Berlin  Karl Markovics über ein Engel-Erlebnis und seine Absage für die Neuauflage von „Kommissar Rex“

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 20.02.2026 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 11 Minuten
Karl Markovics erzählt, warum er die Neuauflage von „Kommissar Rex“ nicht mitmachen wollte. Foto: picture alliance / GEORG HOCHMUTH / APA
Karl Markovics erzählt, warum er die Neuauflage von „Kommissar Rex“ nicht mitmachen wollte. Foto: picture alliance / GEORG HOCHMUTH / APA
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Karl Markovics spricht im noz-Interview über Alkohol, Gott und seinen neuen Film „Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“. Und er erklärt, warum er bei der Neuauflage von „Kommissar Rex“ als Stockinger nicht mehr mitmacht.

Aus der freien Theaterszene hat er es bis ins internationale Starkino geschafft: Karl Markovics. Heute kann der 62-Jährige es sich sogar leisten, Großprojekte abzusagen – weil er sich für Hollywood den Bart abnehmen müsste, den er für einen europäischen Debütfilm leider braucht. Genau das ist die Geschichte seines Films „Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“. Im Interview zu der leicht surrealen Geschichte erinnert Markovics sich an seine Anfänge bei „Kommissar Rex“ und eine Nacht bei den Oscars.

Frage: Herr Markovics, in Ihrem neuen Film spielen Sie einen Trinker, der 4.000 leere Flaschen hortet. Haben Sie Lust, über Alkohol zu sprechen?

Antwort: Sehr gern! Ich habe allerdings keine große Trinkerkarriere hinter mir. Lange Zeit war ich ein lasterhafter Raucher. Das habe ich mir Gott sei Dank vor elf Jahren abgewöhnt. Ich trinke ganz gerne ein Gläschen Wein und hin und wieder auch einen guten Old Fashioned oder Single Malt Whisky. Aber es gibt da keine Regelmäßigkeit. Bei Fragen zu originellen Trinksprüchen oder Saufspielen muss ich passen.

Frage: Als Raucher kennen Sie sich immerhin mit Suchtverhalten aus. Wozu haben Sie Nikotin gebraucht – zum Wachwerden, zum Arbeiten, zum Runterkommen?

Antwort: Ich bin mit Sicherheit auf eine gewisse Art Stimulanz-gefährdet. Das sind ja viele. Ich weiß also, dass ich vorsichtig sein muss. Bei Drogen war ich das immer. Bis auf ein paar Joints habe ich da nicht viel zu berichten. Der Grund dafür war aber eher: Ich mag es nicht, wenn mein Bewusstsein sich durch Mittel verändert. Nikotin hat nur meine Wachheit geschärft, wie Sie richtig sagen. Ich war schneller da und konzentrierter. Es bleibt aber eine Sucht und nur weil ich aufgehört habe, bin ich kein Nichtraucher. Ich bin trockener Raucher. Beim Film nehme ich Kräuterzigaretten. Wenn ich eine normale Zigarette so richtig durchziehen würde, käme die Unruhe zurück und ich würde vielleicht wieder anfangen.

Frage: Alkohol trinkt man zum Feiern, Flirten und auch zum Entspannen. Welche positiven Erlebnisse verbinden Sie mit Ihrem Single Malt?

Antwort: Ich bin kein sehr sozialer Mensch. Ich kann ganz gut allein sein und ich habe den Alkohol nie als soziales Stimulanzmittel gebraucht. Er hilft mir eher, nach intensiver Arbeit runterzukommen, Stress abzubauen, von mir selbst ein bisschen loszukommen. Dann hört dieses Räderwerk im Kopf auf, man wird langsamer, denkt an nichts Konkretes mehr und fühlt sich einfach mal wohl.

Frage: Haben Sie, damit es nicht zu werblich wird, auch eine üble Erinnerung an Alkohol? Auch ohne Harttrinker zu sein, kann einem das ja mal passiert sein.

Antwort: Müssen wir pädagogisch werden?

Frage: In Wahrheit bin ich nur neugierig auf spektakuläre Abstürze.

Antwort: Natürlich war mir auch schon so schlecht, dass ich den Alkohol bitterlich bereut habe. Vor allem, wenn man am nächsten Tag sehr früh aufstehen muss, weil zum Beispiel ein eiskalter Drehtag in Kanada vor einem liegt und dann auch noch die Heizung im Trailer ausgefallen ist. Das ist mir einmal passiert. Es war stockdunkel und mein erstes Wort an diesem Tag war die Frage, ob der Set-Aufnahmeleiter wohl eine, nein, lieber zwei Aspirin auftreiben könnte. Das vergisst man nicht.

Frage: Ihr neuer Film heißt: „Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“ Wie würden Sie selbst diese Frage beantworten?

Antwort: Mit einem Ja.

Frage: Was für Wesen sind die Engel, an die Sie glauben?

Antwort: Es gibt eine wunderschöne Reisegeschichte von Christoph Ransmayr. Sie heißt „Die Arbeit der Engel“ und erzählt von einem pensionierten Lehrer in der damaligen Tschechoslowakei, der einen jüdischen Friedhof instand setzt. Die kommunistischen Behörden wollten ihn einebnen, aber obwohl der Mann gar kein Jude ist, restauriert er die Grabsteine. Um die Inschriften zu entziffern, lernt er sogar Hebräisch. Auf einem Grabstein ist von der Arbeit der Engel die Rede. Und am Ende begreift der Lehrer, was damit gemeint ist: Es sind gar nicht die Engel, die diese Arbeit machen. Die haben keine echten Hände, keine Füße, gar nichts. Wer muss die Arbeit der Engel also machen? Die Menschen natürlich. Es muss immer einen Menschen geben, der in einem bestimmten Moment für einen anderen der Engel ist.

Frage: Das ist wirklich schön.

Antwort: Und davon handelt auch unser Film. Da ist dieses junge Mädchen, das von einer merkwürdigen, surrealen Behörde eine Aufgabe bekommt – und zwar die, sich um diesen Messi-Alkoholiker-Typen zu kümmern, den ich spiele. Und damit Sinn in sein Leben zu bringen. Für so was brauchen wir Engel.

Frage: Können Sie eine Engel-Situation aus Ihrem eigenen Leben berichten?

Antwort: Ich habe sogar eine Geschichte, in der die Lichtgestalt nicht mal ein Mensch ist, sondern eine Straßenbahn. Als junger Mann landete ich nach zwei erfolglosen Vorsprechen an Schauspielschulen in der Vorstellung einer Wiener Theaterkompanie, dem Serapionstheater. Damals spielten sie ganz ohne Worte, alles ging in Richtung fantastischer Realismus. Ich war komplett begeistert – wie in Trance. Danach ging ich zur Haltestelle, von wo die Straßenbahn mich zum Stadtrand bringen sollte. Das letzte Stück wäre ich mit dem Mofa in meine Vorstadtsiedlung gefahren. Damals wohnte ich noch bei meinen Eltern. Und jetzt rattert die Straßenbahn an. Ich sehe nur die Lichter auf mich zukommen und ich höre eine Stimme in mir. Es ist eine doppelte Engelsgeschichte: Ich bin mein eigener Engel, aber der Engel ist auch die Straßenbahn. Und die Stimme sagt: „Wenn du jetzt in diese Straßenbahn steigst und nach Hause fährst, haben alle anderen recht. Alle, die sagen: Das wird nichts mit der Schauspielerei. Such dir was anderes. Wenn du nicht einsteigst, wenn du die Straßenbahn vorbeifahren lässt, wenn du zurückgehst in dieses Theater, wenn du hoffst, dass da überhaupt noch jemand ist, hoffst, dass die noch offen haben und fragst, ob du mitarbeiten kannst, auch ohne Geld – dann darfst du Schauspieler werden.“ Und genauso kam’s.

Hier sehen Sie den Trailer zu Karl Markovics’ Film „Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“

Frage: Zwei tolle Geschichten mit einem eher säkularen Engelsbegriff. Es geht um Selbstwirksamkeit und Mitmenschlichkeit. Steckt bei Ihnen trotzdem eine Religiosität dahinter? Glauben Sie an Gott?

Antwort: Da kann ich nur mit einer halben Antwort dienen, mit einem Zwischenstand: Es gibt für mich Gott, aber fragen Sie mich nur nicht nach einer näheren Beschreibung. Mein Gefühl deckt sich mit keinem der Angebote, die mir die Religionen liefern. Ich glaube, dass es Dinge gibt, die wir nicht begreifen. Auch in meinen Filmen steckt für mich viel Metaphysisches. Das ist mir nicht fremd. Sie können mich spirituell nennen. Das ist ein wichtiger Teil in meinem Leben, aber auch einer, von dem ich sehr wenig Ahnung habe.

Frage: Den „Engel“ im Film spielt Luna Wedler. Sie sind 62, Luna Wedler ist 26. Beschreiben Sie mal das Miteinander über diesen Altersabstand. Sind Sie ein Mentor? Lernen Sie was von der jungen Kollegin?

Antwort: Idealerweise ist es von allem was. Ich würde das als Geben und Nehmen bezeichnen. Mit Luna hatte ich vorher schon in „Was man von hier aus sehen kann“ zusammengespielt und wir hatten schon ein sehr schönes Verhältnis. Ich denke, dass sie eine Vollblutschauspielerin ist, extrem daran interessiert, wie andere arbeiten, und in der Lage, aus der Erfahrung älterer Kolleginnen und Kollegen einen Nutzen zu ziehen. Und umgekehrt wäre ich ja blöd, wenn ich mich selbst nicht drauf einließe. Was im Alter ja leicht passiert – dass man denkt: Ich kenne das alles, mir macht keiner was vor. Ich nehme auch in ungleichen Konstellationen immer mehr das Gemeinsame wahr, insofern spielt auch das Alter nicht so eine Rolle. Was uns trennt, sind Äußerlichkeiten. Das Wesentliche ist bei uns allen gleich.

Frage: Zurzeit entsteht eine Neuauflage von „Kommissar Rex“. Und nach allem, was man hört, spielen Sie nicht mit.

Antwort: Korrekt.

Frage: Im Original war Ihr Bezirksinspektor Stockinger so beliebt, dass er eine eigene Serie bekommen hat. Wie rechtfertigen Sie, dass Sie jetzt nicht mal für einen Gastauftritt dazustoßen?

Antwort: Ich wurde in alle Richtungen gefragt und ich habe in alle Richtungen dankend abgelehnt. Das ist nicht mehr die Zeit und nicht mehr der Platz für mich. Ich wäre mir aufdringlich vorgekommen. Was meine Anwesenheit rechtfertigen würde, wäre einzig und allein, dass ich damals dabei war. Sonst gibt’s überhaupt keinen Grund.

Frage: Hand aufs Herz: Liegt es an Rex? Zumindest Ihre Figur hatte damals ja Angst vor Hunden.

Antwort: Es gab in der Geschichte eine Annäherung zwischen Stockinger und Rex. Ich persönlich komme mit Tieren im Allgemeinen sehr gut aus, auch mit Rex. Musste ich auch. Mit einer echten Angst vor Hunden wäre das nicht gegangen. Es waren immer fantastische Tiertrainerinnen da und vor allem war es ein toller Hund. Die Serie war meine erste Arbeit vor der Kamera, das erste Fernsehprojekt und eine Chance, ganz viel am Stück zu drehen. „Kommissar Rex“ war eine unglaubliche Zeit für mich, an die ich gerne zurückdenke. Aber es ist auch lange vorbei.

Frage: Hunde sind die besten Freunde des Menschen – sind sie auch die besten Freunde des Schauspielers? Ein Hund raubt einem leicht die Aufmerksamkeit.

Antwort: Ich habe Rex nie als Konkurrenz betrachtet. Er war ein wirklicher Partner – ein Kollege wie meine menschlichen Mitspieler auch. Und ich gehe auf jedes Wesen mit Respekt zu. Da mache ich keinen Unterschied, ob es ein Tier ist oder ein Mensch oder eine Pflanze. Wenn im Drehbuch steht: „Er schneidet der Blume den Kopf ab“, muss es Sinn machen, damit ich das umsetze. Und jetzt sind wir doch wieder bei der Spiritualität: Leben ist für mich etwas Heiliges.

Frage: Hatten Sie eine rein dienstliche Beziehung zum Hund oder hätten Sie nach Drehschluss, um es mal so auszudrücken, noch gemeinsam einen Napf heben können?

Antwort: Man konnte Rex natürlich streicheln. Aber dass er von sich aus mit mir knuddeln wollte, kann ich wirklich nicht sagen. Auch hier war mein Verhältnis zum Hund eigentlich genauso wie zu den menschlichen Kollegen. Mit denen habe ich das auch nicht gemacht.

Frage: Eine Frage, die ich jedem stelle, der mal dabei war: Haben Sie in Ihrer Oscar-Nacht eine der sagenumwobenen Goodie Bags voller Luxus-Werbegeschenke bekommen? Die Nominierten werden ja offenbar mit kostspieligen Reisen und Luxusartikeln umworben.

Antwort: Die Frage müssen Sie Christoph Waltz stellen. Die Goodie Bags gibt es nur für Nominierte in den Hauptkategorien. Die Stars sind natürlich gute Werbeträger. Wenn man, wie damals bei uns mit „Die Fälscher“, im besten fremdsprachigen Film mitspielt, kriegt man bei den Presseterminen vielleicht ein paar Kosmetika. Stefan Ruzowitzky, unser Regisseur, und ich haben uns erst gefragt, ob wir wohl schlecht riechen, weil sie uns Deodorant geschenkt haben. Mehr gab es nicht und mehr braucht man auch nicht. Die Oscars sind ein Paralleluniversum und ich bin froh, dass ich das einmal in meinem Leben genießen durfte. Und genauso froh bin ich, dass ich wieder in der normalen Welt bin.

Frage: Prasseln nach so einer Nacht Filmangebote auf einen ein, die vorher undenkbar waren?

Antwort: Prasseln würde ich das nicht nennen. Mein Schwerpunkt ist ja ohnehin Europa. Ich spiele und schreibe Drehbücher, mache Regie, inszeniere Hörspiele und Opern, mache Leseprogramme und arbeite viel mit Musikern zusammen. Und dass ich diese Vielfalt leben kann, ist mein ganz großes Glück. Was sich mit den Oscars verändert hat, ist natürlich die Möglichkeit, mit internationalen Leuten zu arbeiten, mit Regisseuren wie Terrence Malick oder Wes Anderson oder mit Kate Winslet in einer HBO-Serie.

Frage: Ihrem Regisseur Wes Anderson, habe ich gehört, mussten Sie für den aktuellen Film einen Korb geben.

Antwort: Wegen des Bartes. Den konnte ich mir nicht schneiden lassen, weil ich ihn für „Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“ brauchte. In so einem Fall muss man den Hollywood-Film eben mal absagen. Schade, aber mein Gott, so ist das Geschäft. Du kannst nicht in zwei Filmen gleichzeitig spielen, wenn es sich mit der Frisur nicht ausgeht. Und Wes hat am Ende doch noch eine kleinere Rolle für mich gefunden.

Frage: Gab es das öfter in Ihrem Leben: Verpasste Großprojekte, weil die eine mit der anderen nicht zusammenpasste?

Antwort: Ich habe weniger als ein Dutzend internationale Produktionen gemacht. Bei den Castings komme ich sicher auf 30 oder 35. Also habe ich in mehr Produktionen nicht gespielt. Aber ich bin wirklich kein Mensch, der in der Vergangenheit lebt. Ich lebe immer eigentlich in die Zukunft.

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