Osnabrück Neue Personalchefin bei VW: Darum bilden wir in Osnabrück trotzdem weiter aus
Wenn kein neuer Auftrag reinkommt, geht dem VW-Werk Osnabrück 2027 die Arbeit aus. Trotzdem beginnen auch im Sommer 2026 junge Menschen eine Ausbildung bei VW Osnabrück. Werden sie ihre Lehre im Fledder zu Ende bringen können? Die neue Personalchefin ist sich dessen sicher.
Die Volkswagen Osnabrück GmbH verschickt in diesen Tagen die Ausbildungsverträge an 40 junge Menschen, die im September im Werk im Fledder ihre Lehre beginnen werden. Mindestens drei Jahre wird die Ausbildung zum Mechatroniker, Fachinformatiker oder Industriekaufmann dauern. Wie sieht dann das Werk aus, was wird die hoch qualifizierte Belegschaft dann produzieren? Werden die Ausgelernten dann überhaupt gebraucht?
Klar, diese Fragen stellten Bewerberinnen und Bewerber in den Vorstellungsgesprächen, gelegentlich zumindest, sagt Sonja Lesch, seit Herbst 2025 in der dreiköpfigen Geschäftsführung des Standorts Osnabrück für Personal zuständig. „Aber meistens fragen die Eltern danach.“ Die Personalchefin kann die Eltern beruhigen: VW Osnabrück garantiert – tarifvertraglich fixiert –, dass die Auszubildenden nach erfolgreichem Abschluss ihrer Ausbildung übernommen werden. Mit einer Beschäftigungsgarantie für zunächst ein Jahr.
Und mit dieser vertraglichen Bindung ist für Lesch auch die Antwort auf die brennende Frage gegeben, wie es mit VW Osnabrück nach 2027 weitergeht: Es wird weitergehen. „Wir setzen alles daran, dass dieser wertvolle Industriestandort erhalten bleibt. Die Ausbildung der jungen Menschen ist für uns ein Invest in die Zukunft.“ Punkt.
Lesch selbst lebt diesen Optimismus. Sie war bis vor einem halben Jahr in der Konzernzentrale in Wolfsburg für das HR-Beratungscenter zuständig. HR steht für Human Resources. Das Beratungscenter ist eine zentrale Anlaufstelle für Personalfragen im Unternehmen. Von diesem Posten wechselte sie nach Osnabrück: „Ich bin wegen der Menschen hier. Ich will was bewegen für diesen Standort.“
Die ersten Monate im alten Karmann-Werk haben sie in ihrer Einschätzung bestätigt: Die Belegschaft in Osnabrück ist mit einem Durchschnittsalter von 46 Jahren relativ alt, aber hoch qualifiziert und erfahren. „Unsere Stärke ist die Flexibilität“, sagt Lesch. Die Mitarbeiter haben im Schnitt jedes Jahr einen neuen Produktionsanlauf erlebt, der immer mit mehr oder weniger großen Veränderungen verbunden war. Lesch beschreibt die Mentalität im Werk so: „Wenn es eine neue Aufgabe gibt, dann sind wir bereit.“
In diesem Klima durchlaufen die jungen Menschen ihre Ausbildung. Etwa 40 sind es pro Jahrgang. Elf Berufe stehen aktuell auf der Ausbildungsliste, davon neun im technisch-gewerblichen Bereich, zwei im kaufmännischen. Auf die 40 Stellen gehen jedes Jahr 500 bis 600 Bewerbungen ein. Diese Zahl ist seit Jahren „stabil“, wie Lesch versichert – trotz der seit Jahren anhaltenden Diskussionen über die Auslastung und Zukunft der Autoproduktion.
Vollzeit-Ausbilder kümmern sich um die Azubis und begleiten sie durch die Ausbildungsschritte bis zur Prüfung. Die jungen Leute haben in der Lehrwerkstatt – die jetzt Akademie heißt – einen geschützten Raum zum Üben und Lernen. Die Qualität der Ausbildung lässt sich an der Zahl der Auszeichnungen ablesen, wie Lesch erklärt. Über 30 Kammersieger, 13 Landesbeste und ein Bundessieger sind in den letzten Jahren aus der VW-Akademie im Fledder hervorgegangen.
Und doch gibt es etwas, was Lesch fuchst und herausfordert. Erstens: Der Anteil der weiblichen Bewerber auf technisch-gewerbliche Berufe könnte größer sein, wie sie findet. Die Belegschaft bei VW Osnabrück ist männlich geprägt, der Frauenanteil liegt bei 14 Prozent. Bei den Azubis im technisch-gewerblichen Sektor liegt der Frauenanteil inzwischen bei 20 Prozent. Es tut sich was.
Und zweitens: Die Neigung, nach dem Abitur lieber zu studieren, statt eine Lehre zu beginnen, geht Lesch zu weit. Auch in diesem Punkt gibt sie selbst ein Beispiel. Nach dem Abitur machte Lesch in Nordhessen, wo sie aufgewachsen ist, eine Ausbildung zur Tischlerin. Schon die Suche nach einem Ausbildungsplatz war schwierig. Es waren die altbekannten Vorurteile: Eine Frau in der Werkstatt, kann die das? Und mancher Tischlermeister winkte sofort ab, weil es keine Damentoilette im Betrieb gab.
Lesch arbeitete zwei Jahre als Tischlergesellin und entschied sich dann für ein Studium der Wirtschaftswissenschaften in Kassel, Schwerpunkt Personalentwicklung. Es folgten Stationen bei Daimler und VW in Wolfsburg. Sie erzählt von ihrer Karriere, weil sich daran ablesen lässt, dass eine Berufsausbildung eine solide Basis fürs Leben ist.
Wenn die 40 Azubis im September 2026 anfangen, ist möglicherweise mehr bekannt über die Zukunft des Werks. Im Spätsommer 2027 läuft die Produktion des T-Roc Cabrio aus, ein Nachfolgeprodukt ist bislang nicht in Sicht. Es wird viel spekuliert, drinnen und draußen. Jeder Besuch im Werk wird sensibel registriert. „Natürlich werde ich ständig darauf angesprochen“, sagt Sonja Lesch. „Wir reden offen und nehmen die Kolleginnen und Kollegen in dem Prozess mit, so gut es geht. Es zählen belastbare Fakten. Spekulationen bringen uns nicht weiter.“