Osnabrück  Ex-VfL-Trainer Rolf Grünther: Warum ich mit dem Profifußball früh abschloss

Harald Pistorius
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Von Harald Pistorius
| 11.02.2026 12:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
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Zweimal geheuert, zweimal gefeuert: Rolf Grünther ist eine der schillerndsten Trainerpersönlichkeiten der Geschichte des VfL Osnabrück. Aus dem Fußballgeschäft hat er sich vor 35 Jahren zurückgezogen, über seine Karriere spricht er selten. Doch zu seinem 75. Geburtstag, den er am 11. Februar 2026 feiert, macht er in diesem noz-Interview eine Ausnahme.

Er ist einer von sieben Trainern, die zweimal beim VfL Osnabrück antraten. In seiner ersten Amtszeit (1985 bis 1987) führte Rolf Grünther die Lila-Weißen erst zum Klassenerhalt und dann in die Spitzengruppe. Als er zur Bremer Brücke zurückkehrte, erfüllte er den Rettungsauftrag und befreite den VfL aus einer akuten Notlage im Abstiegskampf 1990/91. Am 11. Februar 2026 wird er 75. In diesem Interview erinnert sich an die alten Zeiten und erklärt, warum er mit dem Fußball so früh und klar abgeschlossen hat.

Frage: Herr Grünther, Ihr Jugendfreund Friedhelm Funkel aus gemeinsamen Zeiten beim VfR Neuss wartet sprungbereit auf den nächsten Trainerjob, Sie dagegen haben mit dem Profifußball nichts mehr am Hut, wie Sie gern sagen. Ihre letzte Profistation endete im September 1991 in Osnabrück mit einem Rausschmiss. Ist der VfL Ihr Trauma?

Antwort: Nein, ganz sicher nicht. Es war einfach der Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass mir der Trainerjob und der Fußball nicht mehr gut tun. Ich kann mich gut erinnern, als ich allein mit dem Auto auf der Rückfahrt aus Hasborn war, wo wir als Zweitligist gegen einen Viertligisten aus dem Pokal geflogen waren. Irgendwo auf der Autobahn überholte mich unser Präsident Piepenbrock mit seinem Porsche, ich musste schmunzeln und spürte, welche Last von mir gefallen war – ich war einfach froh, dass es vorbei war. 

Frage: Rausschmiss nach einer Pokalblamage: Zwei Jahre zuvor war dasselbe geschehen, aber die Gefühle waren völlig andere. 

Antwort: Das stimmt. Im Duschraum unserer Kabine in Salmrohr, wo ich gerade mit dem VfL aus dem Pokal geflogen war, hatte mich Präsident Piepenbrock an ein Ultimatum erinnert, dass er mir gestellt hatte – und mich beurlaubt. Ich war tief getroffen und wollte auf keinen Fall im Mannschaftsbus mit nach Osnabrück zurück fahren. Ihr Kollege Jürgen Bitter hat mich mitgenommen, und ich konnte ungestört ein paar dicke Tränen heulen… 

Frage: Warum war der Abschied so emotional? 

Antwort: Es lag nicht daran, dass das mein erster Rausschmiss war. Nein, es war die Mannschaft, meine Mannschaft, die ich verlassen musste. Es waren zwei großartige Jahre, bestimmt von einem außergewöhnlichen Zusammenhalt und einem Gemeinschaftsgefühl, wie ich es im Fußball sonst nicht erlebt habe. Ich hatte die Mannschaft 1985 übernommen, es war meine erste Trainerstelle, ein paar Monate nach meinem Karriereende in Aachen. 

Frage: Eigentlich sollten Sie die A-Jugend trainieren und in der Firma von Hartwig Piepenbrock eine kaufmännische Ausbildung absolvieren. 

Antwort: Oh ja… zum ersten Mal in meinem Leben saß ich den ganzen Tag im Büro. Ich hatte ja mein immer quasi in der freien Wildbahn verbracht, immer draußen, immer unterwegs, immer was los. Da in dem Büro fühlte ich mich wie im Gefängnis und war froh, wenn ich nachmittags die A-Jugend trainieren konnte und den frischen Rasen roch. Tja und nach ein paar Wochen war ich Cheftrainer in der 2. Bundesliga… 

Frage: Wie kam es dazu? 

Antwort: Erhard Ahmann musste wegen seiner schweren Herzerkrankung aufhören, er hatte mich zum VfL gelotst; wir kannten uns aus Aachen. Und Helmut Kalthoff wollte sich nach drei Spielen als Interimstrainer auf seine Manageraufgaben konzentrieren. Er machte damals den Vorschlag, mich zum Trainer zu machen – ich kannte Carlo aus Münster, er hatte mich 1972 vom VfR Neuss zu den Preußen geholt – zusammen übrigens mit Hans-Werner Moors. 

Frage: Wie sind Sie die Aufgabe angegangen? Die Mannschaft war eine Mischung aus jungen Talenten aus dem eigenen Verein und routinierten Profis, die in der Aufstiegssaison lange brauchte, um ein Team zu werden. 

Antwort: Ich habe viel aus dem Bauch heraus gehandelt. Ich dachte, fühlte und lebte ja noch wie ein Spieler, konnte mich gut in die Jungs hineinversetzen. Fußballfachlich orientierte ich mich an Werner Biskup, der mich in drei Jahren bei Preußen Münster geprägt hatte. Seine Emotionalität, seine Härte und seine Ausstrahlung habe ich versucht, zu übernehmen; das galt auch für seine Art, Raumdeckung zu spielen. Im Training musste es zur Sache gehen, aber es sollte auch Spaß machen. Ich habe bei den Trainingsspielen mitgespielt. Die dauerten so lange, bis meine Mannschaft gewonnen hatte – einmal waren es zweieinhalb Stunden. 

Frage: Wie entstand der große Zusammenhalt? Der sportliche Erfolg war ja überschaubar. 

Antwort: Na ja, dafür, dass da eine Mannschaft nach dem Aufstieg aus der Amateuroberliga keinen einzigen Zugang bekam und die Hälfte der Jungs keine Minute Zweitligaerfahrung hatten, war es schon sehr gut, dass wir ohne großes Zittern den Klassenerhalt schafften. Als das geschafft war, sind wir im Sommer 1986 für acht Tage zusammen nach Mallorca geflogen. Das war das i-Tüpfelchen, alle waren dabei und alle haben irgendwie in dieser Gemeinschaft gespürt, wie gut das passt und welchen Zusammenhalt wir hatten. 

Frage: So seltsam es scheinen mag – aber trug auch Ihr Ausraster von Braunschweig zum Zusammenhalt bei? Im Dezember 1985 schlugen Sie im Kabinengang den Eintracht-Profi Manfred Tripbacher k.o., der im Spiel Ulf Metschies mit einem brutalen Foul abgeräumt hatte. 

Antwort: Das war meine schwärzeste Stunde… Für mich stand fest: Am nächsten Tag trittst du zurück – wenn sie dich nicht vorher rausschmeißen. Aber von Anfang an standen alle hinter mir. Die Mannschaft, der Präsident und der Manager. Wir hatten uns danach in der Kabine verschanzt und der Carlo hat mit aller Kraft die Tür zugehalten, als die Polizei reinwollte, um den Vorfall aufzunehmen – das vergesse ich ihm nicht. Auf dem Weg zum Bus habe ich dann den Ulf Metschies auf den Schultern zum Bus gefahren, unsere Anführer Neale Marmon und Paul Linz haben mich flankiert wie die Leibwächter, dann kamen mit versteinerten Mienen die anderen, einige hielten den Fernsehkameras die Linsen zu. Ja, auch daraus haben wir Kraft geschöpft.      

Frage: Der Höhenflug ging weiter – 1986/87 erreichten Sie mit Platz sechs die beste Platzierung des VfL in der 2. Bundesliga. 

Antwort: In der Vorrunde lief alles, wir holten im letzten Spiel des Jahres ein 0:0 bei Hannover 96, dem souveränen Spitzenreiter, der unseren Manager Kalthoff abgeworben hatte. Alle glaubten und dachten an den Aufstieg, aber plötzlich wurde daraus dieser Druck. Präsident Piepenbrock plante schon für die Bundesliga, die Mannschaft verkrampfte, alle verloren Unbekümmertheit und Leichtigkeit. Wir nahmen die negative Stimmung mit in die neue Saison – tja, und dann kam Salmrohr und meine schönste Trainerstation war zu Ende…

Frage: Im November 1990 hing in der Ostkurve beim ersten Spiel nach Ihrer Rückkehr ein Transparent: „Rolf Grünther – alte Liebe rostet nicht.“ Sie schafften den Klassenerhalt, aber… 

Antwort: …es war nicht mehr wie beim ersten Mal. Wir schafften den Klassenerhalt am letzten Spieltag mit einem 5:1 in Havelse, hatten vorher Zitterpartien gegen Meppen und Braunschweig gewonnen. Ich hatte eine Aufgabe erfüllt, mehr nicht. Die Entlassung ein paar Monate später tat nicht mehr weh. Und als Pauli-Manager Franz Gerber anrief und fragte, ob ich mir vorstellen könnte, den FC St. Pauli zu übernehmen, musste ich keine Sekunde überlegen, um nein zu sagen. 

Frage: Bis dahin hatte der Fußball ihr Leben bestimmt.

Antwort: Für mich gab es nichts anderes! Das war etwas, was ich besser konnte als die anderen Jungs. Ich komme aus einfachen Verhältnissen, meine Mutter hat sieben Kinder allein großgezogen. Wir hatten nie viel, aber wir haben alles geteilt und zusammengehalten. Der Fußball hat mir die Tür zu einer anderen Welt geöffnet – ich war Profi in Münster, spielte zwei Jahre Bundesliga bei 1860, hatte eine tolle Zeit bei der Alemannia. Der Tivoli war mein zu Hause, da musste schon viel passieren, dass ich da ein Spiel ausließ. 

Frage: Notfalls halfen Medikamente. 

Antwort: Damals hat man nicht gefragt, welche Tabletten man da eigentlich schluckte oder was für Spätfolgen schmerzstillende Spritzen haben. Ein Trainer hat rezeptpflichtige Aufputschmittel, das berühmt-berüchtigte Captagon, verteilt und allen ein schlechtes Gewissen gemacht, die sich weigerten. Den größten Druck habe ich mir immer selbst gemacht, irgendwann platzte der Kessel. In der Pause eines Spiels gegen Union Solingen bekam ich einen Heulkrampf, ich wollte und konnte nicht mehr weiterspielen – es war einfach alles zu viel. Ich hatte ein halbes Jahr täglich 15 Tabletten geschluckt, um trotz einer Knieverletzung spielen zu können. Das war das Ende meiner Laufbahn, auch wenn ich später noch einmal ausgeholfen habe. 

Frage: Wie haben Sie die Wende in ein normales Leben geschafft? 

Antwort: Ganz einfach: Ich nahm ein Angebot von Arminia Hannover an und habe dort die Frau meines Lebens getroffen – Ingrid arbeitete in der Geschäftsstelle des Vereins, als ich dort Trainer war. So gesehen war die Station am Bischofsholer Damm die wichtigste meiner Laufbahn. Mit ihr fand ich einen neuen Rhythmus, einen Ruhepol und lernte schätzen, was es heißt, ein richtiges, schönes Zuhause zu haben. 

Frage: Ihren sportlichen Ehrgeiz lebten Sie auf dem Fahrrad aus.

Antwort: Ich hatte als Fußballer gelernt, gegen mich selbst zu fighten. Das habe ich mir bewahrt und hatte einen Kollegen, der ähnlich tickte. Mit Günter, der leider schon verstorben ist, haben wir extreme Touren gemacht, zum Beispiel die Alpen überquert. Im dritten Versuch haben wir den Mulhacen bezwungen – 3400 Meter, der höchste Berg des spanischen Festlandes. 110 Kilometer nur bergauf. Dazu natürlich Laufen, Schwimmen und Muskeltraining. 

Frage: Sie fanden einen Job bei der IG Chemie, als Fahrer der Gewerkschaftsführer, allen voran der Bundestagsabgeordnete Hermann Rappe. 

Antwort: Das war mehr als ein Job, das hat mein Leben bereichert und meinen Horizont erweitert. Hermann Rappe, Hubertus Schmoldt oder zuletzt Michael Vassiliadis waren oder sind Persönlichkeiten, von denen ich nur lernen konnte. Sie sind mit mir auf Augenhöhe umgegangen und haben mir viel an Wissen und Werten vermittelt. Wenn Herrmann Rappe im Bundestag war, habe ich auf der Tribüne gesessen und mir Reden von Joschka Fischer oder Gerhard Schröder angehört. Diese letzte Etappe meines Lebens war ein Glücksfall. 

Frage: Sie werden nun 75. Sind Wünsche offen?

Antwort: Ich will nicht vermessen sein – es darf noch möglichst so lange weitergehen, wie es jetzt ist. Ich bin an einem Sonntag zur Welt gekommen und fühle mich mein ganzes Leben lang wie ein Sonntagskind. Ich habe viel Glück gehabt und dafür bin ich dankbar. Und das sage ich mir jeden Abend, wenn ich mich schlafen lege. 

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