Osnabrück Vogel mit Imageproblem: Warum sich in Osnabrück trotzdem Menschen für Tauben einsetzen
Für viele Menschen sind Tauben die „Ratten der Lüfte“. Für die Osnabrückerin Rahel Logemann und ihr Team sind aber nicht die Vögel das Problem, sondern die Menschen. Sie suchen in der Stadt nach verletzten Tauben. Wir haben sie begleitet.
Sonntag, kurz vor 10 Uhr auf dem Osnabrücker Neumarkt. Der Bus M5 biegt auf die Johannisstraße ein, scheucht dabei einen Schwarm Tauben auf. In großen Bögen kreisen sie über dem Platz, landen dann auf den Fassadenvorsprüngen des Landgerichts. Hinter der Bushaltestelle gegenüber steht eine Frau, sie hat einen Vogel. Buchstäblich: In ihrer Tragetasche sitzt eine Taube. Selbst für Neumarkt-Verhältnisse ist das ein ungewöhnlicher Anblick.
Die Frau mit der Taube im Handgepäck ist Rahel Logemann – sie hat die Osnabrücker Initiative „Taubenliebe“ ins Leben gerufen. Regelmäßig geht sie alleine oder mit weiteren Freiwilligen durch die Stadt und kümmert sich um die Stadttauben. Mit der Liebe für diese Vögel sind die Mitglieder allerdings wohl in der Minderheit, denn Tauben haben ein schlechtes Image: Sie übertragen Krankheiten, verschmutzen die Stadt mit ihrem Kot und belästigen Gäste in der Außengastronomie – das sind die gängigen Klagen über die „Ratten der Lüfte“.
Logemann sieht das anders. „Ich glaube, dass vielen das Hintergrundwissen fehlt“, sagt sie. Deshalb hilft die Initiative Taubenliebe nicht nur verletzten Tauben, sondern hat sich auch der Aufklärung verschrieben. Auf Instagram informieren sie über Taubenschutz. Bei ihren Touren suchen sie das Gespräch mit ihren Mitmenschen.
Kurioserweise verfolgen die Taubenfreunde aber das gleiche Ziel wie diejenigen, denen die Tauben ein Dorn im Auge sind: „Wir wollen die Tauben aus der Stadt rausbekommen“, erklärt Logemann.
Darüber würde sich auch Carsten Niemeyer freuen, Küster der St. Marienkirche in Osnabrück. Tauben sind für die Kirche nämlich ein teures Problem. Der Kot der Tiere greift den Sandstein der Kirche an, dieser muss dann restauriert werden. Wenn es lange nicht geregnet hat, versuchen die Tiere ihre Nester in die Regenrinnen zu bauen. Wasser kann dann nicht mehr ablaufen. Um das zu verhindern, hat die Kirche Taubennetze anbringen lassen. Das hat mehrere Tausend Euro gekostet und auch Überprüfungen und Wartungen verursachen weitere Kosten.
Und ein weiteres Problem: Eigentlich gibt es an der Marienkirche ein Turmfalkennest. Seit Jahren brüten die Vögel, die auch natürliche Schädlingsbekämpfer sind, hier allerdings nicht mehr. Der Grund: Die Tauben verunreinigen den Nistplatz. „Ich reinige das Nest jedes Jahr in der Hoffnung, dass die Turmfalken schneller sind als die Tauben“, erklärt Niemeyer. „In den letzten Jahren waren die Tauben leider immer schneller.“
Dabei geht es der Taube in Osnabrück eigentlich gar nicht gut, weshalb eben die Taubenliebe-Initiative die Vögel aus der Stadt umsiedeln möchte. Ein Blick zum Tränenbrunnen in der Innenstadt, einer der Tauben-Hotspots in Osnabrück: An diesem Sonntag auf Tour mit Rahel Logemann ist die Stadt wie ausgestorben, nur vereinzelte Menschen schleichen durch die Große Straße. Wochentags bestellen sich Menschen an den Imbissbuden allerdings Manta-Platten, essen Falafel-Wraps oder seit Neuestem Pulled-Pork-Brötchen. Und regelmäßig fällt ihnen dabei etwas auf den Boden – ein Festmahl für die Vögel.
Allerdings: „Pommes-Reste sind kein passendes Futter für die Tauben“, erklärt Rahel Logemann. „Das sind eigentlich Körnerfresser.“ Die Tiere sind oft mangelernährt, Taubenbabys verhungern und der Stress führt zu mehr Krankheiten.
Eine weitere Folge der falschen Ernährung sieht man auf dem Pflaster, auf Bänken, auf Autodächern oder der Kirchenfassade. „Weil die Tauben kein ordnungsgemäßes Futter finden, bekommen sie Durchfall. Eine Taube, die artgerechtes Futter bekommt, macht kleine, feste Kotkügelchen und würde dann auch die Stadt nicht so verschmutzen“, erklärt Logemann.
Für sie ist die Stadttaube nicht der Täter, sondern das Opfer – denn der Grund, warum Tauben überhaupt in den Städten leben, liegt beim Menschen. In der Vergangenheit wurden sie gezüchtet – für ihr Fleisch, für ihre Federn oder um sie als Brieftauben zu nutzen. Später brauchte der Mensch die Vögel nicht mehr und setzte sie aus. Der Nutzen für den Menschen verschwand, der angezüchtete Brutzwang aber blieb. Die Tauben zog es in die Städte und sie vermehrten sich dort.
„Wir haben Verantwortung, weil es unsere Schuld ist“, findet Logemann. Deshalb geht sie fast jeden Sonntag auf Tauben-Tour – auch um die Tauben artgerecht zu füttern. Eigentlich ist das verboten, der Verein hat allerdings eine Genehmigung vom Ordnungsamt bekommen. Die Tauben-Fütterung ist aber nicht das einzige Ziel der Initiative. Gemeinsam mit Oliver Noss, einem weiteren Mitglied, sucht sie nach verletzten Tauben – Tauben wie „Freya“.
„Freya“ ist die Taube in der anfangs erwähnten Tragetasche. Das Tier wurde bei einem Rundgang von der Taubenliebe-Initiative entdeckt. Ihre Beine waren verschnürt und sie hatte sichtlich Schmerzen, schildert Logemann. Sowas kommt häufig vor, denn die Tauben sind ständig auf Nahrungssuche, wandern dafür auf dem Boden umher. An ihren Füßen verfangen sich dabei Dreck, Müll und überraschend häufig auch menschliches Haar – das verknotet sich dann und verschnürt die Beine der Vögel. Das kann dazu führen, dass einzelne Zehen absterben.
So war es auch bei „Freya“. Rahel Logemann fing die Taube ein und befreite ihre Beine. Danach brachte sie das Tier zu einem Tierarzt. Zwei ihrer acht Zehen mussten amputiert werden. Damit sich die Taube erholen konnte, nahm Logemann sie mit zu sich nach Hause. Hier hat die Tierschützerin eine offizielle Auffangstation angemeldet. Mehrere Wochen kümmerte sie sich um Freya, am heutigen Sonntag soll sie wieder freigelassen werden.
So fängt Rahel Logemann eine Taube ein:
Zuerst möchten sich Logemann und Noss allerdings um die anderen Tauben kümmern. Die sitzen noch aufgereiht auf den Fassadenvorsprüngen des Landgerichts. Hier am Neumarkt lebe der größte Taubenschwarm in Osnabrück, erklärt Logemann. Um sie auf Verletzungen und Krankheiten untersuchen zu können, müssen die Tauben erst mal zu ihr kommen.
Sie greift in ihre Jackentasche und wirft eine Handvoll Körner auf den Boden — die trägt sie immer bei sich. Eigentlich darf man Tauben in Osnabrück nicht füttern, Rahel Logemann und ihr Team bekamen deshalb vom Ordnungsamt eine Lizenz ausgestellt. Vom Landgericht aus fliegt der Schwarm Tauben quer über die Straße. Mit ausgebreiteten Flügeln gleiten sie durch die Luft, erinnern dabei an so manche Szene aus Hitchcocks „Die Vögel“. Nur stürzen sich die geflügelten Tiere hier nicht auf Menschen. Im Kampf um die Körner laufen die Tauben übereinander, versuchen sich mit ihren Flügeln Platz zu schaffen, als wollten sie sich auf der Maiwoche zum nächsten Maibowle-Stand quetschen.
Rahel Logemann kniet sich vor den Taubenknubbel und schaut auf die Füße der Tiere. Sie sucht nach Verletzungen oder Krankheiten – oder wie bei Freya nach verschnürten Beinen. Die Tauben wuseln umher, streifen dabei auch mal Logemanns Bein. Ekeln tut sie sich vor den Tieren nicht „Ich finde sie niedlich“, erklärt sie und lacht dabei. Heute findet sie keine Taube in Not. Bevor die beiden ihre Tour fortsetzten, lässt Logemann Taube „Freya“ frei. Kaum öffnet sich die Tragetasche, huscht diese hinaus. Noch etwas zurückhaltend hält sie sich erst mal fern vom Gewimmel.
Weiter geht´s: Die Tierschützer machen sich auf den Weg zum nächsten Tauben-Hotspot. Sie schauen nicht nur nach Tauben, die akut Hilfe brauchen. Oliver Noss sieht auf dem Boden ein rotes Gummiband. „So etwas ist auch schlecht für die Taube, auch darum kümmern wir uns dann“, erklärt er. Das Gummi landet im Müll und sein Blick auf einer Taube, die sich anmutig auf dem Tränenbrunnen platziert hat. „Ein schönes Fotomotiv“, findet Noss.
Der nächste Halt auf der Tauben-Tour ist der Domplatz. Auf dem Weg erzählt Rahel Logemann von ihrer ersten Taubenrettung: „Ich habe ein Taubenbaby gefunden und war dann aufgeschmissen: ‚Was mache ich jetzt damit?‘“ Auf der Suche nach Hilfe fand sie eine Facebook-Gruppe, die Taubennotfälle vermittelt. Rahel Logemann brachte die Taube auf Anraten in eine Pflegestelle. Dieser Moment war es, die „Taubenliebe“ entfachte.
Während sie spricht, wandert ihr Blick von rechts, nach links, dann mal nach oben – ab und an stoppt sie kurz und schaut noch einmal etwas genauer hin. Durch die Stadt zu laufen, ohne nach Tauben Ausschau zu halten, das kann sie nicht mehr.
Am Domplatz angekommen, wirft Logemann ein letztes Mal Körner auf den Boden – ein kleiner Schwarm Tauben stürzt sich darauf. Viel Gewusel, aber keine verletzte Taube – zur Freude von Rahel Logemann und Oliver Noss. Sie beenden ihre heutige Tour. Die Bilanz: eine Taube weniger im Gepäck, viele Tauben artgerecht gefüttert und doch bleibt es eine Sisyphusarbeit.
Ihr Wunsch für die Zukunft: Taubenhorte am Rand der Stadt. Die wären für die Taubenfreunde die beste Lösung für die Tiere. Vorstellen kann man sich das, wie ein Mehrfamilien-Nest. Meist ist es aus Holz gebaut und steht auf einer Säule, um die Tauben vor Feinden zu schützen. Hier könnten sie in Ruhe brüten und geeignetes Futter bekommen.
Da Tauben standorttreu sind, würden sie sich dort sammeln und auch bleiben, sagt Logemann. Der Kot wäre kein Innenstadt-Problem mehr und auch die Population wäre einfacher zu kontrollieren. Wie genau das geht, zeigt sich aktuell schon an einem ehemaligen Wehrturm der Stadt, dem Osnabrücker Bürgergehorsam am Hasetorwall. Hier haben einige Tauben ihr Nest gebaut und brüten ganzjährig ihre Eier aus. Logemann und ihre Mitstreiter tauschen die Eier gegen Kunststoff-Attrappen aus. Die Vögel kommen so ihrem Brutverhalten nach, es schlüpfen aber keine neuen Tauben.