Hannover  Andreas Philippi über medizinisches Cannabis: „Wir finanzieren auch Freizeitkonsum“

Jonas E. Koch
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Von Jonas E. Koch
| 02.02.2026 06:00 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Osnabrück Dr. Andreas Philippi Niedersächsischer Minister für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung Foto: Sebastian Dannenberg
Osnabrück Dr. Andreas Philippi Niedersächsischer Minister für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung Foto: Sebastian Dannenberg
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Manche Freizeitkonsumenten lassen sich ihr Cannabis dank eines medizinischen Rezepts auch von der Krankenkasse bezahlen, berichtet der niedersächsische Gesundheitsminister Andreas Philippi im NOZ-Interview und erklärt, wie einfach diese Geschäftsmodelle funktionieren.

Er habe eine „Mitverantwortung für die Volksgesundheit“, findet der niedersächsische Gesundheitsminister Andreas Philippi (SPD), und will deshalb dafür sorgen, dass die Bürger weniger rauchen oder Alkohol trinken. Cannabis könne man „im Rahmen der Legalisierung“ zwar rauchen, meint Philippi. Aber dass Konsumenten ihren Konsum von der Krankenkasse bezahlt bekommen, sei „nicht Sinn der Sache“.

Frage: Herr Philippi, Sie wollen Zigaretten teurer machen und Werbung für Alkohol verbieten. Darf man noch ungesund leben?

Antwort: Jeder hat das freie Recht, Alkohol und Zigaretten zu kaufen und zu konsumieren. Aber sehr viele Menschen werden durch den Konsum von Alkohol und Nikotin in diesem Land schwer krank oder sterben. Das ist Fakt. Beim Rauchen schadet man sogar nicht nur sich selbst, sondern auch der Umwelt und den Mitmenschen. Ich habe als Gesundheitsminister eine Mitverantwortung für die Volksgesundheit.

Frage: Was geht es denn den Staat an, wie gesund die Bürger leben?

Antwort: Natürlich geht es den Staat etwas an, weil sie ja auch vom Staat verlangen, dass er ihre Gesundheit organisiert. Dass sich Menschen mit bestimmten Drogen wie Nikotin und Alkohol selbst schädigen und dadurch die Allgemeinheit belasten, kostet den Staat viel Geld.

Frage: Haben Sie denn schon mal geraucht?

Antwort: Ja, ich habe früher auf Partys auch geraucht, auch wenn ich mir noch nie eine Packung Zigaretten gekauft habe. Das ist an sich nicht das Problem. Die Evidenz zeigt, dass es gefährlich wird, wenn man es regelmäßig tut und zehn oder 20 Zigaretten am Tag raucht. Und dieses Problem betrifft uns alle, weil es unsere Kassen belastet.

Frage: Cannabis ist mit einem medizinischen Rezept schon seit 2017 legal, doch seit der Konsum für alle erlaubt ist, steigt die Zahl der Rezepte rapide an. Woran liegt das?

Antwort: Medizinalcannabis gibt es schon sehr lange, und das ist auch richtig so. Es gibt Patientinnen und Patienten mit schweren Erkrankungen, bei denen Cannabis nachweislich hilft, zum Beispiel bei Schmerzen oder Spastiken. Daran will ich überhaupt nicht rütteln. Seit der Legalisierung hat sich das Medizinalcannabis auf 60 Tonnen verdoppelt. Das liegt nicht daran, dass sich plötzlich doppelt so viele schwerkranke Menschen melden, sondern daran, dass sich da Geschäftsmodelle entwickelt haben.

Frage: Wie funktionieren die?

Antwort: Cannabis ist aus dem Betäubungsmittelrecht herausgenommen worden. Damit kann im Prinzip jede Ärztin und jeder Arzt in Europa ein solches Rezept ausstellen. Es gibt inzwischen Online-Portale, bei denen man relativ einfach an ein Cannabisrezept kommt. Da ist es wie in einem guten Weinladen: Da kann etwa angegeben werden, wie hoch der THC-Gehalt sein soll oder Gründe wie schlechter Schlaf und Rückenprobleme und vieles mehr. Und dann setzt ein Arzt irgendwo in Europa seine Unterschrift darunter. Das Problem ist, dass diese Rezepte von den Krankenkassen bezahlt werden. Das heißt, wir finanzieren über das Solidarsystem auch Freizeitkonsum. Das kann nicht Sinn der Sache sein.

Frage: Wie lässt sich das verhindern?

Antwort: Wir haben im Bundesrat einen Antrag eingebracht, der vorsieht, dass die Erstverschreibung von Medizinalcannabis nur noch in einem echten Arztkontakt erfolgen darf. Es geht nicht darum, Patientinnen und Patienten etwas wegzunehmen, die Cannabis wirklich aus medizinischen Gründen brauchen. Aber wir müssen verhindern, dass das System missbraucht wird. Wenn jemand Cannabis konsumieren will, dann soll er das im Rahmen der Legalisierung tun. Aber nicht auf Kosten der Solidargemeinschaft.

Frage: Deutsche gehen ohnehin oft zum Arzt, manche kritisieren auch: zu oft. Was halten Sie von einer Praxisgebühr?

Antwort: Die Praxisgebühr ist ein untaugliches Instrument. Der Zugang zu Ärztinnen und Ärzten muss gewährleistet sein. Das wird über das Abrechnungssystem geregelt, nicht über Strafgebühren. Es stimmt: Ein deutscher Kassenpatient geht deutlich häufiger zum Arzt als in vergleichbaren Industrienationen, drei- bis viermal häufiger als in Dänemark oder Schweden. Aber niemand geht aus Langeweile zum Arzt.

Frage: Aber zu oft mit Wehwehchen?

Antwort: Es gibt objektive Notfälle und es gibt subjektive Notfälle. Es gibt Menschen, die rufen nachts den Rettungswagen wegen Rückenschmerzen, die seit Wochen bestehen, und für Schnitte in den Finger, die man mit einem Pflaster hätte versorgen können. Manche Rettungssanitäter hätten Wunden, für die sie gerufen werden, am nächsten Tag womöglich kaum noch gesehen. Aber wenn jemand meint, er ist in einem subjektiven Notfall, dann muss man das auch ernst nehmen. Die medizinische Einschätzung muss aber meines Erachtens nicht immer ein Arzt geben. Die Rufnummer 116 117 funktioniert inzwischen ziemlich gut. Da bekommt man eine erste Einschätzung, ob man wirklich in die Notaufnahme muss. Wir fangen auch an, mit digitalen Anamnese-Tools in einem Algorithmus die Leute zu befragen und dann gut vorzusortieren, was ein Arzt über ein viel längeres Gespräch rauskriegen müsste.

Frage: Seit Einführung der digitalen Krankmeldung gehen die Deutschen offenbar noch häufiger zum Arzt.

Antwort: Früher haben Sie beim Arzt drei gelbe Scheine bekommen. Der erste ist für den Arbeitgeber, der zweite ist für die Krankenkasse und der dritte ist für Ihre Unterlagen. Den ersten schicken Sie dem Arbeitgeber, was machen Sie mit dem zweiten?

Frage: Ich wüsste gar nicht genau, wie ich meiner Krankenkasse das zukommen ließe. Per Post wahrscheinlich?

Antwort: Wenn Sie die Krankmeldung nicht der Krankenkasse melden, wird diese dort gar nicht erfasst. Und der Arbeitgeber meldet das möglicherweise auch nicht an die Krankenkasse. Durch die Digitalisierung der Krankmeldung haben wir die konkreten Daten. Wir dokumentieren jetzt einfach besser, weil die digitale Krankmeldung ganz automatisch auch an die Krankenkasse versandt wird. Aber die Menschen sind nicht häufiger krank, das nehmen auch die Ärzte nicht so wahr.

Frage: Den Besuch in der Apotheke kann man sich nun auch sparen, seit man auch rezeptpflichtige Medikamente online bestellen kann. Was halten Sie von Online-Apotheken?

Antwort: Ich glaube, dass Apotheken viel mehr sind als eine Medikamentenverteilungsstelle. Die Apotheke spielt auch als Erstberatungsstelle bei bestimmten gesundheitlichen Problemen eine ganz wichtige Rolle. Gerade in ländlichen Regionen sind viele Menschen darauf angewiesen. Ja, Online-Apotheken sind bequem, aber es fehlt die oft wichtige persönliche Beratung. Ich würde immer die lokalen Apotheken unterstützen. Wenn man etwas lokal haben will, muss man auch lokal unterstützen.

Frage: Wenn Patienten im Emsland etwas online bestellen, bekommen sie dort oft Rabatte. Das ist deutschen Apotheken nicht erlaubt, aber die Online-Apotheken versenden aus den nahen Niederlanden. Muss die Preisbindung dann nicht fallen?

Antwort: Die deutsche Pharmaindustrie lebt davon, dass sie Medikamente entwickelt. Viele Patente werden in Deutschland entwickelt, und die Pharmaindustrie ist eine der wenigen Industrien, die in Niedersachsen in den letzten Jahren noch Arbeitsplätze aufgebaut hat. Es geht darum, diese Forschung auch zu finanzieren. Wenn wir innovativ sein wollen, müssen wir auch bereit sein, dass das an der einen oder anderen Stelle etwas kostet.

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