Berlin Anika Decker über ihre Sepsis: „Meine Eltern sollten schon meine Beerdigung vorbereiten“
Erst schrieb Anika Decker die Drehbücher für Til Schweiger, dann prozessierte sie mit ihm. Im Interview spricht sie über den Rechtsstreit, MeToo-Erfahrungen und eine Krankheit, die sie fast das Leben gekostet hätte.
Ihren Durchbruch erlebte Anika Decker mit den Drehbüchern für „Keinohrhasen“ und „Zweiohrküken“. Dann drehte sie eigene Filme, schrieb Romane und jetzt macht sie einen Psychologie-Podcast. Wir haben die 50-Jährige im Hörstudio getroffen und über Krisensituationen gesprochen – vom MeToo-Interview über ihren Rechtsstreit mit Til Schweiger bis hin zu der Sepsis, an der sie um ein Haar gestorben wäre.
Frage: Frau Decker, nach Drehbüchern und Romanen machen Sie einen Therapie-Podcast mit dem Titel: „Bin ich jetzt das Problem?!“ Was ist Ihre Antwort? Sind Sie es?
Antwort: Überraschenderweise nicht so oft, wie ich denke. Aber ich mache mir das Problem. Ich habe zum Beispiel mal eine schreckliche Massage viel länger als nötig ausgehalten. Gehen wollte ich eigentlich schon, als der Mann sich vorgestellt hat: „Hallo, ich bin der Merlin – das ist der Name, den ich mir selbst gegeben habe.“ Puh. Dann hat er zehn Techniken aufgezählt, die seine Massage alle vereint. Es war wie ein Restaurant mit allem auf der Karte: Burger, Döner und indisches Essen. Da ist natürlich alles ungenießbar. Es war die schrecklichste Massage meines Lebens, mein Rücken war verdrehter als vorher – aber gegangen bin ich nicht.
Frage: Wieso nicht?
Antwort: Diese Frage habe ich Miriam Junge gestellt, mit der ich diesen Podcast mache. Die ist Therapeutin, war mal mein Coach und ist jetzt meine Freundin. Und dabei kam raus: Ich gehe lieber über meine eigenen Grenzen, als dass ich andere verletze. Die Massage ist lange her, aber das Thema ist mir geblieben.
Frage: Wie kann die Therapeuten-Freundin bei so was helfen?
Antwort: Wir reden über klassische Situationen. Eine heißt „The Velvet Coffin“, der „samtene Sarg“. Das bedeutet: Bei den meisten Menschen sieht auf der Checkliste eigentlich alles gut aus – ganz guter Job, ganz netter Partner, wuscheliger Hund. Überall ist ein Häkchen dran. Warum sind sie dann trotzdem nicht glücklich? Mit solchen Fragen gehen wir auf die Reise und gucken, ob vielleicht nur ein kleines Bedürfnis unbefriedigt ist oder ob es ums Ganze geht. Sind wirklich alle ungerecht zu mir? Ist Dating einfach schlimm oder stimmt mit meinem Beuteschema was nicht? Was kann ich selbst ändern?
Frage: Wie gehen Sie bei der Arbeit mit Gefühlen um? Haben Sie schon mal am Set rumgebrüllt? Oder im Interview geweint?
Antwort: Erwachsene Menschen brülle ich grundsätzlich nicht an, obwohl diese Respektlosigkeit nicht ungewöhnlich wäre am Set. Ich war eine der ersten aus der deutschen Filmbranche, die was zu MeToo gesagt haben. Da ging es um Dinge, an die ich mich viele Jahre gewöhnt hatte. Aber als ich es dann ausgesprochen habe, kam mit Wucht alles hoch. Dann denkt man: Wow! Damit habe ich also irgendwie gelebt. MeToo-Situationen sind für die meisten Frauen ja eine Selbstverständlichkeit. Das läuft immer mit, wie eine Software, die nie runterfährt. Und als mir das auf einmal klar wurde, habe ich losgeweint – mitten im Interview.
Frage: Wie hat der Journalist reagiert? Hat er das verwendet?
Antwort: Ganz toll. Also habe ich auch erlaubt, dass er es benutzt. Das Thema war ja wichtig. Rumgebrüllt habe ich nie. Ich bin seit über 20 Jahren in der Filmbranche. Es gibt da eine Kultur des Rumschreiens, die ich wirklich verachte. Als ich das erste Mal selbst Regie geführt habe, habe ich jedem gesagt: „Ich werde dich nie anschreien. Aber es kann sein, dass ich mal heule. Ich heule, wenn ich wütend bin, wenn ich traurig bin, wenn ich frustriert bin, wenn ich müde bin. Und wenn du damit nicht umgehen kannst, kannst du nicht für mich arbeiten.“ Lustigerweise ist es dann nie passiert. Wahrscheinlich waren alle enttäuscht: Schade, nicht einmal geheult!
Frage: Warum dachten Sie, dass Tränen am Set ein Problem werden?
Antwort: Nicht jeder kann das gut aushalten. Meine 20 Jahre alte Katze war mal sehr krank. Ich dachte, die stirbt, und ein Kollege hat dann gesagt: „Es ist ja nur eine Katze.“ Das war, als hätte jemand die Schleusen geöffnet. Ich habe geheult und geheult – und dann eine riesige Hilflosigkeit bei diesem Menschen gesehen. Da dachte ich: Krass, der ist sonst nur mit Männern im Büro. Der kennt so was gar nicht. Am Ende musste ich ihn trösten.
Frage: Über die Wutausbrüche von Til Schweiger hat der „Spiegel“ mal eine große Geschichte geschrieben. Hatten Sie dazu etwas beizutragen? Mit Schweiger begann ja Ihre Karriere.
Antwort: Ich habe ihn persönlich viele Jahre nicht mehr erlebt. Die Zivilcourage der Mitarbeitenden, die sich getraut haben, über diese Vorfälle am Set zu sprechen, finde ich wichtig. Es muss sich etwas ändern, damit wir auch für Berufseinsteiger eine attraktive Branche bleiben.
Frage: Gestritten haben Sie mit ihm dann um eine Nachvergütung für Ihre Bücher zu „Keinohrhasen“ und „Zweiohrküken“.
Antwort: Es gab eine gerichtliche Auseinandersetzung, die ein urheberrechtlicher Präzedenzfall war. Deswegen ging es nicht nur um Geld. Es ging um Geld und Urheberrechte und Respekt und ums Prinzip. Drehbuchautoren fallen bei diesen Millionenprojekten hinten runter. Erst können alle nicht erwarten, bis endlich das Buch fertig wird. Dann sitzt man da unter Hochdruck und schreibt. Jeder weiß, wie einsam das ist und wie man an sich verzweifelt. Weil da einfach nur ein Blatt Papier ist. Irgendwann viel später kommt der Erfolg und dann wird man nicht anständig beteiligt. Ich fühlte mich ungerecht behandelt und habe vor Gericht auch recht bekommen. Wäre das Meiste nicht verjährt gewesen, hätte mir eine riesige Summe zugestanden. Ich habe aber die Urheberrechte für meine Bücher bekommen und habe jetzt Schwarz auf Weiß, dass ich recht hatte.
Frage: Bei Ihrem MeToo-Interview mussten Sie erst weinen, als Sie Ihre Erfahrungen ausgesprochen hatten. Werden Probleme erst real, wenn man sie beim Namen nennt?
Antwort: Genau. Erst was du aussprichst, steht klar und deutlich da. Deshalb schreibe ich auch so gerne über all die Fassaden, die Menschen aufrechterhalten. Veränderungen entstehen erst, wenn die Fassade zusammenstürzt.
Frage: Von welchen MeToo-Erfahrungen hatten Sie damals erzählt?
Antwort: Männer haben in der MeToo-Debatte ja immer gesagt: Wir trauen uns schon gar nicht mehr zu einer Frau in den Fahrstuhl. Da habe ich gesagt: Frauen trauen sich das auch nicht. Ich bin nicht nur einmal im Aufzug von einem sehr mächtigen Mann quasi überfallen worden. Ich bin an die Wand gedrückt worden und musste mich wieder befreien. Das hatte ich erzählt. Ich könnte aus dem Stand noch 20 Beispiele aufzählen. Das Thema war ja nicht neu. Meine Oma kannte das, meine Mutter kannte das, ich kannte das. Ich verstehe, wenn die Leute MeToo nicht mehr hören können. Aber es ist eine Realität, mit der man umgehen muss.
Frage: Auf meinem Zettel mit Fragen zu Therapie und Seelenleben steht noch eine, für die ich jetzt eine ganz große Erklärung brauche.
Antwort: Welche denn?
Frage: Wer ist heute schlimmer dran: Jungs oder Mädchen? Was ich damit meine …
Antwort: Ich unterbreche mal vor der Erklärung, weil ich auch denke, dass Jungs ganz genauso schlimm dran sind wie Mädchen. Wenn ein Junge Tiktok öffnet, habe ich gerade gelesen, dann sieht er spätestens nach 20 Minuten den ersten toxischen Männerinhalt. Früher gab es vielleicht noch die Pfadfinder oder den Trainer, aber heute fehlen coole männliche Vorbilder, weil diese hasserfüllten Inhalte alles verdrängen. Das ist ein Problem. Jungs bleiben gerade ziemlich auf der Strecke. Und es gibt keine guten Orte, an denen sie in einem frühen Alter aufgefangen werden. Deshalb kriegen sie alle möglichen Schwierigkeiten, und das macht mich traurig.
Frage: An was für Schwierigkeiten denken Sie?
Antwort: Zu männlichem Verhalten findet man überall nur Warnhinweise: Bloß nicht zu hart sein! Aber auch bloß nicht zu weich! Und von nicht wenigen Frauen höre ich, dass sie am Ende doch „einen richtigen Mann“ wollen. Die schimpfen über toxische Männlichkeit und sagen dann: „Aber sexy finde ich das schon.“ Teenager-Serien strotzen von toxischen Männerbildern: Da ist immer ein Typ, der emotional verkorkst ist und das Mädchen schlecht behandelt, aber er kann ja nicht anders, weil er so einen schlimmen Vater hat. Und sie muss ihn dann retten. Auf der Buchmesse gab es eine komplette Halle, nur für so was.
Frage: Was glauben Sie, wer das liest?
Antwort: Die 13-jährige Tochter von meinen Freunden liest das. Da habe ich mal nachgefragt: „Du weißt schon: Wenn du in einen Jungen verliebt bist und er dich so behandelt, dann ist das nicht okay.“ Ihre Antwort war: „Jungen können nicht anders. Die meinen das nicht so.“ Das steckt schon alles ziemlich tief in ihr drin. Ein Grund mehr, dass ich seit ein paar Jahren andere Männerfiguren schreibe.
Frage: Neulich wurde mir von einem Schauspieler berichtet, der keine Rollen kriegt – weil er klein ist. Ist das nach all den Diversitätsdebatten immer noch so: Der Mann muss größer sein als die Frau?
Antwort: Mir ist erst spät aufgefallen, was für ein Riesenthema das noch ist, für Männer selbst, aber auch für Frauen. In einem Podcast habe ich eine Dating-Expertin gehört. Die rät Frauen als Erstes, mit der Wunschgröße mal fünf bis zehn Zentimeter runterzugehen. Wegen dieses Blödsinns verpassen Frauen lauter Männer, die super passen würden. Zum Glück habe ich kein Beuteschema. Ich war mit kleineren Männern zusammen. Verheiratet bin ich jetzt mit einem sehr großen.
Frage: Spielt das Alter für Sie eine Rolle?
Antwort: Das kann ich immer ganz schlecht einschätzen. Ab 30 altern alle so unterschiedlich. In meinem Fall ist der Vorteil, dass ich schon mal fast gestorben bin. Jetzt freue ich mich an jedem Geburtstag einfach nur, dass ich noch da bin.
Frage: Sie wären fast gestorben?
Antwort: Ein Nierenstein hatte eine Sepsis ausgelöst. Ich war im künstlichen Koma und näher am Tod als am Leben. Meinen Eltern hatte man geraten, die Beerdigung vorzubereiten. So nah. Danach musste ich alles neu lernen: Laufen, essen, alles. Über Monate musste ich einen Herzmonitor umhängen. Nach einer Sepsis braucht man Jahre. Bei meinem 50. Geburtstag, der für viele ja so ein Thema ist, war ich dann der glücklichste Mensch. Ich habe das beste Leben. Erstens, weil ich überhaupt noch lebe. Und zweitens, weil diese Erfahrung alle Erwartungen zurechtrückt. Natürlich ärgere ich mich, dass ich nicht mehr von allein so aussehe wie früher mit 20. Aber so richtig angekommen bin ich erst jetzt.
Frage: Ersetzt die Nahtoderfahrung Ihnen die Therapie?
Antwort: Das leider nicht. Nach einer so schweren Krankheit braucht man eine Therapie, damit man keine posttraumatische Belastungsstörung kriegt. Ich würde immer wieder eine machen, wenn ich an schwierige Punkte komme, immer. Das sollte sowieso jeder machen. Das gesamte Dating-Leben würde dann besser verlaufen. Jeder braucht ab und an einen ordentlichen Frühjahrsputz im Kopf.