Berlin. Begegnung mit Pamela Anderson: Wie das „Baywatch“-Pin-up zur Feminismus-Ikone wurde
. Pamela Anderson hat auf der Berlinale ihren neuen Film vorgestellt. Wir haben den Auftritt von der Pressekonferenz bis zur Premiere begleitet.
„Sei du selbst“, sagt Pamela Anderson mit ihrer sehr hohen Stimme auf die Frage nach Ratschlägen für junge Frauen. „Es ist nie zu spät.“ Am Wochenende hat die „Baywatch“-Ikone auf der Berlinale ihren neuen Film vorgestellt. Schon vor der Premiere begrüßt die Presse sie mit begeistertem Applaus. Und das auch, weil Sätze wie diese bei ihr keine Phrase sind, sondern verblüffende Realität: Mit 58 Jahren ist Pamela Anderson der Star, den auf dem ersten Karrieregipfel wirklich niemand in ihr gesehen hätte: Die TV-Rettungsschwimmerin wird als Charakterschauspielerin verehrt. Und nachdem sie häufiger als jede andere auf dem „Playboy“-Cover war, ist sie heute ein feministisches Vorbild.
Vor einigen Jahren hat Anderson die schlichte Entscheidung getroffen, das Make-up wegzulassen – und sich damit neu erfunden. Die Wirkung ihres abgeschminkten Gesichts ist immer noch überwältigend. Das Pin-up-Girl im roten Badeanzug war buchstäblich: eine Maske. Der fordernde Blick, die kunstvoll toupierte Mähne und vor allem: diese eigenartige Mischung aus Dominanz und Verfügbarkeit – all das war eine comichafte Fantasie. Ohne Make-up ist Anderson eine andere. Ihr Gesicht wirkt heute fast schutzlos und gleichzeitig stark, weil es auf einmal etwas preiszugeben wagt: Andersons eigene Geschichte, die vor 30 Jahren auch Pop-Geschichte schrieb. Wenn auch keine schöne.
Die 1990er sind eine Zeit, in der man als Sexsymbol nicht nur bewundert, sondern auch kleingemacht wird. Zumindest in Andersons Segment. Für ihr Kinodebüt in „Barb Wire“ bekommt sie 1997 nicht nur die Goldene Himbeere als schlechteste Newcomerin. Als „schlechtestes Leinwand-Duo“ nominiert die Jury auch noch ihre Brustimplantate. Der Frauenkörper als Witz – das war mal so selbstverständlich, dass sogar die Betroffene mitmacht. Wikipedia zitiert Anderson mit dem Gag: „Meine Brüste hatten eine fabelhafte Karriere − ich bin einfach immer nur mitgetrottet.“
30 Jahre später fragt man sich, worüber man da bloß gelacht hat. Die Dynamik dahinter ist unübersehbar missbräuchlich. So wie die Vorgeschichte der Schauspielerin auch. Anderson hat öffentlich gemacht, dass sie schon als Grundschulkind belästigt wurde, als Zwölfjährige vergewaltigt und mit 14 Jahren noch einmal vergewaltigt, nun vom eigenen Freund und seiner gesamten Clique. Ihre Ehe mit dem Musiker Tommy Lee war von häuslicher Gewalt geprägt. Und als beiden ein Sexvideo gestohlen und veröffentlicht wurde, erkannte ein Richter ein allgemeines Interesse an den privatesten aller Aufnahmen.
Andersons Intimleben gehörte anderen. Was sie daraus machte, prägte dann nicht nur das Frauenbild der 1990er. Mit ihrem angriffslustigen Sexappeal entwickelte sie auch einen Look, der den männlichen Blick bediente und ihm zugleich eine enorme Verteidigungsbereitschaft entgegensetzte.
Die Optik erscheint längst gestrig. Trotzdem weiß man nicht recht, ob wir uns seitdem voranbewegt haben oder zurück. Über Geschlechter reden wir aufgeklärter als 1990. Gleichzeitig entwickelt das Körperbild – von Frauen und Männern – sich gegenläufig. Zu „Baywatch“-Zeiten war die Selbstoptimierung hin zur stereotypen Weiblichkeit eine schrille Exzentrik, die nur einer Pam Anderson zugestanden wurde. Aber was damals als hochgradig trashig galt – das kosmetische Zurechtoperieren des Körpers –, ist heute auch in gebildeten Milieus mehr oder weniger akzeptiert.
Wenn Anderson bei der Pressekonferenz zweifelt, was ausgerechnet sie jungen Menschen mitgeben kann, wäre das die erste Antwort: #NoFilter ist nicht nur ein verrückter Hashtag, unter dem man ein, zwei Wochen lang auch mal ein unverfälschtes Selbstbild bei Instagram herzeigt. Es kann eine Lebenshaltung sein. Die Sonnenbrille, die Pamela Anderson in Berlin vor der Presse trägt, schützt ein wirkliches Gesicht.
Nicht nur die dunklen Gläser und die enormen Ohrringe, die Anderson am Nachmittag trägt, zitieren ein ganz anderes Jahrzehnt als das ihrer Jugend. Auch das Kleid vom roten Teppich erinnert mehr an Grace Kellys 1950er: Zu einem strengen, halb pastellrosa, halb mintgrünen Abendkleid trägt sie ein gewaltiges Cape. Der steife Faltenwurf überschreibt die wuchtige Badenixe von einst mit der Schönheit alter Meister.
Nachdem Anderson mit dem Badeanzug auch die Lebensrolle eingemottet hat, kann sie mit Rollenmustern spielen. Im Kino wirkt sie dabei auch deshalb so stark, weil sie Bezüge zu ihrer eigenen Person zulässt. In Gia Coppolas „The Last Showgirl“ – dem Film, der sie vor zwei Jahren ins Arthouse katapultierte – ist die biografische Nähe Prinzip. Anderson spielt hier eine alternde Revue-Tänzerin, die ihren Lebensentwurf als leicht anrüchiges Sexsymbol erhobenen Hauptes verteidigt – auch vor ihrer tief enttäuschten Tochter.
Auf der Berlinale stellt die 58-Jährige die blutige Gesellschaftssatire „Rosebush Pruning“ vor. Der Film handelt von einer superreichen Familie, aus deren toxischen Routinen sich die von Anderson gespielte Mutter radikal verabschiedet. Nach einem vorgetäuschten Tod lebt sie ein zweites Leben, nun mit einer Frau. Auch diese Aussteigergeste, den Bruch mit der eigenen Vergangenheit, teilt die Schauspielerin mit ihrer Figur.
Der Jubel, mit dem das Publikum Anderson abends im Berlinalepalast begrüßt, klingt herzlicher als bloße Bewunderung für einen Star. Hier schwingt Liebe mit und Dankbarkeit. Vielleicht, weil Pamela Anderson nicht nur sich selbst von den Zwangsvorstellungen der 1990er-Jahre befreit hat, sondern uns alle.