Osnabrück  Osnabrück: Kathrin Ender über Taubsein als kulturelle Identität

Karin C. Punghorst, Denise Matthey
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Von Karin C. Punghorst, Denise Matthey
| 21.02.2026 05:54 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Kathrin Ender von der HHO erklärt im Gespräch mit der noz-Redaktion ihre Identität und Zugehörigkeit zur kulturellen Gruppe Taub mit großem T. Foto: Denise Matthey
Kathrin Ender von der HHO erklärt im Gespräch mit der noz-Redaktion ihre Identität und Zugehörigkeit zur kulturellen Gruppe Taub mit großem T. Foto: Denise Matthey
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Kathrin Ender von der HHO kann nicht hören. Für sie ist das kein Mangel, der repariert werden muss, sondern Teil einer eigenen Kultur, der sie sich zugehörig fühlt: Taub mit großem T. Im noz-Gespräch berichtet sie vom Dinner-Table-Syndrom und Defiziten in der Inklusion.

Kulturelle Vielfalt gehört zu Osnabrück wie der Westfälische Friede zur Stadtgeschichte. Indes gibt es Bürger, die sich einer Kultur zugehörig fühlen, die von vielen aber nicht als solche wahrgenommen wird. Theoretisch ist sie unübersehbar im Stadtbild – ihr Kennzeichen ist die Gebärdensprache.

Und der Name? „Ich gehöre zur kulturellen Gruppe Taub – mit großem T“, bringt Kathrin Ender mit ihren Händen zum Ausdruck. Das Adjektiv „gehörlos“ ist für die Beauftragte für Gebärdensprache und Gehörlosenkultur bei der Heilpädagogischen Hilfe Osnabrück (HHO) nicht stimmig: „Es betont aus der Perspektive der hörenden gesellschaftlichen Mehrheit ein Defizit.“

Ender will Taubsein eben nicht als Behinderung, die repariert werden muss, verstanden wissen. Diesen Druck nimmt sie für sich wahr. Für sie und viele andere ist es aber eine kulturelle Identität mit einer eigenen Sprache.

Im Gespräch mit der Redaktion erklärt die 49-Jährige, warum Inklusion mehr ist als nur die bloße Anwesenheit von Dolmetschern, wie KI die gesellschaftliche Teilhabe verändert und was es mit dem „Dinner-Table-Syndrom“ auf sich hat.

Treffpunkt ist im Stadtgalerie-Café der Heilpädagogischen Hilfe Osnabrück (HHO). Ein gewöhnlicher Vormittag mitten in der Woche. Einige Tische sind besetzt, an einem unterhält sich Ender mit ihrem HHO-Kollegen Jens Mathlage, Bereichsleiter Wohnen.

Für Außenstehende mag der Eindruck entstehen, dass beide von Berufs wegen auf der gleichen sprachlichen Wellenlänge unterwegs sind. Aber das täuscht, zwischen ihnen sitzt eine Gebärdensprachdolmetscherin. Die Kommunikation würde sonst nicht funktionieren, obwohl Mathlage einen Kurs für Gebärdensprache absolviert hat. Er gehört damit zu einer kleinen Minderheit und gibt unumwunden zu: „Es fehlt die Praxis, ich komme schnell wieder raus.“

So funktioniert die Kommunikation an diesem Vormittag nur mittelbar: Es muss übersetzt werden – vom hörbaren Wort in die Gebärde und zurück.

Es ist leicht vorstellbar, wie die Unterhaltung ohne Übersetzung laufen würde – oder besser gesagt eben nicht: zwei Menschen, die sich gegenübersitzen und anschweigen, obwohl sie sich etwas zu sagen haben.

Ender kennt solche Situationen nur zu gut und hat sie oft erlebt, von Kindheit an: „In meiner Familie konnte niemand Gebärdensprache.“

Wenn bei Familienfeiern alle lachten, diskutierten und sich Geschichten erzählten, blieb für sie nur die Rolle der ausgeschlossenen Zuschauerin. „Man sitzt am Tisch, alle reden um einen herum, und man selbst langweilt sich und fühlt sich isoliert. Wir haben dafür einen Begriff: das Dinner-Table-Syndrom.“

Stattdessen war es für ihre Familie selbstverständlich, dass Ender als Kind die Lautsprache lernen sollte. Ihre Eltern waren hörend. Heute ist es umgekehrt. Ihr Ehemann ist Taub, ihre beiden Kinder – mittlerweile selbst erwachsen – hörend, aber: „Wir können alle Gebärdensprache. Wir haben kein Dinner-Table-Syndrom.“

Ihre Erfahrungen in der Kindheit und der Anpassungsdruck, in einer mehrheitlich hörenden Welt zu funktionieren, sind für Ender auch der Grund, warum sie ein Cochlea-Implantat (CI) ablehnt. Das oftmals als Allheilmittel gelobte medizinische Gerät ersetzt die beschädigten Sinneszellen im Innenohr, indem es den Hörnerv elektrisch stimuliert.

Und so kommt sie auch auf die Begriffe Integration und Inklusion zu sprechen. Ihr Fazit: „Solange die Welt erwartet, dass sich die taube Person anpasst – sei es durch Technik oder mühsames Lippenlesen –, bleibt es bei der bloßen Integration. Echte Inklusion heißt in der Konsequenz: Gebärdensprache für alle.“

Ender wünscht sich eine Kommunikation auf Augenhöhe, einen direkten Austausch zwischen den Menschen und damit zwischen den Kulturen der Hörenden und der Tauben. Ist das realistisch? Ganz ohne Worte bringen alle am Tisch ihre Skepsis zum Ausdruck: hochgezogene Augenbrauen, Kopfschütteln, Daumen nach unten, die Schultern gehen hoch. Jeder weiß, was gemeint ist. Am Tisch herrscht Verständnis füreinander, aber bis Taube und Hörende sich wirklich verstehen, ist es wohl noch ein weiter Weg.

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