Frankfurt  Rembrandt-Sensation: Experte erklärt, wie Forscher ein echtes Kunstwerk erkennen

Dr. Philipp Ebert
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Von Dr. Philipp Ebert
| 06.03.2026 11:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ein Werk des Meisters: Das Gemälde, das den Vater von Johannes dem Täufer zeigt, stammt von Rembrandt. Foto: IMAGO/Koen van Weel
Ein Werk des Meisters: Das Gemälde, das den Vater von Johannes dem Täufer zeigt, stammt von Rembrandt. Foto: IMAGO/Koen van Weel
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Es ist ein echter Rembrandt: Das Gemälde „Die Vision des Zacharias im Tempel“ wurde vom Barockmeister selbst geschaffen. Der Rembrandt-Experte Jochen Sander erklärt, wie Forscher das herausfinden konnten – und warum Rembrandt so spektakulär ist.

Es ist eine kunsthistorische Sensation, die nicht nur die Fachwelt elektrisiert: Nach über 65 Jahren im Verborgenen kehrt Rembrandts „Die Vision des Zacharias im Tempel“ aus dem Jahr 1633 zurück ans Licht der Öffentlichkeit. Das Rijksmuseum in Amsterdam gab jetzt bekannt, dass das Werk nach zweijähriger High-Tech-Analyse als echtes Original des Meisters identifiziert wurde.

Während das Gemälde im 20. Jahrhundert als bloße Werkstattarbeit galt, belegen moderne Verfahren nun die eigenhändige Meisterschaft des jungen Rembrandt. Im Gespräch erläutert der Rembrandt-Experte Jochen Sander, stellvertretender Direktor des Frankfurter Städel-Museums, warum der Fund spektakulär ist – und was uns das Bild über Rembrandts einzigartige Erzählweise verrät.

Frage: Herr Sander, in Amsterdam sorgt die Nachricht über ein jetzt neu Rembrandt zugeordnetes Gemälde für Aufsehen. Wie aufregend ist dieser Fund?

Antwort: Es ist wirklich spektakulär. Ein neu aufgetauchtes Gemälde aus Rembrandts frühen Amsterdamer Jahren ist ein wesentlicher neuer Baustein in seinem Werkverzeichnis. Interessant ist ja auch, dass es im 19. Jahrhundert bereits als echter Rembrandt galt. Das wurde aber im 20. Jahrhundert verworfen.

Frage: Und wieso hat sich die Einschätzung jetzt wieder verändert?

Antwort: Den Experten des 1968 begonnenen Rembrandt Research Projects lag das Bild nicht im Original vor. Sie konnten nur eine Schwarz-Weiß-Aufnahme des Gemäldes analysieren und kamen dann zu dem etwas kühnen Schluss, dass es nicht von Rembrandt stamme. Jetzt ist das Werk erstmals seit mehr als 100 Jahren wieder zugänglich, und moderne Untersuchungsmethoden haben seinen Ursprung bestätigt.

Frage: Wie sehen diese modernen Forschungsmethoden aus?

Antwort: Die Makro-Röntgenfluoreszenzanalyse, kurz „Macro-XRF“, hat in den vergangenen zehn Jahren alles verändert. Während man früher beim Röntgen nur die Strahlendurchdringung sehen konnte, können wir heute die Verteilung einzelner chemischer Elemente wie Blei, Kupfer oder Quecksilber auf der gesamten Fläche kartieren. So lässt sich der maltechnische Prozess Schicht für Schicht nachvollziehen. Bei diesem Bild konnte man grundlegende Veränderungen feststellen, die der Künstler während des Malens vornahm. Solche Korrekturen schließen eine Kopie beispielsweise nahezu aus. Und zugleich lässt sich über die spezifische Kombination verschiedener chemischer Stoffe der Kreis etwaiger Urheber eines Kunstwerks immer weiter reduzieren.

Frage: Das Gemälde zeigt Zacharias im Tempel, während er von einem Engel erfährt, dass er im hohen Alter Vater wird – von Johannes dem Täufer. Was ist das spezifisch „Rembrandt‘sche“ an dem Bild?

Antwort: Rembrandt besaß eine unglaubliche Erzählfreude und die Fähigkeit, subtilste psychologische Regungen einzufangen. Während andere Künstler der Zeit die Erscheinung des Engels im Tempel mit großem Pathos, Flügeln und Lichteffekten inszeniert hätten, reduziert Rembrandt die Szene. Wir sehen den Engel gar nicht. Wir sehen nur die Reaktion des Zacharias auf die Erscheinung. Die gesamte Geschichte wird in seiner Physiognomie und seinem Blick gebündelt. Diese psychologische und intellektuelle Durchdringung eines Stoffes ist selten – aber typisch für Rembrandt.

Frage: Was weiß man über den Verbleib des Bildes in den vergangenen Jahrzehnten?

Antwort: Das letzte Mal öffentlich gezeigt wurde es wohl 1890, es war dann unzugänglich in Privatbesitz. Genaueres war für die Forschung bisher nicht nachzuvollziehen. Hätte der jetzige Besitzer es nicht dem Rijksmuseum in Amsterdam zur Untersuchung angeboten, wüsste man weiterhin nichts über seinen Verbleib.

Frage: Sie sind stellvertretender Direktor des Frankfurter Städel-Museums. Haben Sie vergleichbare Werke von Rembrandt?

Antwort: Ja, wir haben Rembrandts fast gleichzeitig entstandenes, gleichfalls kleinformatiges Gemälde „Der junge David spielt die Harfe vor Saul“ (ca. 1630–1631). Es ist von ähnlicher psychologischer Intensität. Man sieht den eifersüchtigen Saul im Halbdunkel, die Hand fest am Speer, kurz bevor er in seinem Zorn versucht, David zu töten. Genau wie beim Amsterdamer Fund ist Rembrandts Lichtregie hier meisterhaft. 1636 entstand Rembrandts monumentales Historiengemälde „Die Blendung Simsons“, ein Hauptwerk der europäischen Malerei des 17. Jahrhunderts. Es wird aktuell umfassend restauriert, um es unserem Publikum zukünftig wieder in voller Pracht und Ausdruckskraft erlebbar zu machen. Zur Städel-Sammlung gehören außerdem mehrere Zeichnungen und fast das gesamte druckgrafische Werk Rembrandts.

Frage: Wie drastisch verändert die Zuschreibung an Rembrandt den Wert eines solchen Bildes?

Antwort: Dafür braucht es nicht viel Fantasie. Ob man ein anonymes Werk besitzt oder einen allgemein anerkannten, eigenhändigen Rembrandt – das ist ein exorbitanter Unterschied. Für uns Kunsthistoriker und Museumsmitarbeiter stehen jedoch der Erkenntnisgewinn und die Qualität der Erzählung im Vordergrund.

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