Löningen  Ratten der Lüfte? Nein! Auf diesem Hof leben kranke Tauben ihren verdienten „Ruhestand“

Meike Wienken
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Von Meike Wienken
| 02.02.2026 07:45 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Barbara Deppes „Intensivpatientin“: Eine Taube, der der Unterschnabel fehlt, wird zweimal täglich gefüttert. Foto: Wienken
Barbara Deppes „Intensivpatientin“: Eine Taube, der der Unterschnabel fehlt, wird zweimal täglich gefüttert. Foto: Wienken
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Stadttauben sind vielen Menschen ein Dorn im Auge; sie würden Dreck machen und Parasiten verbreiten. Barbara Deppe sieht das anders: Auf ihrem Hof in Löningen päppelt sie kranke Tauben wieder auf.

Die Taube gilt als Symbol des Friedens; gleichzeitig gehört sie für viele Menschen zu den meistgehassten Tieren. Gerne werden die Vögel als „Ratten der Lüfte“ bezeichnet. „Zu Unrecht“, findet Barbara Deppe. „Denn die Tiere übertragen weder Krankheiten auf den Menschen noch sind sie unreinlicher als andere Vögel.“ In ihrem Taubenhaus Hagelhof in Löningen beherbergt sie derzeit 270 Tauben.

Bei dem Großteil der Tiere handelt es sich um Stadttauben, aber auch immer mehr Ziertauben sind in der Vergangenheit hinzugekommen. „Sie werden einfach ausgesetzt und ihrem Schicksal überlassen“, erzählt Deppe. Aufgrund gestiegener Kosten für Tierarztbehandlungen und Futter hätten die Funde inzwischen zugenommen.

Eine der geretteten Ziertauben ist „Yesterday“. Der Vogel ist benannt nach seinem Fundort, dem „Yesterday Club“ in Bremerhaven. Er schleppte sich vollkommen orientierungslos durch die Bremerhavener Innenstadt. Wahrscheinlich liefen Tausende Menschen an ihm vorbei, ohne seine Not zu erkennen. Eine aufmerksame Frau half ihm jedoch. „Seine letzten Schwungflügel waren mit Tesafilm umwickelt, sodass er nicht mehr fliegen konnte und dementsprechend überhaupt keine Chance hatte, zu überleben“, so die Tierschützerin.

Auf dem Hagelhof darf er jetzt im „betreuten Wohnen“ für Tauben, wie es Deppe gerne nennt, mit seinen Artgenossen zusammenleben. Schließlich fand er hier in in „Fine“ auch seine Lebenspartnerin, denn wie Schwäne leben auch Tauben monogam. Ein Happy End also. Der Aufenthalt kann übrigens sehr lang werden, schließlich können Tauben bis zu 20 Jahre alt werden. „Unsere älteste Bewohnerin ist jetzt mittlerweile 19 Jahre alt und immer noch gut zufrieden“, erklärt Barbara Deppe.

Manche Vögel haben Behinderungen – entweder als Folgeschäden von Infektionskrankheiten oder durch die Umweltverschmutzung. „Stadttauben sind chronisch hungrig und deshalb ständig auf der Suche nach Nahrung, die sie auf dem Boden finden“, weiß Deppe. Dabei wickeln sich jedoch schnell Haare, Bänder und anderer Unrat um die Füße der Tiere.

Solche Verschnürungen führen schnell zu Entzündungen bis hin zum Absterben der Gliedmaßen. „Vielen unserer Tauben fehlen deshalb Zehen und in Extremfällen sind sie nur noch auf Stümpfen unterwegs“, erklärt Deppe. Allein auf sich gestellt sind die Tiere damit nicht überlebensfähig.

Daneben gibt es im Taubenhaus auch einen „Intensivpatienten“. Der betroffenen Stadttaube fehlt der Unterschnabel, nachdem sie von einem Parasiten befallen war. Jetzt ist sie nicht mehr in der Lage, ohne Hilfe Nahrung aufzunehmen und sich zu putzen, weshalb Barbara Deppe das Tier zweimal am Tag füttert und es hin und wieder badet. „Bis auf diese Einschränkung geht es ihr aber gut, was ich an ihrem sonstigen Verhalten erkennen kann“, betont die Bunnerin.

Bei ihrer Arbeit gehe es Deppe darum, den Vögeln ein gutes Leben zu ermöglichen. Sie wünsche sich, dass die Tiere in der Gesellschaft insgesamt mehr Anerkennung finden, sagt sie. Ein erster Schritt sei zumindest schon getan – etwa durch das „Augsburger Modell“, das in vielen Großstädten Deutschlands Nachahmer gefunden habe.

Lehrer Rudolf Reichert hatte dafür gemeinsam mit der Stadt an allen Brennpunkten Augsburgs Taubenschläge errichtet. In den Schlägen werden die Stadttauben mit artgerechtem Futter und Wasser versorgt. Wenn sie sich eingewöhnt haben, beginnen sie im Schlag zu brüten. Ab diesem Zeitpunkt werden die Eier gegen Kunststoffeier ausgetauscht.

„Dass sich viele Menschen über Taubenkot in der Stadt ärgern, kann ich zwar verstehen. Allerdings sind die Tiere auf uns angewiesen“, sagt Barbara Deppe. Denn Tauben bauen keine eigenen Nester. Sie brauchen Nischen und Häusersimse. „Und da sie von verwilderten Haustauben abstammen, sehe ich es als Pflicht an, dass wir uns um sie kümmern, statt sie als Ungeziefer abzustempeln“, betont Barbara Deppe.

Auf dem Hagelhof sind die 270 Zier- und Stadttauben in einer 65 Quadratmeter großen Flughalle – einem ehemaligen Schweinestall – untergebracht, der dafür extra umgebaut wurde. Hinzu kommt eine rund 300 Quadratmeter große und 5 Meter hohe Außenvoliere. So können die Tiere frei entscheiden, ob sie lieber draußen oder drinnen sein möchten. Genauso soll es sein auf dem Hagelhof.

Dieser Artikel erschien zuerst bei „OM-Online“.

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