Emden Ärger im Hintergrund der Glasarkaden-Entscheidung?
Die Emder SPD schießt nach der Entscheidung für den Neubau der Neutor-Glasarkaden gegen den Verwaltungsvorstand rund um Tim Kruithoff. Was ist da los? Eine Analyse.
Emden - Ist das schon Wahlkampf oder noch die „normale“ Kabbelei zwischen Rat und Verwaltung in Emden? Maria Winter, SPD-Fraktionsvorsitzende, teilt nach der Entscheidung für den Neubau der Glasarkaden an der Neutorstraße ordentlich gegen den Verwaltungsvorstand rund um Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos) aus. Ihre Anschuldigung: Die Stadt sei gegen den Neubau gewesen, hätte den Rückbau sogar schon konkreter geplant, und die Politik – insbesondere die SPD – habe sich für die Arkaden eingesetzt. Jetzt wurde eine Lösung gefunden, wie die Stadt am 12. Februar 2026 mitteilte. Überraschend sei „nun die öffentliche Darstellung in der Pressemitteilung der Verwaltung, wonach die Initiative maßgeblich aus der Verwaltung heraus erfolgt sei“, so die SPD-Frau.
„Wir stellen klar: Die nun gefundene Lösung ist Ergebnis klarer politischer Vorgaben und intensiver Beratungen“, schreibt sie. Über Alternativlösungen – etwa eine abgespeckte oder technisch angepasste Variante – habe die Verwaltung zunächst nicht ernsthaft nachgedenken wollen. Beispiele von den Fraktionen aus anderen Städten seien in der „teilweise hitzigen Diskussion eher ins Lächerliche gezogen“ und nicht konstruktiv geprüft worden, schreibt Maria Winter. Was ist da passiert?
Streitthema Neutor-Galerie in Emden
Zur Erklärung geht es an den Anfang. Denn: Das Thema Neutor-Galerie erregt schon länger die Gemüter. Der Neubau oder die Ertüchtigung der Glas-Galerie zwischen „Ernsting‘s Family“ und dem Herrenausstatter Engberts war zwar von Anfang an Teil der großen Pläne für den Umbau der Neutorstraße zwischen Agterum und Rathausplatz. In den detaillierten Grafiken war die neue Überdachung beispielsweise mit einer flachen Glasdecke eingezeichnet. Doch dann gab es die Überraschung. Im Oktober 2025 hieß es plötzlich, dass sich bei der konkreteren Entwurfsplanung massive Herausforderungen aufgetan hätten.
„Die bestehende Neutorgalerie weist mittlerweile einen Sanierungsbedarf auf, sowohl Erhalt als auch Neubau wären wirtschaftlich und technisch sehr aufwendig“, hieß es unter anderem von der Stadtpressestelle. Statik, Brandschutz, Denkmalschutz rund um den Stadtgarten und die Tatsache, dass die Eigentümer der Gebäude an der Neutorstraße zunächst keine Verankerung der Arkaden an ihren Häusern wollten, waren demnach weitere Hürden. Nach Information dieser Redaktion waren für die Stadtverwaltung daher schnell Erhalt, Ertüchtigung oder ein Neubau der Arkaden vom Tisch. Es sollte ganz ohne Arkaden an die lange erwartete Umgestaltung der Neutorstraße gehen, vielleicht mit den geplanten Bäumen als Witterungsschutz für Passanten, hieß es aus Rathauskreisen. Bloß nicht das Prestige-Projekt Neutorstraße ausbremsen, könnte der Eindruck sein. Offiziell bestätigen wollte die Stadt das alles nicht. Es gebe noch Abstimmungen, hieß es. Dann kam die nächste Überraschung.
Ein Hin und Her bei der Neutor-Galerie
Schon Anfang November war dann offenbar wieder alles anders nach einer nichtöffentlichen Info-Veranstaltung für den Emder Rat. Ob es hier wieder hitzige Diskussionen gab, ist nicht bekannt. Danach hieß es: Der Verwaltung sei nach der jetzigen Sitzung durch den Rat der Auftrag erteilt worden, „eine neue Planungsgrundlage zu erarbeiten, die den veränderten Rahmenbedingungen Rechnung trägt“. Eine veränderte Rahmenbedingung war, dass die Eigentümer der Gebäude doch eine Verankerung der Galerie an den Hauswänden erlauben würden.
„Diese Ausgangslage eröffnet zusätzliche planerische Möglichkeiten“, schrieb die Sprecherin damals. „Wir werden Kosten und technische Machbarkeit erneut sorgfältig prüfen, um am Ende eine verlässliche Entscheidungsgrundlage für die Politik zu schaffen. Unser Ziel ist eine Lösung, die die Interessen der Eigentümerinnen und Gewerbetreibenden sowie der unserer Bürger*innen und Gäste Emdens ebenso berücksichtigt wie die rechtlichen, technischen und finanziellen Anforderungen“, wurde Stadtbaurätin Irina Krantz in der Mitteilung zitiert.
Neutor-Galerie: Und plötzlich ist doch alles möglich
Am 12. Februar 2026 hieß es dann von der Stadt in einem Pressegespräch mit den Eigentümern der Galerie, dass eine gemeinsame Lösung gefunden worden sei. Vom Mitwirken des Rats an der Lösungsfindung ist nicht die Rede. Auch in den sozialen Medien erwähnt Tim Kruithoff die Fraktionen nicht. „Ich freue mich sehr über diesen gemeinsamen Schritt nach vorn für Emden!“, schreibt er stattdessen. 600.000 Euro kostet die Stadt die neue Galerie mit Glaskuppeln in einer Stahlkonstruktion, den Rest der 1,75 Millionen Baukosten tragen Bund und Land. Hat Tim Kruithoff bewusst die Fraktionen aus dem Beitrag gelassen?
Was sagt Tim Kruithoff zu der SPD-Kritik?
Wir haben beim Oberbürgermeister nachgefragt, was er zu der Pressemitteilung der SPD sagt. Bei der Antwort muss man ein wenig zwischen den Zeilen lesen. Er erklärt, dass die Diskussion der vergangenen Monate intensiv gewesen und in den zuständigen Gremien engagiert geführt worden sei. „Unterschiedliche Bewertungen und Abwägungen gehören dabei zu einem verantwortungsvollen politischen Entscheidungsprozess selbstverständlich dazu“, schreibt er. Die nun gefundene Lösung sei das Ergebnis dieses gemeinsamen Beratungsprozesses zwischen Rat und Verwaltung. „Die politischen Gremien haben Leitlinien und Zielsetzungen formuliert, die Verwaltung hat diese aufgegriffen, fachlich geprüft und in umsetzbare Varianten überführt. Am Ende stand ein tragfähiger Kompromiss“, so Kruithoff.
„Es entspricht dem Selbstverständnis der Verwaltung, politische Beschlüsse vorzubereiten und umzusetzen. Ebenso ist es Aufgabe des Rates, Impulse zu setzen und Prioritäten zu definieren. Beides greift ineinander – und nur so entstehen Lösungen, die fachlich fundiert und politisch getragen sind“, schreibt der Oberbürgermeister. Warum wurde der Rat als Impulsgeber in der Pressemitteilung und auch in den sozialen Medien nicht genannt? Das bleibt offen. Für Kruithoff ist die Sache offenbar erledigt. „Entscheidend ist, dass wir gemeinsam eine Perspektive für die Neutorstraße entwickeln konnten, die die Attraktivität und Funktionalität unserer Innenstadt stärkt. Darauf sollte nun der Fokus liegen“, schreibt er.
Was bei dem ganzen Hickhack im Hintergrund klar wird: Vieles ist hinter verschlossenen Türen diskutiert und beraten worden. Dafür gibt es sicher unterschiedliche Gründe, vielleicht auch nachvollziehbare, aber die Wirkung auf die Öffentlichkeit ist ebenso nachvollziehbar: Transparent ist das Ganze nicht. Schon bei anderen Ecken und Ende des großen Projekts Neutorstraße fühlt sich die Bevölkerung wenig mitgenommen. Beispielsweise war der genaue Start der Bauarbeiten und damit Vollsperrung der Neutorstraße nicht benannt worden. Die Autofahrer standen plötzlich am Montagmorgen im Oktober 2025 vor der Absperrung. Das war eine Versäumnis der Stadtwerke. Auch wie lange die Neutorstraße wohl nicht von Autos befahren werden kann, hat die Stadt nicht gleich konkret benannt. Der letzte Stand ist, dass die Verkehrsachse bis zum Abschluss der Gesamtsanierung rund um den Delft nicht befahren werden kann – also bis 2030/1.