Handball-EM Gold-Hunger noch größer: DHB-Team als Mitfavorit zur Heim-WM
Mit der Silbermedaille um den Hals blicken Deutschlands Handballer auf die Heim-WM 2027. Der Rückstand auf Dänemarks Überflieger wird kleiner. Das schönste Kompliment kommt von Welthandballer Gidsel.
Bei einer Medaillenparty mit Freunden und Familie stießen Deutschlands Handballer auf das EM-Silber an und schworen sich bereits für die Heim-WM 2027 ein. „Der Hunger ist groß, dass wir ganz oben angreifen wollen“, sagte Julian Köster vor der Abreise aus Silkeborg.
Schon beim Selfie und Kaltgetränk mit Bundeskanzler Friedrich Merz in der Kabine schien die größte Enttäuschung über das verlorene EM-Finale gegen Topfavorit Dänemark verflogen. „Er hat uns zugesagt, dass er auch 2027 vorbeischauen will. Wir hoffen, dass wir ihm dafür einen Anlass geben, das Finale erreichen und dann vielleicht etwas Goldenes in der Hand halten“, sagte Teammanager Benjamin Chatton.
Andreas Wolff hatte die erste Kampfansage bereits an die Konkurrenz geschickt, als die Spieler kurz vor Mitternacht in dicken Winterjacken zum Team-Dinner in einem Restaurant in der Silkeborger Innenstadt eintrafen. „Nächstes Jahr spielen wir bei uns zu Hause. Vielleicht haben wir da die ein oder andere vorteilhafte Situation auf unserer Seite und schlagen dann die Dänen im Finale“, sagte der Torhüter mit Blick auf das nächste Turnier und fügte an: „Vielleicht sind wir in zwei Jahren die Mannschaft, die es zu schlagen gilt.“
Gislason: Zu Dänemark fehlt nicht viel
So klingt niemand, der einer EM-Niederlage lange nachtrauert. Dass die Auswahl von Bundestrainer Alfred Gislason die Partie beim 27:34 gegen den nun amtierenden Olympiasieger, Weltmeister und Europameister 45 Minuten offen gestalten konnte, dient vielmehr als Mutmacher für alles, was kommt.
„Zu Dänemark fehlt nicht viel“, erklärte der Isländer. Und Torhüter David Späth meinte: „Ich hoffe, dass nächstes Jahr bei der Siegerehrung die Nationalhymne für uns gespielt wird.“ Die Euphorie bei den Fans ist jetzt schon groß. Knapp 13 Millionen Menschen drückten der DHB-Auswahl beim Finale vor den TV-Bildschirmen die Daumen.
Als Mitfavorit in die Heim-WM
Abgesehen von der Weltmeisterschaft vor einem Jahr zeigt die sportliche Entwicklung des deutschen Teams klar nach oben: Platz vier bei der Heim-EM 2024, der sensationelle Silbergewinn bei den Olympischen Spielen wenige Monate später und nun die erste EM-Medaille seit zehn Jahren. Setzt sich der Trend fort, winkt in einem Jahr der ganz große Coup - ausgerechnet im Kölner Handball-Tempel.
„Wir sind heute enttäuscht, aber morgen wird der Hunger noch größer sein, die Dänen zu schlagen“, kündigte Teammanager Chatton an. Weltmeister-Trainer Heiner Brand hatte bei RTL/n-tv geschwärmt: „Es ist die talentierteste deutsche Mannschaft seit 50 Jahren – vergleichbar mit unserer Weltmeistermannschaft von 1978. Sie gehört zu den Mitfavoriten auf den WM-Titel.“
14 der 18 Spieler aus dem deutschen Silber-Kader sind jünger als 30 Jahre, die Dichte an Talenten mit riesigem Entwicklungspotenzial ist immens. Mit David Späth, Matthes Langhoff, Nils Lichtlein, Renars Uscins, Justus Fischer und Mathis Häseler gehörte ein Drittel des Silber-Kaders vor zweieinhalb Jahren noch zur U21-Auswahl, die den WM-Titel feierte. „Wenn man die Altersstruktur sieht, kann ein Großteil der Mannschaft noch zehn Jahre zusammenspielen. Diese Mannschaft hat die besten Perspektiven im Welthandball“, befand Gislason.
Gislason zeigt es seinen Kritikern
Der Isländer hat es derweil mal wieder seinen Kritikern gezeigt und aus einer Ansammlung talentierter Individualisten endgültig eine Mannschaft geformt. Fehlende Rückendeckung des Verbandes prallten vor und während der EM am Bundestrainer ab. Als gefühlt ganz Handball-Deutschland nach der Vorrundenpleite gegen Serbien von einem Endspiel für Gislason sprach, blieb dieser bemerkenswert gelassen.
„Ich bin seit ‚91 Trainer und habe vieles erlebt“, antwortete Gislason. Ihn bringt nichts mehr aus der Fassung. Es wäre ein Wunder, wenn er seinen Vertrag bis nach der Heim-WM nicht erfüllen dürfte. „Er hat zwei Medaillen geholt. Ich weiß gar nicht, über was wir hier reden“, hatte Routinier Rune Dahmke schon nach dem Halbfinale erklärt.
Gidsel: Deutsche Mannschaft unser größter Gegner
Gislason hat entscheidenden Anteil daran, dass Deutschland wieder eine große Nummer im Welthandball ist. Das bekommt auch die Konkurrenz mit. „Wie sie bei diesem Turnier gespielt haben, ist unfassbar. Das macht mir ein bisschen Angst“, sagte Dänemarks Welthandballer Mathias Gidsel mit Blick auf die WM. „Weil sie dann den Heimvorteil haben. Jetzt ist die deutsche Mannschaft unser größter Gegner. Wir müssen akzeptieren, dass sie nah an uns dran sind.“
Dyn-Experte und Handball-Ikone Stefan Kretzschmar forderte, dass man die Dänen nicht „dämonisieren“ dürfe. „Indem wir immer wieder von der besten Mannschaft der Welt und von der unschlagbaren Truppe reden und damit schon den ersten Schritt zur Niederlage vorprogrammieren“, sagte Kretzschmar und nahm sich selbst von dieser Kritik nicht aus.
Die Marschroute ist künftig also eine andere: 2027 wollen die deutschen Handballer den WM-Titel - und so selbst die beste Mannschaft der Welt werden.