kleingeredet – etwa mit dem Hinweis, dass auch Donald Trump diese Proteste unterstützt.“
Trotz allem blicken beide vorsichtig hoffnungsvoll nach vorn. Sollte es zu einem politischen Wandel kommen, wollen beide zurückkehren. Saja träumt davon, als Forscherin Medikamente zu entwickeln und ihr Wissen aus dem Studium der Molekularbiologie in Osnabrück einzubringen. Sophie, mit therapeutischem und pädagogischem Hintergrund, möchte Bildungs- und Schutzräume für Kinder schaffen.
Um dieses Ziel näher rücken zu lassen, engagieren sich beide auch öffentlich. Saja nahm zuletzt an einer Demonstration in Düsseldorf teil, an der nach Angaben der Polizei rund 18.000 Menschen beteiligt waren. Noch am Abend machte sie sich auf den Rückweg nach Osnabrück – eine Fahrt von rund sechs Stunden. Sophie übernimmt bei Kundgebungen häufig organisatorische Aufgaben, auch wenn diese in Osnabrück kleiner ausfallen.
Auf Sophies Handy finden sich zahlreiche Fotos von Demonstrationen. Dazwischen ein scheinbar alltägliches Bild: ihre Katze. „Sie heißt Iran“, sagt Sophie. „Meine 15-jährige Tochter hat sie so genannt. Wenn ich sie rufe, fühlt es sich ein bisschen an, als würde ich meine Heimat rufen.“
(Die Namen sind der Redaktion bekannt und wurden aus Sicherheitsgründen geändert, um die Betroffenen und ihre Familien zu schützen.)