Protest gegen Hähnchenstall  Wrissmer freuen sich über Aussagen von Geflügel-Lobbyisten

Karin Böhmer
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Von Karin Böhmer
| 04.03.2026 13:13 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Sie schauten sich den Standort des geplanten Stalls – die Fläche im Rücken der Gruppe – vor Ort an: Heiko Onnen (von links) und Wolfgang Dirksen von der BI, Geflügelverbandspräsident Friedrich-Otto Ripke, Manfred Tannen vom Landvolk und Dirk Oltmann vom Geflügelhalterverband. Foto: Karin Böhmer
Sie schauten sich den Standort des geplanten Stalls – die Fläche im Rücken der Gruppe – vor Ort an: Heiko Onnen (von links) und Wolfgang Dirksen von der BI, Geflügelverbandspräsident Friedrich-Otto Ripke, Manfred Tannen vom Landvolk und Dirk Oltmann vom Geflügelhalterverband. Foto: Karin Böhmer
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Es ist etwas ungewöhnlich, dass eine Bürgerinitiative Lobbyisten der Gegenseite einlädt. Das haben die Landwirtschaftsvertreter zu dem geplanten Stallprojekt in Wrisse gesagt.

Wrisse - Es ist schon eher ungewöhnlich, wenn eine Bürgerinitiative „die andere Seite“ einlädt. So geschehen ist das nun aber in Wrisse, wo die Dorfgemeinschaft gegen den geplanten Masthähnchenstall mit 29.999 Tieren am Moorlager Weg kämpft. Zu Gast im Oll-Reef-Hus waren am Dienstagnachmittag, 3. März 2026, nicht nur gut 80 Wrissmer, sondern mit Friedrich-Otto Ripke und Dieter Oltmann auch Vertreter des Verbandes Niedersächsische Geflügelwirtschaft sowie mit Manfred Tannen der Vize-Präsident des Niedersächsischen Landvolks.

Sie vertreten in ihren Funktionen die Interessen der Landwirtschaft. Ripke war zudem vor 15 Jahren schon in den Protest gegen den damals geplanten Kükenaufzuchtstall an gleicher Stelle involviert. Damals ersuchte ihn die BI als Staatssekretär im Niedersächsischen Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz und Landesentwicklung um Einschätzung.

Verbandsvertreter: Grundsätzlich werden mehr Ställe gebraucht

Die Aussagen der Landwirtschaftslobbyisten wurden in Wrisse nun mit Spannung erwartet. Hatte man sich den Fuchs in den Gänsestall geholt? Tatsächlich brachten die Gäste etliche Argumente für die Erweiterung oder den Neubau von Ställen vor. Deutschland müsse sich möglichst selbst mit Lebensmitteln versorgen können, das sei in den jüngsten Krisen deutlich geworden, so Ripke. Zudem seien die deutschen Lebensmittel streng kontrolliert und qualitativ besser als Importware.

Auf diesem Stück Land soll der Stall entstehen. Foto: Karin Böhmer
Auf diesem Stück Land soll der Stall entstehen. Foto: Karin Böhmer
Die Nachfrage nach Eiern und Geflügelfleisch steige stetig. Ebenso die Ansprüche der Gesellschaft ans Tierwohl. Das bedeute dann auch mehr Tiere und mehr Platz für das einzelne Tiere. Stallbauten seien also nötig. Ähnlich argumentierte Tannen.

Ripke und Tannen betonten aber auch, dass die Landwirtschaft in den vergangenen zehn Jahren einen erheblichen Schwenk vollzogen habe, was die Akzeptanz von Projekten angehe. Der Verband der Niedersächsisches Geflügelwirtschaft mache keine Rechtsberatung – weder für einen Landwirt noch für eine Bürgerinitiative, betonte Ripke. Aber er sehe alle Projekte, die erheblichen Widerstand im Ort hervorrufen, kritisch. Er komme selbst aus einem Dorf, er wisse, was das bedeute.

Siedlung liegt in Windrichtung und nah dran

Das hörten die Wrissmer gerne. Zusammen mit den Organisatoren des Protests, Heiko Onnen, Marc Heuermann und Ortsbürgermeister Wolfgang Dirksen waren Tannen, Ripke und Oltmanns vor der Veranstaltung an den geplanten Standort des Masthähnchenstalls sowie durch die direkte Umgebung gefahren. Während der alte Siedlungskern von Wrisse links und rechts des Postwegs liegt, befindet sich seit den 1900er-Jahren noch ein Siedlungsgebiet mit mehr als 50 Haushalten im Bereich des geplanten Stalls.

Zahlreiche Protestbanner sind im Ort zu sehen. Foto: Karin Böhmer
Zahlreiche Protestbanner sind im Ort zu sehen. Foto: Karin Böhmer

Die nächstliegenden Häuser stehen weniger als 100 beziehungsweise gut 100 Meter entfernt. Das seien nicht nur Punkte auf einer Karte, sondern die Orte von Kinderzimmern und Schlafzimmern, Küchen und Gärten, sagte Marc Heuermann.

Wenig über das Projekt bekannt

Schwierig ist bei der Bewertung, dass nur wenig über das Projekt bekannt ist. Die BI weiß nur, dass der Stall auf 29.999 Masthähnchen ausgelegt ist, 130,85 mal 26,80 Meter messen soll und von der Agrarlan Wiesens KG beantragt worden sein soll. Die BI-Vertreter gingen bisher davon aus, dass ein Stall für die Haltungsstufe 1 oder 2 geplant ist, es also nicht um einen Offenstall geht.

Im Oll-Reef-Hus war bei der Informations- und Fragerunde jeder Platz besetzt. Foto: Karin Böhmer
Im Oll-Reef-Hus war bei der Informations- und Fragerunde jeder Platz besetzt. Foto: Karin Böhmer

Adams berichtete, dass die Gemeinde wegen fehlender Unterlagen bislang keine Stellungnahme an die Genehmigungsbehörde Landkreis Aurich abgegeben habe und dass der Investor den Genehmigungsprozess für sechs Monate ruhend gestellt habe. Welche Haltungsform angestrebt ist, sei ihm nicht bekannt, sagte Adams auf Nachfrage. Die Haltungsstufe macht aber durchaus einen Unterschied, wie Oltmann berichtete.

Stall ist nicht gleich Stall

Es sei davon auszugehen, dass es sich um einen Offenstall handeln werde, so der Verbandsgeschäftsführer. Dieser sei für die Haltungsstufe 3 vorgeschrieben – und in Ställe für geringere Haltungsstufen werde kaum noch investiert.

Heiko Onnen von der BI (Mitte) erläuterte die bisherige Historie der Bürgerinitiative. Foto: Karin Böhmer
Heiko Onnen von der BI (Mitte) erläuterte die bisherige Historie der Bürgerinitiative. Foto: Karin Böhmer

Bei der Haltungsstufe 3 hat der Stall einen sogenannten Wintergarten, wo die Tiere mit sogenannten Außenreizen in Kontakt kommen. Ein Freilaufgehege gehört aber nicht dazu. Bei einem solchen Stall entweichen die Emissionen diffus über die offenen Seitenwände. Entsprechend sei der erforderliche Abstand zur Wohnbebauung höher als bei Ställen der Haltungsstufen 1 und 2, so Oltmann.

Bei diesen seien Luftfilter und hohe Schornsteine vorgeschrieben. Diese leiteten die Emissionen in höhere Luftschichten, sodass sie weniger Einfluss auf die umliegende Wohnbebauung hätten.

Im Bereich der Kurve befindet sich auch eine Bushaltestelle, die die Kinder aus der Siedlung nutzen. Foto: Karin Böhmer
Im Bereich der Kurve befindet sich auch eine Bushaltestelle, die die Kinder aus der Siedlung nutzen. Foto: Karin Böhmer

Zu berücksichtigen sei zudem die Windrichtung. Diese sei sogar sehr entscheidend für nötige Abstände, so Oltmann. Wenn man davon ausgehe, dass ein Offenstall in einer Westwindregion östlich der Wohnbebauung geplant sei, sei es nach seiner Erfahrung sehr unwahrscheinlich, dass der Stall genehmigungsfähig sei, so der Geschäftsführer des Geflügelzüchterverbands. Er sei aber kein Gutachter und müsse bei dieser Einschätzung mit Unbekannten arbeiten.

Drei Ratschläge vom Verbandspräsidenten

Ripke ist in seiner Funktion als Verbandspräsident eher für die „politischen“ Aussagen zuständig. Er gab drei Ratschläge. Es sei immer am sinnvollsten, wenn sich eine Bürgerinitiative und ein Investor zu Gesprächen treffen und Argumente austauschen. Oft lasse sich eine Lösung finden, schließlich gehe es in kleinen Dörfern auch um das künftige Zusammenleben, so Ripke.

Hähnchenmast

Laut Dieter Oltmann, dem Geschäftsführer des Verbands der Geflügelwirtschaft, wird ein Hähnchenmaststall vier- bis fünfmal jährlich neu mit Küken bestückt. Er beschrieb die Bewirtschaftung von Hähnchenmastställen auf Nachfrage dieser Redaktion im Allgemeinen. Zu dem geplanten Projekt in Wrisse seien ihm nicht alle Faktoren bekannt.

Die Emissionen nehmen mit dem Wachstum der Tiere zu, schwanken also im Jahresverlauf, so Oltmann. Ebenso verhält es sich mit der zu erwartenden Verkehrsbelastung. Zur Abholung und Anlieferung der Tiere seien natürlich Lastwagen unterwegs. Ebenso werde Futter angeliefert und in der Regel müsse auch der Mist abgefahren werden. Die Frequenz hänge von den Lagerkapazitäten vor Ort ab. Was Futterlieferungen angehe, sei bei einem 29.999-Tiere-Stall am Anfang eines Zyklus mit relativ wenigen Fahrten zu rechnen. Die Tiere seien dann noch klein. Später werde der Futterlaster wohl ein- bis zweimal pro Woche kommen. Genaue Regelungen treffe dafür der Landkreis, sofern er den Stall genehmige.

Im Verhältnis zum Projekt von vor 15 Jahren, wo es um 85.000 Küken ging, sei bei einem 29.999-Hähnchenmaststall mit weniger Emissionen zu rechnen, so Oltmann.

Der Gemeinde riet er, den Landkreis aufzufordern, das Verfahren weiter zu betreiben. Wenn immer noch keine Gutachten vorgelegt werden könnten, sei es auch möglich, ein Verfahren nach einer gewissen Frist einzustellen. Das schließe einen neuen Antrag zwar nicht aus – aber dies sei immer mit Kosten verbunden, sagte Ripke.

Neben dem Großefehntjer Bürgermeister Erwin Adams (von links) nahmen der Wrissmer Ortsbürgermeister Wolfgang Dirksen, Manfred Tannen vom Landvolk, Dieter Oltmann und Friedrich-Otto Ripke vom Niedersächsischen Landesverband für Geflügelwirtschaft sowie Marc Heuermann und Heiko Onnen von der BI am Rednertisch Platz. Foto: Karin Böhmer
Neben dem Großefehntjer Bürgermeister Erwin Adams (von links) nahmen der Wrissmer Ortsbürgermeister Wolfgang Dirksen, Manfred Tannen vom Landvolk, Dieter Oltmann und Friedrich-Otto Ripke vom Niedersächsischen Landesverband für Geflügelwirtschaft sowie Marc Heuermann und Heiko Onnen von der BI am Rednertisch Platz. Foto: Karin Böhmer

Zudem habe er aus seiner Zeit als Staatssekretär gute Erfahrungen mit dem Bündelungsgebot gemacht. Das bedeute, dass in Bereichen, wo bereits Abstände zur Wohnbebauung eingehalten werden müssen, beispielsweise bei einem Windpark, auch ein guter Platz für andere Projekte sei. Für dieses Projekt komme das zu spät, aber es sei zu überlegen, ob die Gemeinde nicht Flächen für Hühnerställe ausweise – dort, wo keine Konflikte zu erwarten seien.

Adams widersprach dem aber: Zum einen sei immer irgendjemand betroffen. Zum anderen habe die Gemeinde sich vor 15 Jahren bewusst dagegen entschieden. Denn Vorrangflächen würden nur Projekte anlocken.

Onnen, Heuermann und Dirksen zeigten sich nach der Veranstaltung sehr zufrieden. Zum einen mit der Beteiligung, zum anderen aber auch über die Einschätzung der Verbandsvertreter. Das habe in Wrisse nun für eine gewisse Beruhigung gesorgt.

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