Automobile Nostalgie: „Das war nur noch ein Haufen Schrott“

Uwe Prins
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Von Uwe Prins
| 11.02.2026 08:02 Uhr | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der Meyra Motorwagen der Gebrüder Pauw ist das einzige fahrbare Exemplar mit Ilo-Motor. Dietmar Pauw trägt statt Helm eine inzwischen legendäre Fellmütze. Foto: privat
Der Meyra Motorwagen der Gebrüder Pauw ist das einzige fahrbare Exemplar mit Ilo-Motor. Dietmar Pauw trägt statt Helm eine inzwischen legendäre Fellmütze. Foto: privat
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Die Brüder Dietmar und Michael Pauw besitzen den wohl einzig noch fahrbaren Meyra Motorwagen 56 in Deutschland. Hunderte von Arbeitsstunden stecken in der Vollrestauration.

Aurich/Winsen - Zunächst stand das seltsame Gefährt in einer Halle, dann draußen auf dem Betriebsgelände, später dann in einem Carport und 1997 schließlich auf einem Schrottplatz in Esens – direkt neben dem Altmetall-Container. Michael Pauw arbeitete damals zwar als Sachverständiger, aber: „Ich hatte überhaupt keine Ahnung, was das für ein Teil war. Aber ich fühlte irgendwie: Dieser Haufen Schrott darf nicht in die Presse.“ Für 300 Mark kaufte der Auricher das völlig vergammelte Dreirad und deponierte es in der elterlichen Garage.

Erst bei näherer Betrachtung stellte sich heraus, dass Michael Pauw ein Teil deutscher Automobilgeschichte gerettet hatte. Am Vorderbau der Karosse befanden sich zwei Embleme mit der Aufschrift „Krankenfahrzeugfabrik Meyra, Wilhelm Meyer, Vlotho“. Und das Typenschild in der Tür offenbarte Hersteller, Fahrgestellnummer und das Baujahr (1957). Bei dem Haufen Schrott handelte es sich um die Überreste eines Meyra Motorwagen 56. Nach Firmenangaben entstanden lediglich 43 Fahrzeuge – das Exemplar von Michael Pauw und seinem Bruder Dietmar, der in Winsen/Luhe wohnt und dort mehr als 1000 Stunden in die Vollrestauration steckte, besitzen wohl das einzig noch fahrbare Modell mit dem Original-Zweitakter des Motorenherstellers Ilo.

Ein Haufen Schrott: Die Metallteile waren verrostet, der Motor hinüber, der Holzboden verfault. Foto: privat
Ein Haufen Schrott: Die Metallteile waren verrostet, der Motor hinüber, der Holzboden verfault. Foto: privat

Michael Pauw gibt unumwunden zu, dass der Kauf damals „eine meiner blödesten Ideen war“. Naja, eher seine Mutter war dieser Ansicht. Der unförmige Motorwagen nahm viel Platz weg in der Garage. Und als der Sohn das Projekt in Angriff nahm, die Meyra komplett zerlegte und alle brauchbaren Einzelteile sandstrahlte, da war die Garage längst zur Werkstatt geworden. Doch irgendwann folgte ein Machtwort der Eltern, der demontierte Motorwagen wurde auf einem Anhänger nach Winsen/Luhe transportiert.

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Für Michael Pauw war das total in Ordnung: „Mein Bruder ist handwerklich total begabt und hat vor allem viel Geduld.“ Kein Wunder: Das große Hobby von Dietmar Pauw sind Turmuhren, die Instandsetzung erfordert viel Fummelarbeit – und die war auch beim Motorwagen gefragt. Er nahm Kontakt zum Hersteller auf, sprach auch mit einem ehemaligen Meyra-Monteur und erhielt aus dem Firmenarchiv Kopien von einigen Bauplänen.

Der Radio- und Fernsehtechniker, der 25 Jahre lang bei Norddeich Radio gearbeitet hatte, graste Oldtimerbörsen ab, recherchierte im Internet. Originalteile fand er nicht: „Das war angesichts der geringen Produktionszahl auch nicht zu erwarten.“ So fertigte er in seiner Werkstatt, in der er teils tonnenschwere Turmuhren restauriert hatte und die unter anderem mit Fräsmaschine und Drehbank maschinenbautechnisch bestens ausgestattet ist, viele Teile nach oder baute halbwegs passende, auf Messen erstandene Fundstücke um. Außerdem konnte er auf die Unterstützung einiger Spezialfirmen zählen: So wurden unter anderem Tachometer, Reflektor und die komplette Bremsanlage erneuert.

Der Meyra Motorwagen 56 befindet sich nach knapp 1000 Arbeitsstunden in einem Topzustand. Foto: privat
Der Meyra Motorwagen 56 befindet sich nach knapp 1000 Arbeitsstunden in einem Topzustand. Foto: privat
Am 18. Oktober 2006 erhielt der Meyra Motorwagen die Neuabnahme beim TÜV, nachdem Dietmar Pauw zuvor alle relevanten Formulare beim Kraftfahrt-Bundesamt beantragt hatte. Der Sachverständige räumte während der Fahrzeug-Vorführung ein, noch nie ein solches Dreirad gesehen zu haben. Mängel entdeckte der Prüfingenieur nicht, nur die Nachrüstung einer Warnblinkanlage konnte er dem Ostfriesen nicht ersparen. Beide Männer sind seit jenem TÜV-Tag befreundet. „Letzte Woche erst war Thomas zum Tee da.“

Der Originalmotor befand sich 1997 in einem ähnlich desolaten Zustand wie der Wagen. Dietmar Pauw brachte den Ilo M 200 V 3 R mit seinen drei Vorwärtsgängen und einem Rückwärtsgang zwar wieder ans Laufen, aber weil er die Meyra regelmäßig fahren wollte, benötigte er ein zuverlässigeres Maschinchen und entdeckte im Internet den baugleichen Ilo-Zweitakter, der einst in einem Goggo-Lastenroller geknattert hatte. Gekauft, abgeholt, revidiert und problemlos gestartet: Däng, däng, däng. Fast 16.000 Kilometer legten Dietmar Pauw und die grüne Meyra mit dem Motor zurück. Fürs Protokoll: Die Leistung ist mit 10 PS zwar überschaubar, aber 70 km/h Spitze sind drin! Der Motorwagen wiegt ja nur 270 Kilo.

Michael Pauw (rechts) begleitet Bruder und Meyra Motorwagen mit seinem Harley Fat-Boy-Gespann. Foto: privat.
Michael Pauw (rechts) begleitet Bruder und Meyra Motorwagen mit seinem Harley Fat-Boy-Gespann. Foto: privat.
Geschwindigkeit aber ist Nebensache. „Unsere Meyra entschleunigt beim Fahren – und macht außerdem auch andere Menschen froh“, sagt der 73-Jährige. „Wo immer wir auftauchen, schauen wir in lächelnde Gesichter.“ Bei den legendären Harley-Days in Hamburg stahl das zierliche Dreirad den schweren Maschinen aus den USA im Sommer 2008 erstmals die Show. Zwischen den mehr als 20.000 Harleys parkte Dietmar Pauw – statt Helm trägt er eine inzwischen legendäre Fellmütze – stolz wie Oskar den Motorwagen rückwärts ein. Um ihn herum bildete sich ein Riesenpulk von Bikern – allesamt sprachlos, lächelnd, anerkennend den Kopf nickend.

Neben dem Motorwagen saß Michael Pauw ebenso stolz auf seiner Harley mit Seitenwagen, einem ebenfalls selten anzutreffenden Fat-Boy-Gespann. So blöd war die Idee wohl wirklich nicht, den Haufen Schrott vor der Presse zu retten.