Osnabrück  Comeback des Christentums im Westen? Forscherin erklärt „Erstarken“ neuer Spielart

Lucas Wiegelmann
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Von Lucas Wiegelmann
| 19.02.2026 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
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Lange hieß es, mit dem Christentum gehe es bergab in Amerika und Europa. Doch nun gibt es Hinweise auf neue Aufbrüche. Religionssoziologin Maren Freudenberg sagt im Interview, ob man die messen kann, was Donald Trump damit zu tun hat und wie das Christentum der Zukunft aussieht.

Es sind nur sporadische Meldungen, aber es gibt sie. Junge Deutsche beten laut einer aktuellen Umfrage deutlich häufiger als Vertreter der Babyboomer. Christliche Meditationsapps fürs Smartphone werden neuerdings zigmillionenfach heruntergeladen. Und die katholische Bischofskonferenz Frankreichs verzeichnete im vergangenen Jahr einen neuen Rekord bei der Zahl der Erwachsenentaufen. Alles Einzelphänomen – oder wächst da gerade ein Trend? 

Maren Freudenberg muss es wissen. Sie forscht am Centrum für Religionswissenschaftliche Studien (CERES) der Ruhr-Universität Bochum. Spezialgebiete: Religion in der Moderne und Christentum in den USA. Ein Anruf. 

Frage: Frau Freudenberg, immer wieder ist in den Medien von einem möglichen Comeback des Christentums in westlichen Ländern die Rede. Kann man das messen?

Antwort: Es kommt darauf an, auf welche Ebene man sich bezieht: Sprechen wir über konkrete Mitgliedszahlen? Dann nimmt das Christentum weiter ab, selbst in den USA, in Europa sowieso. Wenn es dagegen um mediale und gesellschaftliche Sichtbarkeit geht, stellen wir derzeit etwa in Amerika definitiv ein Erstarken des Christentums fest, und zwar in einer sehr konservativen bis reaktionären Version, die auch politisch an Einfluss gewinnt.

Antwort: Ähnliches sehen wir auch in Deutschland, etwa mit der wachsenden Aufmerksamkeit für charismatische Freikirchen oder digitale Christfluencer. So verstanden kann man durchaus von einem Comeback des Christentums sprechen.

Frage: Aber rein zahlenmäßig ändert sich auch in Deutschland nichts an dem Mitgliederschwund? Er verläuft genauso, wie man ihn seit Jahren erwartet hat?

Antwort: Ja, wir haben da seit Jahren einen konstanten Trend bei den ehemaligen Großkirchen. Einzige Ausnahme sind die Mitgliederzahlen im freikirchlichen Spektrum: Die bleiben zumindest konstant. Das sind in Deutschland zwei bis drei Prozent der Bevölkerung.

Frage: Dass konservative Spielarten des Christentums an Sichtbarkeit gewinnen, gefällt nicht jedem. Manche Vertreter der beiden großen Konfessionen in Deutschland, der katholischen und der evangelischen Kirchen, warnen vor solchen Strömungen. Warum freuen die sich eigentlich nicht darüber, dass es überhaupt noch irgendwelche christlichen Aufbrüche gibt?

Antwort: Ich würde sagen: Einerseits, weil sie mit einer sehr konservativen Lesart des Christentums nicht übereinstimmen, andererseits aber auch, weil ihnen die Konkurrenz ein Dorn im Auge ist. Die Großkirchen hatten jahrzehntelang ein Monopol. Jetzt laufen ihnen die Mitglieder weg, während kleine Gruppen des klassischen freikirchlichen Spektrums, aber auch katholische Graswurzel-Initiativen wie das Gebetshaus Augsburg erfolgreicher sind. Also problematisiert man diese Aufbrüche lieber oder diffamiert sie als „Sekte“.

Antwort: Die großen Konfessionen haben sogar eigene Weltanschauungsbeauftragte, die manchen konservativen Freikirchen „Gehirnwäsche“ vorwerfen. Abgesehen davon, dass eine solche Vorstellung aus religionspsychologischer Sicht längst überholt ist: Die großen Kirchen sind eher nicht in der Position, in Sachen Gewalterfahrung und Übergriffigkeit mit dem Finger auf andere zu zeigen.

Frage: Welche Rolle spielt das Christentum in den USA im Unterstützungskosmos von Donald Trump?

Antwort: Die christliche Wählerschaft ist für die Republikanische Partei nicht zu überschätzen. Mehr als 80 Prozent der evangelikalen Wählerschaft hat für Donald Trump gestimmt. Darunter sind klassische fromme Kirchgänger, aber auch Menschen, die einem christlichen Nationalismus anhängen. Aus ihrer Sicht kommt dem Christentum eine Vormachtstellung in der Welt zu, und Amerika ist die Nation, die das bewerkstelligen kann – mit Donald Trump als von Gott gesandtem Werkzeug.

Frage: Wie konkret muss man sich den Einfluss dieser Gruppen auf Trumps Politik vorstellen? Ist zum Beispiel Amerikas aktuelle Iran-Politik auf die Wünsche seiner christlichen Wähler zurückzuführen?

Antwort: Der Fall Iran ist komplex. Aber der allgemeine Anspruch der USA, als Macherin globale Krisen zu lösen, ist mitbegründet in der Überzeugung von einer besonderen Position in den Augen Gottes.

Antwort: Noch deutlicher ist der Einfluss der christlichen Rechten derzeit in der Innenpolitik. Kurz nach seiner Amtseinführung hat Trump eine Taskforce zur „Beseitigung antichristlicher Voreingenommenheit in der Regierung“ ins Leben gerufen. Regierungsmitarbeiter werden aufgerufen, dort Diskriminierung von Christen zu melden. Das ist im Prinzip Denunziantentum. Kriegsminister Pete Hegseth hat im Pentagon sogar Gottesdienste während der Arbeitszeit eingeführt, die für die Mitarbeiter verpflichtend sind. Das geht klar gegen die verfassungsrechtliche Trennung von Staat und Kirche.

Frage: Wie sieht religionssoziologisch betrachtet die Zukunft des Christentums aus?

Antwort: Christentum und Islam als zwei große religiöse Traditionen gewinnen weltweit derzeit immer mehr Anhänger. Beim Christentum sind charismatische Formen die Treiber dieser Entwicklung: Im globalen Süden sind sie die am stärksten wachsende christliche Spielart.

Antwort: Insgesamt kann man feststellen, dass die traditionelle Vorstellung von einem Ende der Religion in Zeiten des technischen Fortschritts widerlegt ist. Selbst in Weltgegenden wie eben Europa oder Amerika, wo die klassische Kirchlichkeit zurückgeht, entstehen stattdessen individuellere und freiere Formen von Spiritualität und Sinnsuche. Religion, so sieht es aus, verschwindet nicht. Sie verändert sich nur.

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