Osnabrück Missbrauch im Kindergarten? Die dunkle Vergangenheit des Lutherhauses Osnabrück
Die Osnabrücker kennen das Lutherhaus als Kulturzentrum. Dass das Gebäude mit der evangelischen Kirche verbunden ist, legt schon sein Name nahe. Nun berichtet ein Mann von einem früheren Kindergarten – und dem Missbrauch, den er dort erlebt habe.
Ein Altbau in hellen, warmen Farben. Eine Stätte für Konzerte und andere Veranstaltungen. Heimat eines Gitarrenladens, eines Tonstudios und zweier Plattenlabel – so präsentiert sich das Lutherhaus in Osnabrück. Der Name des Reformators sorgt vielleicht bei Besuchern für Verwunderung, aber auf der Homepage des Kulturzentrums könnten sie zur Erklärung nachlesen, dass das Gebäude früher der evangelischen Katharinen-Gemeinde gehört habe.
Hans F.* kennt das Lutherhaus noch aus dieser Zeit. Aber es sind keine guten Erinnerungen, die immer wieder bei ihm hochkommen. Er hat einen Kindergarten besucht, der dort untergebracht war. Zwischen 1958 und 1961 muss das gewesen sein. Seine Eltern seien beide berufstätig gewesen, der Vater außerdem mit einem Kriegstrauma belastet, so schildert es der heute 71-Jährige. Also blieb der kleine Hans über Mittag im Kindergarten Lutherhaus.
Er habe dort im Schlafsaal im Bett gelegen, als ein Mann hereingekommen und zu ihm gegangen sei und sich „in verschiedener Art und Weise mit mir beschäftigt hat“. So drückt es Hans F. im Gespräch aus. Der sexuelle Missbrauch sei „über die gesamte Zeit wiederholt und unter Anwendung von Gewalt“ geschehen, wird 60 Jahre später in einem formellen Schriftstück der evangelischen Kirche festgehalten. Im fünften und im neunten Lebensjahr versuchte Hans F., sich das Leben zu nehmen.
Wer der Täter war? Hans F. weiß es nicht. Vielleicht ein Hausmeister, vielleicht ein Bewohner des benachbarten Männerwohnheimes. Er sehe ein älteres, ungepflegtes, bärtiges Gesicht vor sich, sagt Hans F.. Damals habe er vor Scham und Angst mit niemandem sprechen können. Vor einigen Jahren, im fortgeschrittenen Alter, sei alles wieder hochgekommen. Er leidet an Depressionen und einer posttraumatischen Belastungsstörung, hat etliche Therapien hinter sich, musste vorzeitig in Rente.
Hans F. engagiert sich heute für die Aufklärung sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche und in der Osnabrücker Selbsthilfegruppe „Austausch“. Die hannoversche Landeskirche hat ihm vor einigen Jahren 30.000 Euro zur Anerkennung seines Leids gezahlt. Aufarbeitung gebe es dennoch nur punktuell, kritisiert Hans F.: Proaktives Vorgehen sei selten, als Betroffener müsse er „unheimlich hinterherlaufen“, was die eigene Hilflosigkeit wieder spürbar macht.
Das fängt schon damit an, dass über den Kindergarten im Lutherhaus offenbar wenig bekannt ist. Die Häuser am Arndtplatz, beim Zusammenlaufen von Jahn- und Arndtstraße, wurden wohl vor hundert Jahren von einem evangelischen Verein erworben, um ein Gemeindezentrum zu schaffen. Schon in den ersten Nachkriegsjahren fanden dort auch kulturelle Veranstaltungen statt. Das Männerwohnheim war ein Vorläufer des später in der Wüste errichteten Bischof-Lilje-Altenzentrums.
Hans F. hat inzwischen mithilfe des Osnabrücker Superintendenten Joachim Jeska Kontakt zu anderen Zeitzeugen aufgenommen. Die Fachstelle für sexualisierte Gewalt der Landeskirche hat ihm angeboten, gemeinsam in Archiven nach weiteren Informationen über das alte Lutherhaus zu suchen.
Aktuell gebe es noch keine Unterlagen, die Auskunft zu Vorgängen in den 1950er-Jahren geben könnten, heißt es auf Anfrage unserer Redaktion von der Pressestelle der hannoverschen Landeskirche. „Die Aktivitäten des damaligen Trägervereins ruhen schon seit sehr vielen Jahren, und der Verein befindet sich in Auflösung“, sagt ein Sprecher zum früheren Kindergarten.
Ähnlich sieht es bei dem Männerwohnheim aus. Es „wird aktuell recherchiert, ob es einen Rechtsnachfolger des damaligen Trägers gibt, bei dem noch Unterlagen existieren“, so der Sprecher: „Bisher war hier nichts aufzufinden.“ Weitere Personen, die ähnliche Vorwürfe wie Hans F. erheben, seien zurzeit weder in Hannover noch beim Kirchenkreis Osnabrück bekannt.
Hans F. will trotz aller Schwierigkeiten und der persönlichen Belastung weiter Druck machen. Im November hat er, der jenseits der Kindergartenjahre nie viel mit der Kirche zu tun hatte, auf der Landessynode gesprochen. Betroffene sexualisierter Gewalt hatten dort erstmals direktes Rederecht erhalten. Hans F. ließ seine Ansprache als Audiodatei abspielen. Er sagt: Persönlich vor dem Kirchenparlament zu reden, hätte ihn zu sehr fertiggemacht.
* Der richtige Name von Hans F. ist unserer Redaktion bekannt.