Osnabrück  Atze Schröder: Ich habe immer gerätselt, woher meine Traurigkeit und Wut kommen

Michael Hengehold
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Von Michael Hengehold
| 13.03.2026 06:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 11 Minuten
Atze Schröder war in Therapie, um seine Familiengeschichte aufzuarbeiten. Im Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ spricht er darüber, über Traurigkeit, Motörhead und einiges mehr. Foto: www.imago-images.de/Lars Heidrich
Atze Schröder war in Therapie, um seine Familiengeschichte aufzuarbeiten. Im Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ spricht er darüber, über Traurigkeit, Motörhead und einiges mehr. Foto: www.imago-images.de/Lars Heidrich
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Traurigkeit, Wut, Jähzorn – mit Atze Schröder verbinden die meisten Menschen andere Dinge. Grund genug für uns, mit dem Comedian mal über diese anderen Seiten seines Ichs zu sprechen. Mit erstaunlichen, sehr offenen Antworten.

Ein Interview mit Atze Schröder hat die Tendenz, ein bisschen schizophren zu sein, weil der Künstler stets Atze bleibt, aber andererseits als der Mensch hinter der Bühnenfigur antwortet. Ein Gespräch über Traurigkeit, Suizide in der Familie, Motörhead, Atzes schlauesten Komiker-Kollegen und Filme, bei denen er heulen muss.

Frage: Atze, was für ein Weintyp sind Sie?

Antwort: Ich trinke überhaupt keinen Wein.

Frage: Ich meinte auch eher: still schluchzen oder laut heulen?

Antwort: Dann bin ich doch ein Weintyp, bin nah am Wasser gebaut und heule oft. Ich habe noch letzte Woche vor Glück geweint. Weil ich bei meinem Patenkind war, im Sauerland. Und ihre Schwiegereltern in spe, das sind so nette Leute. Und dann habe ich mich hinterher so gefreut, dass die so nett sind, dass mir die Tränen runtergelaufen sind.

Frage: Aber wenn es um Traurigkeit geht, nicht um Glück? Können Sie Traurigkeit?

Antwort: Absolut. Wahrscheinlich immer besser. Als mein Vater gestorben ist, also zum Zeitpunkt seines Todes, habe ich ihn in den Armen gehalten …

Frage: Das ist außergewöhnlich …

Antwort: Das war wirklich außergewöhnlich. Und ich dachte, ich hätte damit die Trauer erledigt, weil wir da quasi Abschied genommen haben. Aber ich habe im Laufe des Jahres danach gemerkt, ui, da ist noch eine Menge Traurigkeit in mir.

Frage: Können Sie Trost zulassen oder müssen Sie da alleine durch?

Antwort: Ich kann das schwer zulassen. Ich bin im Vortäuschen des Trost-Annehmens besser geworden. Aber ich muss eigentlich immer erst die Nacht drüber schlafen, dann kann ich das so richtig annehmen.

Frage: Sie haben mal gesagt, Sie hätten viel Wut und Traurigkeit in sich. Haben Sie das erst gemerkt, als Ihr Vater gestorben war?

Antwort: Da so richtig. Eigentlich war es mir schon vorher klar. Aber ich habe immer gerätselt, woher diese Traurigkeit und Wut kommen. Und habe dann die Familiengeschichte meines Vaters aufgearbeitet, in der es sehr viele Suizide gab – seine Mutter hat sich erhängt, vier Brüder haben Suizid begangen. Das hat sich in der näheren Familie teilweise fortgesetzt. Das habe ich über anderthalb Jahre mit einer Therapeutin aufgearbeitet und in vielen Gesprächen, unter anderem mit älteren Verwandten. Dann hatte ich die Antworten, die ich gesucht habe. Wenn man die hat, ist man weiterhin an einigen Stellen sehr traurig, aber man kann das besser einordnen.

Frage: Was ist das zentrale Mitbringsel aus der Therapie?

Antwort: Dass ich meinen Standort innerhalb der Familienarchitektur genau bestimmen konnte. Und ich mir die Wut und Traurigkeit erklären konnte – woraus die gespeist sind, wo sie ihre Wurzeln haben.

Frage: Das geht ja irgendwann in die Gene über, so eine Familiengeschichte. Verorten Sie Ihre Wut da oder kommt die aus Ihnen?

Antwort: Das verorte ich schon da. Da bin ich jetzt vielleicht die fünfte, sechste Generation, man weiß es nicht. Aber ich sehe bei Cousinen und Cousins, dass viele an der Kante leben und einige tatsächlich abgestürzt sind. Ich habe Gott sei Dank die frohe Natur meines Vaters geerbt. Ich werde morgens wach – das ist jetzt keine pathetische Überhöhung –, ich werde wach und freue mich auf den Tag. Deswegen bin ich manchmal zu früh wach. Weil ich mich schon zu doll freue. Ich weiß, das klingt übertrieben, aber ist es wirklich nicht. Ich habe wirklich das Talent, glücklich zu sein.

Frage: Wie fangen Sie Ihren Tag an? Einen freien Tag. Haben Sie sowas inzwischen?

Antwort: Ja, immer mehr. Man kann sich vorstellen, dass ich nach 30 Jahren auch kürzertreten könnte. Aber wenn ich auftrete, dann habe ich auch Bock drauf. Morgens setze ich mich an den Küchentisch, trinke erst mal heißes Wasser und lasse mir alles durch den Kopf gehen. Dann starte ich langsam, mache mir Frühstück, Nachrichten. Ich trinke irgendwann eine Tasse Kaffee und dann mache ich meistens Sport. Wir reden ja jetzt von einem freien Tag, nicht?

Frage: Jap.

Antwort: Okay. Dann versuche ich, Freundinnen und Freunde zu erreichen, ich bin ja eine Sabbeltrine. Meine Freundin sabbelt noch mehr als ich. Da vergehen schon mal ein, zwei Stunden. Dann ein schönes Mittagessen, anschließend spazieren wir, ein bisschen was lesen. Gucken, ob irgendwo eine Veranstaltung ist oder es Einladungen gibt. Und dann früh ins Bett.

Frage: Wie früh?

Antwort: So neun, halb zehn.

Frage: Okay, kein Wunder, wenn Sie um sechs wieder senkrecht stehen.

Antwort: Ja, ne? [lacht] Aber ich habe gelesen, das ist das neue Cool. Ich bin gerne früh unterwegs und gerne früh im Bett.

Frage: Früh ins Bett gehen ist das neue Cool? Da haben Sie wohl in einem Boomer-Magazin geblättert, was?

Antwort: Ja, natürlich.

Frage: Wie gut oder schlecht können Sie damit umgehen, wenn andere weinen?

Antwort: Schlecht. Oft weiß man nicht, wo es herkommt, wie man ansetzen soll. Soll man denjenigen in den Arm nehmen? Erst mal zurückhalten? Aber ich bin schon eher der Typ, der sagt: Komm, jetzt ist ja mal gut. Erzähl mal, was los ist, dann kannst du gleich weiterheulen.

Frage: Sie sind ein guter Zuhörer, oder?

Antwort: Würde ich schon vermuten, ja. Aber dieses Jämmerliche, da bin ich überhaupt nicht für zu haben. Wenn einer da weint, kannst du bei mir kein Mitleid erwarten.

Frage: Ich möchte hier den Meister zitieren, Christian Steiffen: Selbstmitleid ist die schönste Jahreszeit.

Antwort: Ja, Christian Steiffen ist unser Held, muss ich auch sagen. Aber Schlagertexte haben mit dem wahren Leben nichts zu tun. Selbstmitleid finde ich ganz schlimm. Da bin ich zu sehr Pragmatiker. Ich würde sagen: Komm, jetzt erst mal was unternehmen und dann sehen wir weiter. Move your ass and your mind will follow.

Frage: Oh, ein Zitat von George Clinton! Der Funk-Gott! Sind Sie ein Funkateer?

Antwort: Absolut, total. Habe gerade im Hotelzimmer noch die Brothers Johnson gehört.

Frage: Man hätte Sie eher im Rock vermutet. Und dann liest man Ihre Autobiografie, und da schreiben Sie über Lemmy Kilmister von Motörhead: gute Sprüche, aber schlimme Musik. Schlimme Musik?

Antwort: Na ja, Hand aufs Herz: Mehr als drei Nummern von Motörhead schaffst du auch nicht! Das ist eher Musik für live, wo man sich im Publikum schön abschädelt, wie der Meister selbst auf der Bühne. Aber ich habe letztens noch ein altes Interview mit Lemmy gelesen, wo der Redakteur mitsaufen musste. Ich glaube, die Überschrift ist: Halte dich fern von Idioten. Und das ist etwas, das ich immer mehr begreife. Wenn wir schlau sind, schreiben wir das auch bei uns an die Wand.

Frage: Sie haben gesagt, Sie verfügen über ein Talent zum Glücklichsein. Das Klischee vom traurigen Clown passt also nicht?

Antwort: Nicht so richtig. Ich bin schon ein ziemlich gut gelaunter Mensch. Ich würde auch eine gewisse Tiefe für mich in Anspruch nehmen, aber ich bin mindestens 90 Prozent im Glück unterwegs.

Frage: Was wirklich beneidenswert ist.

Antwort: Das gibt es ganz selten in der Comedyszene. Ich war gestern Abend noch mit Micky Beisenherz und Paul Panzer unterwegs. Paul ist auch eher ein trauriger Mensch, aber mit einer unglaublichen Tiefe. Einer der schlauesten Kerle, die ich kenne.

Frage: Ich finde, er wird unterschätzt.

Antwort: Ja, ist auch seine Schuld.

Frage: Wegen seiner Figur mit diesen komischen Sprachfehlern und so, nicht? Dabei hat oder hatte er teilweise so tiefsinnige Pointen …

Antwort: Er steckt halt in diesem Image. Aber ich kann wirklich sagen, das ist der schlauste Kerl, den ich in der Comedyszene kenne. Und Micky Beisenherz sowieso. Micky und mich verbindet, dass er auch familiär so tiefe Wurzeln hat. Und letztendlich auch vieles am Hinterteil vorbeirauschen lässt. Wie gesagt, ich habe meine Traurigkeit, aber überwiegend bin ich mit dem Arsch in der Butter.

Frage: Haben Sie schon mal hinter der Bühne gestanden und gedacht, heute kann ich echt nicht lustig sein?

Antwort: Was oft vorkommt: Dass ich so Viertel vor acht zu meiner Crew sage: Ich kann mir viel vorstellen, sehr viel. Aber nicht, dass ich heute Abend auf eine Bühne gehe. Aber wirklich: Dieser eine Schritt, Treppe hoch und auf die Bühne, der verändert mich total. Da geht es mir gut. Ich habe einen Smartring, der alle Körperfunktionen aufzeichnet. Und ich sehe immer an der Stresskurve, dass auf der Bühne für mich die entspannteste Zeit des Tages war.

Frage: Wenn Sie heute aufhören würden, lustig zu sein, was bliebe dann von Ihnen übrig?

Antwort: Dann wäre ich immer noch ein zufriedener Mensch. Ich könnte nicht mehr als Komiker unterwegs sein, aber kein Problem. Ich bin bereit, in absoluter Ruhe in Vergessenheit zu geraten. Ruhm macht mit mir gar nichts. Mit allen Vor- und Nachteilen. Ich habe dieses Star-Gen nicht. Ich kenne einige, die auf die Bühne gehen und denken: Ich bin eh der Geilste. Aber ich bin der Normalste, ich habe Riesenspaß auf der Bühne. Aber wenn es vorbei ist, dann bitte löschen Sie meinen Namen.

Frage: Auch kein Loch nach der Tour?

Antwort: Überhaupt nicht. Sobald ich in den Urlaub fahre, habe ich fast vergessen, was ich beruflich mache.

Frage: Verdrängte Gefühle stehen irgendwann vor der Tür und hauen dir zur Begrüßung in die Fresse, lautet ein Credo von Ihnen.

Antwort: Von meinem Vater habe ich das übernommen: Alles Unterdrückte steht eines Tages vor deiner Tür und haut dir in die Fresse, hat der immer gesagt. Er war für offene Worte und Aufarbeiten.

Frage: Ist Ihnen das passiert, seit Sie in Therapie waren?

Antwort: Nein, danach eigentlich nicht mehr, weil ich aufmerksamer bin, was die innere Welt und die Psyche angeht. Wenn man gelernt hat, in sich reinzuhorchen, wird man nicht so überrascht. Dann steht auch nicht plötzlich etwas vor der Tür und wird gewalttätig.

Frage: Wie sind Sie, wenn Sie wütend sind?

Antwort: Ich war früher extrem jähzornig …

Frage: Wie Ihr Vater …

Antwort: Wie mein Vater, wie sein Vater, wie sein Opa. Das ist aber ganz gut raustherapiert. Wenn ich im Stau stehe, werde ich noch mal wütend. Aber da ich viel Bahn fahre, habe ich das tägliche Leid schon in meinen Stundenplan eingearbeitet.

Frage: Wenn Sie wütend werden, ist es dann besser für alle, Abstand zu halten?

Antwort: Ach, das kommt so gut wie gar nicht vor. Wirklich, ich würde gerne eine tolle Geschichte, einen Ausraster, präsentieren. Aber es ist nicht mehr viel an Wut. Das habe ich immer als Vitalitätszeichen begriffen: Wut. Ich musste erst mal verstehen, dass solche Emotionen immer gegen einen selbst gerichtet sind. Ich lebe so ein schönes Leben. Der Weg der Wut zu mir, der ist wahrscheinlich mittlerweile zu weit, als dass sie sich noch auf die Socken machte.

Frage: Sie sucht sich leichtere Opfer …

Antwort: Genau. Vieles im Leben unterlässt man ja aus Faulheit. Und die Wut ist mittlerweile zu faul. Ich bin nicht mehr zu beleidigen. Du kannst mir die Vorfahrt nehmen, das Essen wegschnappen – nee, so leicht bin ich nicht mehr zu haben.

Frage: Haben Sie schon mal jemanden geschlagen?

Antwort: lch war früher in meinem Leben schon mal in eine Klopperei verwickelt. Aber das waren andere Zeiten.

Frage: Jetzt kriege ich doch noch meine Sensation …

Antwort: Da war ich leichter zu haben. Andreas Loff, der KI-Loff aus Hamburg, hatte letztens noch so einen Spruch: Atze Schröder hätte man bei einer Kneipenschlägerei gern an seiner Seite [lacht]. Aber das ist alles weg. Ich bin vor drei Monaten 60 geworden. Dann wird es ja auch langsam lächerlich.

Frage: Ist aber trotzdem ein tolles Kompliment.

Antwort: Ja, das stimmt. Das habe ich auch repostet. Aber dann fiel mir auf, wie dumm das eigentlich ist. [lacht] Aber diese Wirtshausschlägereien stellt man sich ja auch immer so vor, dass man hinterher wieder zusammensitzt und einen trinkt.

Frage: Die Asterix-Variante: Die spinnen, die Emsländer.

Antwort: Genau, und dann sitzt man wieder zusammen und hat sich lieb.

Frage: Sie sind bestimmt ein versierter TV-Heuler, oder? Ihre Top drei Tränenzieher, bitte.

Antwort: Filme, bei denen ich heule?

Frage: Filme, Serien, alles aus der Kategorie „Winnetous Tod“.

Antwort: [lacht] Oh Mann, da hab ich als Kind gelitten.

Frage: Wir alle!

Antwort: Also, den nehmen wir schon mal auf. Von den neueren Filmen „P. S. Ich liebe Dich“. Und „Into the Wild“.

Frage: Das Aussteiger-Drama, das auf einer wahren Geschichte basiert … Wann haben Sie da geheult?

Antwort: Ganz zum Schluss. Als er nicht mehr über den Fluss zurückkommt. Heute weiß man, dass er einfach nur in die andere Richtung hätte gehen müssen. Aber gute Idee! Freitags kommt ja immer mein Podcast, ich versuche mal, die Liste der zehn heuligsten Filme für mich aufzustellen.

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