Epstein-Skandal „Etwas ist faul im Königreich Norwegen“

Julia Wäschenbach, dpa
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Von Julia Wäschenbach, dpa
| 12.02.2026 05:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der Friedensnobelpreis ist das Aushängeschild Norwegens. Doch selbst die prestigeträchtige Auszeichnung bleibt vom Epstein-Skandal nicht verschont. (Archivbild) Foto: Steffen Trumpf/dpa
Der Friedensnobelpreis ist das Aushängeschild Norwegens. Doch selbst die prestigeträchtige Auszeichnung bleibt vom Epstein-Skandal nicht verschont. (Archivbild) Foto: Steffen Trumpf/dpa
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„Super-Diplomaten“, ein Ex-Regierungschef und die Kronprinzessin: Warum suchte ausgerechnet Norwegens Elite Epsteins Nähe - und umgekehrt? Die Frage bewegt viele im Land des Friedensnobelpreises.

Die Norweger reiben sich in diesen Tagen die Augen über die Elite in ihrem Land. Ihre Kronprinzessin? Tauschte sich mit Epstein zu Liebesdingen aus. Ihr Ex-Ministerpräsident? Versuchte für den Sexualstraftäter allem Anschein nach ein Treffen mit Putin zu arrangieren. Ein früherer Top-Diplomat? Nannte den US-Amerikaner seinen besten Freund. Das legen zumindest die neuen Veröffentlichungen im Fall Jeffrey Epstein nahe. Die Enthüllungen erschüttern das Selbstbild der Norweger. Viele fragen sich: Warum spielt ausgerechnet unser kleines Land eine so große Rolle in diesem Skandal?

Norweger waren attraktiv für Epstein

Vielleicht reiner Zufall, sagt Halvard Leira vom norwegischen außenpolitischen Institut der Zeitung „Aftenposten“. „Aber nach dem, was ich gesehen habe, sind Norweger klar überrepräsentiert.“ Eine mögliche Erklärung laut Leira: das viele norwegische Geld, das seit Jahrzehnten in internationale Organisationen fließt. „Das hat dazu geführt, dass viele Norweger internationale Spitzenpositionen innehatten.“ Eine attraktive Zielgruppe für Epstein, um sein Netzwerk einflussreicher Personen auszuweiten. 

Ein weiterer Magnet für Mächtige: der Friedensnobelpreis. Ausgerechnet einer, der die Auszeichnung über Jahre vergab, taucht prominent in den Epstein-Akten auf. In den 90er Jahren war Thorbjørn Jagland Ministerpräsident, später Chef des norwegischen Nobelkomitees und Generalsekretär des Europarats. Letzterer hat jetzt auf Wunsch Norwegens seine Immunität aufgehoben. Denn gegen Jagland wird angesichts seiner Epstein-Kontakte wegen des Verdachts auf schwere Korruption ermittelt.

Ihre Kontakte zu dem Sexualstraftäter Jeffrey Epstein haben gleich mehrere Norweger in Bedrängnis gebracht - darunter Ex-Regierungschef Thorbjørn Jagland. (Archivbild) Foto: Martti Kainulainen/Lehtikuva/dpa
Ihre Kontakte zu dem Sexualstraftäter Jeffrey Epstein haben gleich mehrere Norweger in Bedrängnis gebracht - darunter Ex-Regierungschef Thorbjørn Jagland. (Archivbild) Foto: Martti Kainulainen/Lehtikuva/dpa

Der Norweger soll während seiner Zeit im Europarat in Epsteins Apartments in Paris und New York übernachtet und in dessen Anwesen in Palm Beach Urlaub gemacht haben. Die in der Affäre veröffentlichten Mails legen nahe, dass der Geschäftsmann wiederum Druck auf Jagland machte, ihm ein Treffen mit Kremlchef Wladimir Putin zu organisieren.

Diplomat an Epstein: „Du bist mein bester Freund“

„Norwegen wollte immer gern Macht und Einfluss haben - und die eigenen hohen Standards in die Welt hinaustragen“, sagt der Nordeuropa-Experte Tobias Etzold. „Dabei ist man anscheinend nicht davor zurückgeschreckt, sich korrumpieren und für dubiose Zwecke einspannen zu lassen.“

Korruptions-Ermittlungen laufen auch gegen das Diplomaten-Ehepaar Mona Juul und Terje Rød-Larsen. Die von Medien „Super-Diplomaten“ getauften Norweger sind berühmt dafür, eine entscheidende Rolle bei den Friedensverhandlungen zwischen Israel und der Palästinensischen Befreiungsorganisation in den 90er Jahren gespielt zu haben. Juul war bis vor kurzem Botschafterin in Jordanien. „Das Ehepaar wurde ein Symbol für die Friedensnation Norwegen“, schreibt der Journalist und Autor Aslak Nore in der Zeitung „Verdens Gang“.

Zwei, die maßgeblich dazu beigetragen haben, Norwegens internationales Glanzbild zu kreieren, verleihen ihm nun Risse. Die Kinder des Paars sollen in Epsteins Testament mit zehn Millionen Dollar bedacht sein. „Du bist mein bester Freund und ein superseltener, durch und durch guter Mensch“, soll Rød-Larsen Epstein Neujahr 2017 geschrieben haben. Vieles deutet daraufhin, dass Epstein sein norwegisches Netzwerk mit Hilfe von Rød-Larsen aufbaute.

Die Kinder der früheren Top-Diplomatin Mona Juul sollen in Epsteins Testament mit Millionen bedacht worden sein. (Archivbild) Foto: John Minchillo/AP/dpa
Die Kinder der früheren Top-Diplomatin Mona Juul sollen in Epsteins Testament mit Millionen bedacht worden sein. (Archivbild) Foto: John Minchillo/AP/dpa

Auch Norwegens Kronprinzessin Mette-Marit soll ein vertrautes Verhältnis zu Epstein gehabt haben. Das legen Mails nahe, die die beiden sich über Jahre geschrieben haben sollen. Darin verabredeten der Sexualstraftäter und die Frau von Kronprinz Haakon sich und tauschten sich zu Ernährung, Musik und Epsteins „Frauenjagd“ aus. „Paris ist gut für Ehebruch, Skandinavierinnen sind die besseren Ehefrauen“, heißt es in einer Mail, die Mette-Marit zugeschrieben wird. Zwar hat sich die Kronprinzessin entschuldigt. Trotzdem fragen sich viele Norweger: Kann sie Königin werden?

Ein paar faule Äpfel oder ein verrottetes System?

Als katastrophale Fehleinschätzung, die sie jetzt bedauern, bezeichnen alle betroffenen Norweger heute ihre engen Kontakte zu dem Verbrecher - auch die Kronprinzessin sowie der Chef des Weltwirtschaftsforums, Børge Brende. Handelt es sich um „ein paar faule Äpfel“ oder ist das ganze System verrottet? - fragt der norwegische Rundfunk. Eine unabhängige Untersuchung, die der Kontrollausschuss des Parlaments gerade auf den Weg bringt, soll die Arbeit des Auswärtigen Dienstes in den letzten Jahren unter die Lupe nehmen.

„Es zeichnet sich ein Bild von einem Umfeld ab, das nicht gesund ist - und in dem die Korruptionsgefahr groß ist“, sagt der Vorsitzende des Ausschusses, Per-Willy Amundsen. Wie konnte es so weit kommen in dem Land, das in Rankings zu Transparenz und Demokratie stets obere Ränge belegt? Und in dem das Vertrauen der Menschen in die Politik größer ist als anderswo?

Womöglich liegt es genau daran, meint Etzold. „Solange es gut läuft, gehen die Norweger davon aus, dass alles schon seine Richtigkeit haben wird“, sagt der Forscher. „Dann schaut man vielleicht auch aus Bequemlichkeit nicht so genau hin und stellt die Dinge nicht allzu sehr infrage.“ Wo mehr vertraut wird, wird womöglich weniger kontrolliert. Das rächt sich jetzt, konstatiert Journalist Nore in der Zeitung „Verdens Gang“: „Etwas ist faul im Königreich Norwegen.“

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