London Nach vorläufiger Festnahme von Andrew – ist die Monarchie am Kipppunkt?
Nach der Festnahme von Andrew Mountbatten-Windsor wächst der Druck auf das britische Königshaus. Selbst das Erbe der Queen steht plötzlich zur Debatte. Wer kann die Monarchie retten?
Wenige Tage sind seit der vorübergehenden Festnahme von Andrew Mountbatten-Windsor vergangen. Die Polizei durchsucht weiter den ehemaligen Wohnsitz des Ex-Prinzen – die Royal Lodge in Windsor. Grund dafür sind die möglichen Verbindungen zum verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein.
Während drinnen Kartons versiegelt und Festplatten durchforstet werden, nehmen draußen weitere Recherchen Fahrt auf, selbst von sonst palasttreuen britischen Journalisten. Längst geht es nicht mehr nur um mögliche Verfehlungen eines Einzelnen.
Die Fragen werden grundsätzlicher, drängender, lauter. Wird der Skandal zu einer existenziellen Belastungsprobe für das Königshaus? Ist die Monarchie an einem Kipppunkt? Wer könnte sie aus dieser Krise führen?
Diese Fragen sind nicht bloß theoretischer Natur, wie die politischen Reaktionen zeigen. Die konservative Opposition fordert eine parlamentarische Untersuchung von Andrews Verbindungen zu dem verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein. Ex-Premier Gordon Brown verlangt Aufklärung darüber, ob für mögliche Treffen öffentliche Gelder verwendet wurden.
Andrews Ausschluss aus der Thronfolge – er ist auf Platz acht – steht zur Diskussion. Der Druck auf das Königshaus wächst spürbar. Wer wusste was und seit wann? Wer schwieg, wer schaute weg? In den sozialen Netzwerken wird spekuliert, in Leitartikeln abgewogen.
Der Skandal wirft laut Beobachtern ein neues Licht auf die verstorbene Queen Elizabeth II. Die Monarchin galt zu Lebzeiten als Inbegriff von Pflichtbewusstsein und Disziplin. Doch im Fall ihres dritten Kindes zeigte sie über Jahre eine auffallende Loyalität. Es galt als offenes Geheimnis, dass Andrew ihr Lieblingskind war.
Die Queen demonstrierte öffentlich Nähe und unterstützte ihn Berichten zufolge finanziell bei der Beilegung der Zivilklage wegen sexuellen Missbrauchs. Sie hielt weiterhin zu ihrem Lieblingskind, selbst nach der Veröffentlichung des Fotos, das Andrew mit der inzwischen verstorbenen Virginia Giuffre zeigt. Die US-Amerikanerin warf ihm vor, sie als Minderjährige dreimal vergewaltigt zu haben.
Das Ansehen der Queen drohe „angekratzt“ zu werden, bestätigt Königshaus-Expertin Pauline MacLaran. Auch König Charles III. rückte jüngst in den Fokus: Laut einem Bericht der Boulevardzeitung „Mail on Sunday“ soll sich bereits 2019 ein Informant mit Kenntnissen über Andrews fragwürdige Geschäfte an ihn gewandt haben. In E-Mails war davon die Rede, der Prinz habe „den Namen der königlichen Familie missbraucht“ und seine Beziehung zu einem umstrittenen Finanzunternehmer höher gewichtet als seine Bindung an den Palast.
„Andrews anhaltende Skandale beschädigen inzwischen massiv das Bild der ‚Royal Family‘ als moralisches Vorbild für das Familienleben“, sagt MacLaran. Das Ansehen der Royals gerate ernsthaft ins Wanken. Zwar gab es schon in den 1990er-Jahren Krisen, doch diesmal stehe eine Straftat im Raum – „genau das macht es schlimmer“.
Gleichwohl hält sie die Position von Charles III. nicht für existenziell bedroht. Er habe selbst nichts Unrechtes getan, die Öffentlichkeit wisse, wie schwierig sein Verhältnis zu Andrew sei. Sollte es jedoch weitere Vorwürfe geben, müsse der Palast deutlich machen, „wie man die Dinge künftig anders handhaben will“.
In der öffentlichen Debatte rücken deshalb zunehmend der künftige König William und seine Frau Catherine in den Mittelpunkt. Die Expertin erwartet eine bewusste Neuausrichtung, etwa indem er den Kreis der arbeitenden Royals weiter verkleinert und auf übertriebenen Prunk verzichten will.
Die Kolumnistin Polly Vernon schreibt in der „Times“, Prinzessin Catherine sei, diejenige, auf der alle Hoffnungen ruhten, das Königshaus durch das „brodelnde, ungeliebt wirkende Durcheinander“ zu führen. Während andere Royals an Glaubwürdigkeit verlören, wirke sie „anständiger, moralischer, authentischer“. Ihre bürgerliche Herkunft halte sie fern von der „kollektiven Verrücktheit“ der aristokratischen Welt.
Auch MacLaran sieht in ihr „definitiv den aufsteigenden Star der Monarchie“. An Williams Seite verkörpere sie eine neue Generation, die das Königshaus ins 21. Jahrhundert führen und strukturell ändern wolle. Man werde beide künftig wohl häufiger sehen, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit wieder stärker auf Stabilität und Erneuerung zu lenken – und weg von Andrew.