Berlin Die AfD und der Holocaust – so will die Partei das Geschichtsbild der Deutschen umkrempeln
Führende Politiker der AfD leugnen den Holocaust nicht, und für seine „Vogelschiss“-Bemerkung hat Alexander Gauland sich mehrfach entschuldigt. Umkrempeln will die Partei die Erinnerungskultur aber schon: der Holocaust als kurze Episode in einer ansonsten ruhmreichen deutschen Geschichte. Kann das funktionieren?
Bei der diesjährigen Holocaust-Gedenkstunde im Bundestag sind die Reihen der AfD-Bundestagsfraktion schon zwanzig Minuten vor Beginn gut gefüllt. Und als die Hauptrednerin Tova Friedman, die als kleines Kind nur durch einen Zufall dem Tod in den Gaskammern von Auschwitz entkam, ihren eindrücklichen Vortrag beendet, springt Fraktionschefin Alice Weidel als eine der Ersten zu minutenlangen stehenden Ovationen auf.
Der tadellose Auftritt täuscht darüber hinweg, dass der AfD die Fokussierung der deutschen Gedenkkultur auf die Verbrechen der NS-Zeit ein Dorn im Auge ist. Die Veränderung des Geschichtsbildes der Deutschen hin zu einem anderen nationalen Selbstverständnis ist heute eines ihrer zentralen Anliegen, auch wenn das seltener ins öffentliche Bewusstsein gerät als andere Themen.
Im heraufziehenden Landtagswahlkampf in Sachsen-Anhalt wird deutlich, wie die Partei die Erinnerungskultur verändern will – und zwar radikal. Die dortige AfD-Kampagne #deutschdenken etwa wirbt dafür, künftig auf Schulbesuche in Holocaust-Gedenkstätten zu verzichten und einen „Stolz-Pass” einzuführen. Damit sollen positiv besetzte Orte deutscher Geschichte in den Vordergrund gerückt werden. Im Programm heißt es: „Die AfD-Sachsen-Anhalt wird diese Identitätsstörung durch eine neue, patriotische Kulturpolitik heilen.“ Der MDR zitiert den stellvertretenden AfD-Landesvorsitzenden Hans-Thomas Tillschneider mit den Worten, man müsse „die Vergangenheit vergehen lassen“. Die NS-Zeit sei eine Belastung. Ist das heute so Konsens in der Partei? Trifft sie damit vielleicht sogar einen Nerv?
Der Geschichtslehrer Götz Frömming, Obmann der AfD für Kulturpolitik im Bundestag, sollte es wissen. Wenn man ihn fragt, wie die AfD es denn wirklich halten will mit dem Gedenken an die Verbrechen der NS-Zeit, sagt er: „Der Holocaust ist Teil der deutschen Identität. Man kann nicht so tun, als hätte es ihn nicht gegeben.“ Es gehe seiner Partei gar nicht darum, etwas unter den Tisch fallen zu lassen. Es gehe aber darum, „auch positiv identitätsstiftende Epochen wieder mehr zu berücksichtigen“.
Es sei falsch, auch der jungen Generation heute noch ein Schuldbewusstsein zu vermitteln. „Ausgewogenheit“ müsse hergestellt werden. Kaiserreich und Bismarck, die Revolution von 1989 – auch daran sollte erinnert werden. „Das wurde über Jahrzehnte alles ausgeblendet, und wie eine Art Religion wurden nur die Verbrechen in den Vordergrund gestellt”. Er halte das für problematisch, weil eine Nation „positive Identifikationsmöglichkeiten” brauche.
Frömming führt ausgerechnet den hohen Migrationsanteil an Schulen als Begründung für eine aus seiner Sicht notwendige Wende in der Erinnerungskultur an. „Wir müssen uns doch fragen, was wir Migranten eigentlich für ein Angebot machen, sich mit Deutschland zu identifizieren. Der Holocaust hat mit deren Identität nichts zu tun. Wir müssen ihnen doch sagen, was eigentlich cool ist an Deutschland.”
Die Gedenkstunde im Bundestag am 27. Januar, dem Tag der Befreiung von Auschwitz, ist seit 1996 fester Bestandteil des Bundestagskalenders. Sie ist die einzige Veranstaltung dieser Art, die im Konsens zwischen den Parteien im Parlament jedes Jahr stattfindet. „Wir würden diese gesamte Erinnerungskultur auf den Prüfstand stellen und Ausgewogenheit herstellen”, sagt Frömming. Den Kindern von deutschen Vertriebenen sei es sicher auch ein Anliegen, mal im Bundestag von ihrem Leid zu erzählen. Auch Deutsche, die in Sowjetlagern unschuldig eingesperrt wurden, könnten zu Wort kommen. „Ohne andere Dinge zu relativieren“, schiebt Frömming noch nach.
Die Politikwissenschaftlerin Sabine Volk vom Institut für Rechtsextremismusforschung an der Universität Tübingen forscht zur Geschichtspolitik der extremen Rechten und hält das Vorhaben einer neuen Erinnerungspolitik für weniger harmlos, als es erst mal klingen mag. Für sie ist klar: „Es geht der AfD darum, eine alternative nationale Erzählung durchzusetzen.“
Dazu werde der Holocaust zwar nicht geleugnet, wie es Rechtsextreme in den 50er-Jahren taten. Man versuche sich stattdessen an einer Umdeutung. Prominentestes Beispiel dafür sei die Aussage von Parteichefin Alice Weidel während eines Gesprächs mit US-Tech-Milliardär Elon Musk, Adolf Hitler sei in Wirklichkeit ein Linker gewesen. Damit werde die „Externalisierung“ von Schuld betrieben: Die Rechten könnten so vermeiden, in der ideologischen Tradition der Verbrechen der NS-Zeit zu stehen.
Die disziplinierte Teilnahme an der Holocaust-Gedenkstunde sieht Volk auch als Versuch, sich reinzuwaschen vom Vorwurf, man wolle die NS-Verbrechen relativieren. „Formal bewegt man sich im Konsens, aber in den sozialen Medien und Wahlkampfslogans weicht man wieder davon ab.“ Der Slogan „Alice für Deutschland” – lautstark skandiert auf dem Bundesparteitag 2025 in Abwandlung der verbotenen SA-Parole „Alles für Deutschland“ – sei nur ein Beleg dafür, wie die Partei mit der NS-Zeit kokettiere. Volk sagt: „Ich bin mir sicher, dass die Gedenkstunde im Bundestag über kurz oder lang verschwinden würde, sollte die von Höcke geprägte AfD an die Macht kommen.” Der Thüringer AfD-Landeschef Björn Höcke forderte 2017 ein Ende der „dämlichen Bewältigungspolitik“.
Von solchen Möglichkeiten sei die Partei im Bund allerdings auch deshalb weit entfernt, weil die Gedenkkultur und Aufarbeitung der NS-Zeit in der Mitte der Gesellschaft verankert sei. Das Besondere daran: Diese Aufarbeitung sei eben gerade nicht „von oben“ verordnet gewesen. „Die kritische Holocaust-Aufarbeitung und Erinnerung wurde von der Zivilgesellschaft angestoßen und erst später von der Politik aufgenommen.“ Der kontinuierliche Prozess der Aufarbeitung präge Deutschland. „Es gibt das Selbstverständnis, dass Deutschland schlimmste Verbrechen begangen hat.“
Heldenverehrung begegne man aus dieser Erfahrung heraus mit Skepsis. Aus Sicht der Wissenschaftlerin ist das sogar „etwas Besonderes in Europa“: „Andere Länder haben die Schattenseiten ihrer Vergangenheit nicht so intensiv bearbeitet. Und es zeigt sich, dass die Integration eines selbstkritischen Narrativs in die nationale Erzählung dem Aufstieg der extremen Rechten Einhalt gebieten kann.“ In anderen Ländern wie Österreich oder den Niederlanden kämen Rechtsextreme in Regierungsverantwortung – in Deutschland bisher nicht.
Der unterschiedliche Blick auf die NS-Diktatur in den zwei deutschen Staaten BRD und DDR bis 1990 ist aus Sicht von Volk auch ein Grund dafür, warum die AfD im heutigen Ostdeutschland erfolgreicher ist als im Westen. Die Eliten der DDR hielten die BRD für den NS-Nachfolgestaat, die Aufarbeitung des Holocaust war damit Angelegenheit des Westens. Der per Selbstdefinition „antifaschistische“ SED-Staat fokussierte sich dagegen auf die Verfolgung der Kommunisten im Nationalsozialismus. „Auch weil diese Aufarbeitung des Holocaust fehlte, ist die soziale Akzeptanz von Rechtsextremismus in Ostdeutschland heute viel größer.“
Wie sich eine Gesellschaft erinnert, hat großen Einfluss auf ihr politisches Koordinatensystem. Bei der AfD weiß man darum. AfD-Politiker sprechen selbst von einer „Mainstreamisierung“ ihrer Ideen als strategischem Ziel: die AfD als neues Normal. „Anschlussfähig zu werden ist das strategische Ziel”, meint Forscherin Volk. Grundsätzlich gebe es auch in konservativen Kreisen links der AfD eine Sehnsucht nach einer positiven nationalen Erzählung. Die Historikerin Cornelia Siebeck bezweifelte schon 2017 in einer Analyse der Höcke-Rede in Dresden, dass es den großen Konsens darüber, wie der NS-Zeit zu gedenken sei, überhaupt gibt. „Schlussstrich“-Debatten hat es immer gegeben. Aus dem Erfolg der AfD bei Wahlen und Umfragen kann man ablesen, dass ihr Ruf nach einer neuen Erinnerungskultur große Teile der Bevölkerung jedenfalls nicht abschreckt.
Die Holocaust-Überlebende Tova Friedman formuliert in ihrer Rede im Bundestag aber eine andere Erwartung: „Deutschland versteht vielleicht mehr als jedes andere Land, was passieren kann, wenn Hass zur Normalität wird und wenn Verantwortung weggeschoben wird.” Das sei heute die besondere Rolle Deutschlands in der Welt: ein Land zu sein, das auf so vieles stolz sein könne, von Bach bis Goethe, wie Friedman sagt, das aber gerade nicht vergisst und relativiert. Deutschland, so fordert sie, müsse deshalb viel entschiedener gegen den neu aufflammenden Antisemitismus vorgehen. Als Lehre aus seiner Geschichte.