Osnabrück  Osnabrück über Berlin: Wie Rapper Oktay Karagoez die Hip-Hop-Szene in der Stadt prägt

Marcel Bechtel
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Von Marcel Bechtel
| 02.03.2026 15:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Oktay Karagoez aka Big168 ist ein Kopf der Osnabrücker Rap- und Hip Hop-Szene. Foto: Sebastian Dannenberg
Oktay Karagoez aka Big168 ist ein Kopf der Osnabrücker Rap- und Hip Hop-Szene. Foto: Sebastian Dannenberg
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Irgendwo zwischen Träumer und Macher: Oktay Karagoez ist eines der präsentesten Gesichter in der Osnabrücker Rap- und Hip Hop-Szene. Wieso er für seine Musikkarriere nicht aus Osnabrück wegziehen möchte und warum ihm Peter Fox auf Instagram folgt.

„Kleiner Mensch aber große Musik“ steht auf dem Instagram-Kanal von Oktay Karagoez. Er ist Rapper aus Osnabrück, nennt sich „Big168“. Eigentlich nutzen Rapper in ihren Namen gerne die Ziffern von Postleitzahlen, um ihre Heimat zu repräsentieren. Bei Karagoez steht die 168 für seine Körpergröße. „Das beschreibt mich auch ganz gut. Ich nehme mich selber nicht so ernst, aber mache trotzdem ernstzunehmende Musik“, sagt er.

Der 24-Jährige ist eines der präsentesten Gesichter in der aktuellen Rap- und HipHop-Szene in Osnabrück. Eine Szene, die etwas heruntergekommen schien und jetzt neuen Aufschwung erlebt – durch eine neue Generation, die auf Gemeinschaft und Unterstützung setzt, statt auf Streit und Splittergruppen. So zumindest sieht es Oktay Karagoez.

Er sitzt in einem Aufnahmestudio am Osnabrücker Speicher. Vor der Linse unseres Fotografen wirkt er etwas zurückhaltend, fotografiert werden sei für ihn immer etwas unangenehm, gesteht er.

Diese Zurückhaltung hat er online nicht, auf Instagram lädt er täglich Promo-Videos seiner Musik hoch – immer etwas selbstironisch: Mal schaut sein Kopf aus einem Rucksack raus, mal steckt er während eines Songs gemeinsam mit einem Kollegen in einem Pullover. In seinen Stories redet er munter in die Kamera. Und auch auf der Bühne steht er regelmäßig: Im Haus der Jugend moderiert er Abende, bei denen sich die Szene trifft und gemeinsam Musik macht.

Die Leidenschaft für Deutschrap hat seine Schwester in ihm entfacht. Sie führte ihn in die musikalische Welt von Rap-Größen wie Haftbefehl, Eko Fresh und Samy Deluxe ein. „Das war so, als hätte sich von Mal zu Mal die Tür geöffnet. Das fand ich irgendwie krass und man hat natürlich auch aufgesehen und diesen Traum gehabt, das irgendwann selbst auch zu machen“, sagt Oktay Karagoez. Zugetraut hat er sich das allerdings nicht, denn anders als bei seinen Vorbildern war seine Stimme recht hoch.

Eines Tages aber hörte er einen Song: „Deine Stimme“ von Kool Savas. Ein Song, in dem der Rapper über seine eigenen Zweifel an seiner hohen Stimme rappt. Oktay Karagoez findet sich in den Zeilen wieder, stößt auf weitere erfolgreiche Rapper aus Deutschland und Amerika mit hohen Stimmen – und traut sich schließlich, selbst zu rappen.

Anfangs rappte er mit Freunden. „Wir saßen immer auf diesen Treppen vorm Theater, dann haben wir den Beat angemacht und einfach gefreestylt und auch getanzt, weißt du?“ Später bekommt er die Möglichkeit, in dem Jugendzentrum „Westwerk“ in Eversburg Musik zu machen, kann hier auch kleinere Auftritte planen. Einen Großteil seiner Jugend verbringt er in der Einrichtung. „Ich habe da meine Zuflucht gehabt“, erklärt der Osnabrücker. „Das hat mich auch davor bewahrt, genauso wie Tausende andere auch, aus Langeweile Scheiße auf der Straße zu bauen.“

Er glaubt, dass sich viele Jugendliche Ärger einhandeln, weil sie „nichts zu tun haben“. Deshalb engagiert sich Karagoez im „Haus der Jugend“. In Zukunft möchte er dort Workshops anbieten, in denen Jugendliche lernen, selbst Musik zu machen.

Auf Spotify hat Song der „Tüten und Baggys“ von Oktay Karagoez aka Big168 mehr als 200.000 Aufrufe.

Für Karagoez ist Rappen nicht nur ein Hobby, für ihn ist es Therapie. Viele seiner Songs sind tanzbar und machen gute Laune. Aber er hat auch andere Stücke, die er bisher jedoch nicht veröffentlicht hat. Songs „um mit Dingen klarzukommen, die mir im Leben irgendwie passiert sind oder die ich selber irgendwie gerade so erlebe und wie ich mich fühle“, erklärt er. Wie ein musikalisches Tagebuch hört er sich die Songs immer wieder an, alleine oder mit engsten Freunden.

Obwohl der 24-Jährige fest in Osnabrück verwurzelt ist und die Stadt auch in seinen Songs und Videos eine wichtige Rolle spielt, zog es ihn vor einigen Jahren doch nach Berlin. „Ich musste einmal rauskommen, um zu verstehen, warum Leute in Berlin sind und warum die sagen, dass es da so krass ist“, erinnert er sich.

„Crazy“ nennt er die Zeit, die dann folgte. Ohne finanzielle Unterstützung zog er in die Hauptstadt. Von seinem angesparten Geld blieben nach Bezahlen der Kaution nur noch wenige Hundert Euro übrig. Und neben dem Geld waren auch seine sozialen Kontakte knapp bemessen. „Das war eine harte Zeit, weil du bist dann halt in so einer riesigen Stadt und denkst so: ‚Boah, ich kenne niemanden‘.“

Um über die Runden zu kommen, jobbte Karagoez in einer Imbissbude. Und stand parallel fast jeden Abend gemeinsam mit anderen Musikern am Mikrofon, rappte sich von Session zu Session durch die Berliner Szene. „Du hast noch nach Fritteuse gerochen, Digga, bist aber trotzdem losgegangen, weil du dachtest: ‚Komm, die zwei Stunden mache ich jetzt noch mit‘“, erinnert er sich lachend.

In Berlin sammelt er Erfahrung und Connections. Darunter auch zu einer Legende des deutschen Hip-Hop: Peter Fox, nicht nur solo erfolgreich, sondern auch als ein Frontmann der Band „Seeed“. Pierre, wie Fox bürgerlich heißt und wie Karagoez ihn nennt, veranstaltete im Sommer 2024 mehrere Konzerte in Berliner Brennpunkt-Bezirken. Dabei hörte er sich in einem Jugendzentrum auch Nachwuchskünstler an. Ein Freund von Karagoez zeigte Fox dort ein Video des Osnabrücker Rappers.

Darin machte er Peter Fox auf seinem Instagram-Account eine „Ansage“ – aus Spaß, wie er sagt – und rappte auf den Beat von dessen Stück „Alles Neu“. Fox gefiel, was er sah. Seitdem folgt er „Big168“ auf Instagram, liket seine Beiträge und kommentiert regelmäßig.

Das Abenteuer Berlin endete jäh, ein privater Schicksalsschlag führte Karagoez zurück nach Osnabrück. Das verheerende Erdbeben am 6. Februar 2023 in der Türkei und in Syrien erschütterte auch seine Familie: Seine Eltern leben zwar in Osnabrück, stammen aber aus der betroffenen Provinz Hatay. Die Großeltern hatten überlebt, zogen nach der Katastrophe aber nach Osnabrück. Und dahin wollte dann auch Oktay Karagoez zurück, um für seine Familie da zu sein.

Was ihm aus der Zeit in Berlin blieb: viele Kontakte, Freundschaften – und die Erkenntnis: Da wird auch nur mit Wasser gekocht. Oder wie es Karagoez lachend formuliert: „Digga, das sind die gleichen Hänger, wie hier in Osnabrück chillen. Die Studios sind nicht krasser.“ Für ihn ist klar: Erfolgreich sein, das geht auch von Osnabrück aus.

Karagoez möchte von seiner Musik leben können. Er entwickelt Strategien, wie er seine Songs auf Social Media verbreitet, und arbeitet mit anderen Musikern zusammen. Selbst als Künstler arbeiten oder andere bei ihrer Musik unterstützen – einen Plan B dazu hat der 24-Jährige bewusst nicht: „Ich glaube, wenn man das mit Herzblut macht und eine Leidenschaft dafür hat, dann klappt das. Man darf nicht denken, dass man es nicht schafft, weil dann hast du eh verloren.“

Und er will die Rap- und Hip-Hop-Szene in Osnabrück vernetzen. Seit vier Jahren organisiert er die „Micdrop-Sessions“ im Haus der Jugend. Mit einer Live-Band können Musiker hier ihre Songs spielen – mal sind es Menschen, die schon häufiger dabei waren, mal welche, die noch nie auf einer Bühne standen. „Da sind auch recht junge Leute dabei, die sich gegenseitig aufbauen und zusammen Content drehen, das finde ich mega cool“, sagt Karagoez, der den Abend stets mit einer eigenen Rap-Nummer eröffnet und moderiert.

Was ihn antreibt, ist auch die Liebe zu Osnabrück. Die Stadt ist nicht langweilig, findet er – und will aktiv dazu beitragen, das Gegenteil zu zeigen. Selbst die Orte, die viele Menschen als Schandfleck wahrnehmen, sind für Karagoez ein wichtiger Teil der Osnabrücker Identität. „Ich feier‘ die Johannisstraße. Da sieht man viel Kultur, da sind viele Eindrücke, viele Leute treffen sich da. Ich finde das mega geil“, schwärmt er. Und auch wenn ihn sein Weg irgendwann noch einmal aus Osnabrück wegführen sollte, für Karagoez ist klar: „Osnabrück ist meine Heimat. Diese Stadt wird mich niemals loslassen, in keiner Stadt fühle ich mich so wohl.“

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