Rüstungsindustrie Nach Kauf der Lürssen-Marinefirma: Rheinmetall sticht in See
Wenn die Bundeswehr bei Rheinmetall einkauft, geht es meistens um Militärgüter für das Heer, ob Panzer oder Artillerie. Nun richtet die Waffenfirma ihren Blick auf das Wasser.
Deutschlands größter Rüstungskonzern Rheinmetall baut künftig auch Schiffe. Der Hersteller von Panzern, Artillerie und Munition gab in Düsseldorf bekannt, dass die Übernahme des Bremer Marineunternehmens NVL abgeschlossen sei. Man habe alle kartellrechtlichen Freigaben erhalten. Verkäufer ist die Bremer Werftengruppe Lürssen, die künftig nur noch Yachten verkauft und sich von ihrer Marinetochter trennt. Zum Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart.
Das Kürzel NVL steht für Naval Vessels Lürssen, das Unternehmen hat 2100 Beschäftigte. Für das vergangene Jahr erwartete Rheinmetall einen NVL-Umsatz von 1,3 Milliarden Euro und einen Betriebsgewinn (Ebit) von zehn Prozent; 2030 sollen es fünf Milliarden Euro Umsatz mit 15 Prozent Ebit sein. Rheinmetall hat rund 40.000 Beschäftigte, 2025 wollte die Firma deutlich mehr als 12 Milliarden Euro Umsatz machen - ihre Jahreszahlen publiziert die größte deutsche Waffenschmiede erst Mitte dieses Jahres.
Vier Werften wechseln Eigentümer
Rheinmetall und Lürssen hatten bereits im vergangenen September eine Einigung verkündet. Die kartellrechtliche Freigabe durch verschiedene Behörden zog sich in die Länge. NVL hat neben dem Verwaltungssitz in Bremen vier Werften: Eine ist in Wilhelmshaven (Niedersachsen), zwei sind in Hamburg und eine in Wolgast (Mecklenburg-Vorpommern). NVL baut Schiffe für Deutschlands Marine und die Marine anderer Staaten sowie für Behörden, zum Produktportfolio gehören Fregatten, Korvetten, Patrouillenboote, Versorgungsschiffe und Minenräumer.
Der neue Eigentümer Rheinmetall möchte das Geschäft mit den Schiffen deutlich ausweiten, der Rüstungskonzern peilt für seine neue Marinesparte eine jährliche Umsatzsteigerung von etwa 30 Prozent an und würde dann im Jahr 2030 auf circa fünf Milliarden Euro kommen. Hiervon wiederum schätzt Rheinmetall, dass drei Milliarden Euro aus Deutschland und zwei Milliarden Euro aus dem Ausland kommen könnten, darunter Italien, Griechenland und die Türkei.
„Rheinmetall wird künftig zu Lande, zu Wasser, in der Luft und im Weltraum ein relevanter Akteur sein und entwickelt sich damit zum Domäne-übergreifenden Systemhaus“, sagte Firmenchef Armin Papperger. Es entstehe „ein leistungsfähiger Komplettanbieter für hochmoderne Überwasserschiffe“.
Auch in den USA wittert Rheinmetall gute Geschäfte mit Schiffen, da es dort nicht genug Werftkapazitäten gebe, so die Annahme des Unternehmens. Indonesien, Singapur und Neuseeland sollen ebenfalls Schiffe aus Deutschland kaufen.
Fürs Militär liegen Milliarden bereit
Grund für das große Wachstumspotenzial ist die angespannte weltpolitische Situation und die Entschlossenheit der Nato und anderer Staaten, mehr Geld in ihr Militär zu stecken. Deutschland dürfte in den kommenden Jahren Milliarden in sein Heer, seine Luftwaffe und seine Marine stecken. Das Portemonnaie des Bundes sitzt recht locker, da die Ausgaben weitgehend von der Schuldenbremse ausgenommen sind.
Rheinmetall ist überzeugt, mit NVL einen guten Griff gemacht zu haben. Bei einem Gespräch mit Analysten verwies Konzernchef Armin Papperger im vergangenen Jahr darauf, dass die Konkurrenten TKMS aus Kiel, BAE Maritime aus Großbritannien, Financtiere aus Italien, Naval Group aus Frankreich und Damen Naval aus den Niederlanden weniger profitabel wirtschafteten. Es habe sich eine einzigartige Gelegenheit geboten, die man genutzt habe.
Ein Branchenkenner, der namentlich nicht genannt werden möchte, sieht die Thyssenkrupp-Tochter TKMS als Verlierer der Transaktion. In der Vergangenheit sei mehrfach versucht worden, eine enge Zusammenarbeit von Lürssen und TKMS herbeizuführen. „Eine Werftenkonsolidierung in Deutschland lag in der Luft - und nun greift ausgerechnet Rheinmetall zu, das bislang gar keine eigene Werft hat.“
Für Rheinmetall sei der Zukauf auch gut, weil es in Verkaufsgesprächen künftig mehr anbieten könne: „Bislang war Rheinmetall mit Waffensystemen und Elektronik nur ein Zulieferer im Marinegeschäft, künftig kann es alles komplett verkaufen, inklusive der Schiffe.“ Die eigene Schiffskompetenz erleichtere zudem die Entwicklung von Waffen für die hohe See.