Osnabrück Der Kosmopolit Stefan Zweig und seine Botschaft: Warum sie heute wieder so aktuell ist
Kultur als Kampfplatz der Identitären? Diese Version von Kultur muss das Bild nicht beherrschen. Stefan Zweigs Plädoyer für kosmopolitische Offenheit verdient neue Aufmerksamkeit.
Stefan Zweig: Sagt Ihnen der Name noch etwas? Vielleicht haben Sie den Schauspieler Josef Hader vor Augen, der in dem Kinofilm „Vor der Morgenröte“ den Schriftsteller und Kosmopoliten Stefan Zweig kongenial verkörpert hat. Oder Sie denken an Bücher Zweigs, die immer noch viel gelesen werden, von einer Biografie wie „Marie Antoinette“ bis zu den „Sternstunden der Menschheit“ oder der Erzählung „Schachnovelle“, die es längst auch als Graphic Novel gibt.
Stefan Zweig, das ist der weltgewandte Bestsellerautor und überzeugte Europäer, aber auch der Verfolgte und Exilant.
Ich begeistere mich seit Langem für diesen Autor, folge ihm begeistert auf jenen Analysen der Kultur, die er in seinen Essays und Vorträgen ausgebreitet hat. „Das Wien von gestern“: Der Titel dieses Vortrags klang für mich zunächst nach müder Abgelebtheit. Doch schon seine ersten Sätze fesselten mich. Warum? Weil ich in den Ausführungen sofort ein Gleichnis der eigenen Zeit wiedererkannt habe – das Porträt einer Epoche, in der lebendige Kultur verloren zu gehen droht, weil das autoritäre politische Kräfte so wollen.
Als Stefan Zweig diesen Vortrag 1940 in Paris hält, ist er längst auf der Flucht, haben die Nationalsozialisten sein Haus in Salzburg schon gestürmt und durchsucht. Wer Kultur nicht als Identität und Abschottung denkt, sondern als Austausch und Verbindung, ist den Autoritären und Identitären ein sehr großer Dorn im Auge. Stefan Zweig gerät umgehend ins Visier der Unterdrücker. Er weiß, dass er nur einen Weg nehmen kann – den der Flucht, die in das Exil führt.
Alles lange her und weit weg? Nein, denn der Kampf um die Kultur wird heute wieder geführt, mit Verbissenheit an den radikalen Rändern. Dort wird Kultur nicht als Plattform oder Areal verstanden, sondern als Arena von Kämpfen um die eine Kultur, die allein richtig sein soll – jene nationaler Identitäten und all der Ausschlüsse und Abgrenzungen, die ein solch rabiates Projekt nach sich zieht.
Stefan Zweig hat 1940 bereits erlebt, wohin solche Kulturkämpfe führen. Zwei Jahre zuvor haben die Nationalsozialisten Zweigs Heimat übernommen. In seinem Vortrag beschwört er Wien als eine „der Hauptstädte unserer gemeinsamen europäischen Kultur“. In einer Ära der „zeitweiligen Unterordnung“ seines Österreich unter den NS-Staat zeichnet Zweig melancholisch und liebevoll das Bild einer kosmopolitischen Metropole, in der Kultur ein Gewebe aus vielen Idiomen ist, die sich in einem Punkt treffen: dem stillen Gesetz zivilisierten Umgangs und umfassender Toleranz.
Stefan Zweig ist bewusst, dass seine Gedanken in einer Ära der Propaganda und Gewalt, der Hetze und des Geschreis unweigerlich zu milde, ja schwächlich erscheinen müssen. Er sieht sich in der Defensive – und macht trotzdem weiter. Denn er weiß, dass identitäre Abgrenzung ein Zeugnis versteckter Ängste ist; er weiß, dass in der Verbindung und Verbindlichkeit die wahre Stärke liegt.
Humanismus: Dieser Begriff wird heute immer wieder mit Stefan Zweig in Verbindung gebracht. Das klingt nach Unverbindlichkeit und Gutmenschentum, also allem, was im digitalen Kommunikationsraum seit Jahren Ziel wüster Verunglimpfung ist. Ich finde, dass Zweigs Humanismus unbedingt wiederentdeckt und heute zum Sprechen gebracht werden sollte.
Denn es ist Stefan Zweig, der nach dem Ersten Weltkrieg in seinem Essay „Die moralische Entgiftung Europas“ zur Verständigung der Kulturen aufruft. Es ist Stefan Zweig, der in seinen Biografien über den Theologen Erasmus von Rotterdam und den Philosophen Michel de Montaigne für den intellektuellen Ausgleich extremer Standpunkte plädiert. Und es ist Stefan Zweig, der in seinem Vortrag „Das Wien von gestern“ für eine Kultur der Übersetzungen votiert.
„Fremdes galt nicht als feindlich und antinational, wurde nicht überheblich als undeutsch, als unösterreichisch abgelehnt, sondern geehrt und gesucht. Jede Anregung von außen wurde aufgenommen“: Zweig will eine Atmosphäre der „Weltluft“, ein Miteinander, in dem eine Kultur der Konzilianz, des Gesprächs und des Feingefühls für Zwischentöne reifen kann.
Sein Konzept einer Kultur der Vielsprachigkeit finde ich wegweisend. Es bietet eine Lebenshaltung jenseits identitärer Gängelung, eine Vorstellung, die auch über ein unverbindliches Multikulti hinausgeht. Stefan Zweig hat Toleranz geübt und zugleich Maßstäbe gelebt. Das beeindruckt mich immer wieder, gerade als Wegweisung und Beispiel für eine Gegenwart voll erbitterter Kulturkämpfe.
„Kunst wie Kultur kann nicht gedeihen ohne Freiheit, und gerade die Kultur Wiens kann ihr Bestes nicht entfalten, wenn sie abgeschnitten ist von dem lebendigen Quell europäischer Zivilisation“: Stefan Zweigs Schlusswort klingt aus dunkler Zeit zu uns herüber. Möge sein Wien überall sein – als Ort einer Kultur, die sich in jenem Gespräch verwirklicht, das weder Grenze noch Ende kennt.