NS-Zeit in Ostfriesland  Wie ein Pastor den Krieg erlebte

Werner Jürgens
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Von Werner Jürgens
| 07.03.2026 17:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Der „rasende Pastor“ unterwegs auf seinem Motorrad. Foto: Archiv Marten Hagen
Der „rasende Pastor“ unterwegs auf seinem Motorrad. Foto: Archiv Marten Hagen
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Wut über Behörden, Kritik am Regime: Die Briefe von Friedrich Ohlmer geben Einblicke in das Leben eines Pastors in Ostfriesland zur Zeit der Nazis – erstaunlich offen und privat.

Ostfriesland - Wie haben die Menschen in ländlichen Regionen während des Zweiten Weltkriegs den Alltag erlebt? Aufschlussreiche Einblicke gibt ein Schriftwechsel, den Pastor Friedrich Ohlmer aus Weene bei Aurich zwischen 1942 und 1945 regelmäßig mit seiner Familie geführt hat. 121 Briefe aus dieser Zeit sind jetzt in einem neu erschienenen Buch dokumentiert. „Was soll ich Euch noch vom Kriege schreiben?“, so lautet der Titel des Werkes, das der Papenburger Geschichtslehrer Marten Hagen editiert hat. Ergänzt durch zahlreiche alte Fotos und weitere Quellen beleuchtet er darin auch die historischen Hintergründe.

Obwohl der Pastor sich mit dem nationalsozialistischen Regime zu arrangieren versuchte, war er längst nicht mit allem einverstanden und hat das zum Teil erstaunlich offen artikuliert.

Pastor Friedrich Ohlmer vor dem Eingang der Kirche in Weene. Foto: Archiv Marten Hagen
Pastor Friedrich Ohlmer vor dem Eingang der Kirche in Weene. Foto: Archiv Marten Hagen

Familie, Alltag und Zeitgeschichte in 121 Briefen

Friedrich Ohlmer wurde 1893 in Hildesheim geboren. 1919 setzte er sein vor dem Ersten Weltkrieg begonnenes Theologiestudium fort. Nach Examen, Vikariat und Ordination trat er 1926 seine erste Pfarrstelle im Landkreis Leer in Völlenerfehn an. Im Januar 1929 wechselte er nach Weene, wo er bis 1954 tätig bleiben sollte. Die meisten der in dem Buch dokumentierten Briefe waren adressiert an seine älteste Tochter Grete, die 2011 im Alter von 87 Jahren verstarb und die Briefe zuvor Marten Hagen überlassen hatte. Grete Ohlmer besuchte 1942 eine Heimfrauenschule in Berlin und leistete dann bis Oktober 1943 ihren Reichsarbeitsdienst in Penzlin bei Meyenburg. Anschließend war sie in Holzminden als Hauswirtschafterin beschäftigt.

Der Pastor wohnte mit seiner Familie in Weene in einem instandgesetzten Gulfhaus aus dem 19. Jahrhundert. Nebenher betrieben die Ohlmers ein bisschen Landwirtschaft mit Getreide, Gemüse, Obstbäumen und diversem Kleinvieh. Zur Kirchengemeinde gehörten außer Weene die Ortschaften Schirum, Schirumerleegmoor, Westersander, Lübbertsfehn, Ihlowerhörn und Hüllenerfehn. Die Kirchengemeinde zählte um 1940 rund 2400 Mitglieder. Die Gottesdienste waren gut besucht. Selbst während der Kriegsjahre kamen jeden Sonntag im Schnitt etwa 220 bis 250 Menschen in die Kirche.

Buch und Vortrag

Das Buch „Was soll ich Euch noch vom Krieg schreiben?“, herausgegeben von Marten Hagen, ist erschienen in der Reihe „Quellen zur Ostfriesischen Geschichte“ im Verlag der Ostfriesischen Landschaft.

Das Buch mit der ISBN-Nummer 978-3-940601-80-3 umfasst rund 570 Seiten und kostet 25 Euro.

Unterstützt wurde die Publikation durch die Hans-Heyo-Prahm Stiftung, die Stiftung Gerhard ten Doornkaat Koolman und die lutherische St. Nicolai-Kirchengemeinde Weene.

Der Herausgeber Marten Hagen wird das Buch am Freitag, 20. März 2026, ab 19.30 Uhr im Rahmen eines Vortrags im neuen Gemeindehaus in Weene vorstellen.

Die Kirchengemeinde Weene in Kriegszeiten

Politisch war Friedrich Ohlmer wie viele seiner Pfarrerskollegen nationalkonservativ eingestellt. Er engagierte sich als Kameradschaftspfleger im Reichskriegerbund und bezeichnete den Versailler Frieden von 1919 in einer Predigt als „Sklaverei-Vertrag“. Mit dem Weimarer Parlamentarismus, der auch „gottlosen“ kirchenfeindlichen Kräften eine Plattform bot, konnte er wenig anfangen. Ohlmer begrüßte deshalb zunächst die Machtergreifung der Nationalsozialisten und deren Versprechen einer „sittlichen Erneuerung“.

Friedrich Ohlmer trat nicht in die NSDAP ein, schloss sich aber im September 1933 den ideologisch der Partei nahestehenden Deutschen Christen an, jedoch wohl aus rein pragmatischen Beweggründen. Bei den Wahlen zum Kirchenvorstand hatte sich keiner von deren Kandidaten durchsetzen können. Der Pastor befürchtete, dies würde ein schlechtes Licht auf seine Gemeinde werfen.

Geschichtslehrer Marten Hagen aus Papenburg hat die Briefe als Buch herausgebracht. Foto: Werner Jürgens
Geschichtslehrer Marten Hagen aus Papenburg hat die Briefe als Buch herausgebracht. Foto: Werner Jürgens

Zwischen Anpassung und Abgrenzung

Schon im Oktober 1934 beendete Ohlmer seine Mitgliedschaft, „als ich erkannte, dass ich mit meinem Namen und meiner Person nicht mehr Dinge decken durfte, die ich verurteile“, wie er sich später erinnern sollte. Ab November 1937 gehörte er zur Bekenntnisgemeinschaft der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover, die innerhalb der Kirche in Opposition zu den Deutschen Christen stand.

Besonders kritisch äußerte sich Friedrich Ohlmer über Eingriffe in seinen Kompetenzen als Pfarrer. In einem Brief vom 2. Mai 1943 prangerte er die Einschränkungen im Religionsunterricht an, „wo man von allen Seiten alles tut, daß Gottes Wort vergessen werde, wo man ganz frech und frei einfach den Besuch des Gottesdienstes verbietet, wo man nur die Macht dazu hat“.

Ein Blick auf Weene – rechts im Bild ist das Pfarrhaus zu sehen. Foto: Archiv Marten Hagen
Ein Blick auf Weene – rechts im Bild ist das Pfarrhaus zu sehen. Foto: Archiv Marten Hagen

Auch die Bürokratie bekam ihr Fett ab. Als Tochter Grete eine Genehmigung verweigert wurde, reagierte der Vater sichtlich verärgert. „Das Leben ist einfach erstickt in Verordnungen und Behörden“, erzürnte er sich in einem Brief vom 22. November 1943. „Eine Bombe unter meinen Sessel! Ich knirsche mit den Zähnen und wundere mich, daß ich es überhaupt so ruhig schreiben kann. Daß ich Pastor bin, habe ich auch ganz dabei vergessen. Dieses System! Wer wird uns davon befreien?!! Es ist ein Sklavenleben!“

Kritik und Widersprüche

Auch wenn er das NS-Regime selten direkt attackierte, schaffte es Friedrich Ohlmer trotzdem, Widersprüche aufzuzeigen. So monierte er die bevorzugte Behandlung von Parteifunktionären, weil das nicht zum von oben propagierten Bild vermeintlich gleichgestellter „Volksgenossen“ ohne Rücksicht auf gesellschaftlichen Rang und Namen passte.

Solcherlei typisch ideologisch gefärbtes NS-Vokabular kommt in den abgedruckten Briefen allerdings generell sehr wenig vor. Beispielsweise fällt der Begriff „Volksgemeinschaft“ nur ein einziges Mal und ist weniger im nationalsozialistischen, sondern mehr im christlichen Sinne gemeint. Bei Schilderungen von Zwangsarbeitern in seiner Nachbarschaft verzichtete Ohlmer auf damals gängige rassistische Formulierungen. Stattdessen driftete er bisweilen gar ins Ironische ab. „Ich verdiene ganz gut an Ariern“, schrieb er an einer Stelle, die sich auf die für den Pfarrer offensichtlich lukrative Erstellung von Ariernachweisen bezog. Den obligatorischen Hitler-Gruß verwendete er ausschließlich in offiziellen Schreiben, in seinem privaten Schriftverkehr hingegen nicht.

Zweifel an der Propaganda der Nazis

Zwar hielt Friedrich Ohlmer als loyaler Patriot den Krieg für legitim und blickte noch 1944 wehmütig zurück auf den militärischen Sieg 1940 über Frankreich. Aber er mochte nicht alles glauben, was ihm die Propaganda vorgaukelte. „Sogar ist dem Führer selbst schon drei Mal in diesem Kriege geschehen, daß er sich schwer geirrt hat“, konstatierte er in einem Brief vom 26. November 1942. „Das erste Mal, als er 1941 als das Jahr des Endsieges voraussagte, das zweite Mal als er im Herbst 41 sagte, Rußland wäre gebrochen und könnte uns und Europa nie mehr gefährlich werden, und das dritte mal als er jetzt von 350.000 Gefallenen sprach, während doch alle Rechnungen auf eine mindestens dreimal so große Zahl hinweisen!“

Friedrich Ohlmer 1951 mit einem Schafbock auf der Weide. Foto: Archiv Marten Hagen
Friedrich Ohlmer 1951 mit einem Schafbock auf der Weide. Foto: Archiv Marten Hagen

Geradezu visionär mutet im Nachhinein Friedrich Ohlmers’ Prognose an, die Offensive auf Stalingrad könnte ein „zweites Verdun“ werden. Da ihm bewusst war, dass diese Zeilen nicht in falsche Hände geraten durften, hatte er handschriftlich den Vermerk hinzugefügt: „Dieser Brief eignet sich nicht zum Aufbewahren!“

Berichte über Luftangriffe auf Aurich

Knapp zwei Monate später fand er erneut klare Worte: „Irgendetwas ganz besonderes liegt in der Luft“, heißt es in einem Brief vom 25. Januar 1943. „Man hört es ja deutlich aus der Propaganda heraus! Der Krieg wird uns noch alle in seine Banden schlagen, und wenn man nur sähe, daß er dadurch zu Ende käme!! Er wird bald zu Ende kommen! Aber wie!“

Die Fliegerangriffe nahmen nun zu, und davon blieb auch das abseits der Städte gelegene Örtchen Weene nicht unberührt. „Erst zählten wir über 100, dann kamen gleich wieder neue Schwärme, über 300!“, berichtete Friedrich Ohlmer in einem Brief vom 20. Dezember 1943. „Nach wieder 10 Minuten schon wieder neue! Und dann immer wieder neue, alle aus der Richtung Oldenburg-Bremen. Im ganzen haben wir in etwa 45 Minuten 600 – und zig gezählt.“

Zeitweilig gewährte die Familie Ohlmer einer Frau mit zwei Kindern, die in Emden ausgebombt worden waren, im Pfarrhaus Unterschlupf.

Der Pastor und seine vielen Schriftwechsel

Neben seiner Kirchengemeinde in Weene leitete Friedrich Ohlmer von 1941 bis 1943 den Konfirmandenunterricht in Aurich. Außerdem übernahm er Vertretungen in Bagband, Strackholt und Wittmund. Er schrieb nicht nur an seine Familienmitglieder, sondern auch an Soldaten aus seiner Gemeinde und kümmerte sich um Anträge von deren Angehörigen, wie beispielsweise um ein Gnadengesuch für einen wegen Wehrkraftzersetzung verurteilten Obergefreiten, das aber erst nach Vollstreckung des Urteils eintraf.

Ein Auszug aus einem Brief von Friedrich Ohlmer an seine Tochter. Foto: Archiv Marten Hagen
Ein Auszug aus einem Brief von Friedrich Ohlmer an seine Tochter. Foto: Archiv Marten Hagen

Sein „Tagespensum“ an Schriftverkehr fasste der Pastor an einer Stelle wie folgt zusammen: „Gestern kamen 10 Briefe, 2 Karten, eine Postanweisung und eine telephonische Arierbestellung. Heute habe ich 22 Briefe fertig gemacht, dazu noch dieser an Dich!“ Da war es für ihn schon ein „angenehmer Zeitvertreib“, als er für drei Wochen als Zivilist zu Arbeiten an einer Festungsanlage in der Krummhörn abkommandiert wurde.

Das Kriegsende in Ostfriesland – Angst und Erschöpfung

Mit fortschreitender Dauer des Krieges verschlechterte sich die allgemeine Stimmung merklich. „Es ist ein grausiges Scheinleben, das man jetzt führt“, schrieb Ohlmer in einem Brief vom 1. Oktober 1944. „Man fährt die Ernte ein und muß doch fürchten, daß man nichts mehr davon zu essen bekommt. Man quält sich immer wieder mit den Tieren und muß doch immer wieder dran denken, daß fremde Soldaten sie schlachten und essen werden.“

Anfang Mai 1945 drangen alliierte Truppen bis in die Nachbarorte von Weene vor. Auricher Bürger nahmen in Eigeninitiative Kontakt zu ihnen auf und erreichten, dass die Region von weiteren Kampfhandlungen verschont blieb.

Obwohl Pastor Friedrich Ohlmer vordergründig vergleichsweise gut durch den Krieg kam, ging dieser keineswegs spurlos an ihm vorüber. Bedingt durch die hohe Arbeitsbelastung erkrankte er schwer und wurde nach einem Zusammenbruch in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Er starb 1958 an seiner Herzerkrankung.

Private NS-Kontakte bleiben ein Widerspruch

„Friedrich Ohlmer stand dem NS-Regime und seiner Ideologie ablehnend gegenüber, wie man aus zahlreichen Hinweisen in den Briefen und seinen kritischen, distanzierten und teilweise ironischen Umgang mit den ideologischen Begriffen ersehen kann“, resümiert Marten Hagen, der Herausgeber der Briefe.

In seinem privaten Umfeld sah der Pastor das mit der kritischen Distanz weniger eng. So pflegte er ein freundschaftliches Verhältnis zum ranghöchsten NSDAP-Funktionär seiner Kirchengemeinde, zu Theodor Trauernicht. Der war bereits im Februar 1931 in die Partei eingetreten und bekleidete verschiedene Ämter, unter anderem als Kreisbauernführer. Auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs blieb er seiner nationalsozialistischen Gesinnung treu und saß für die rechtsradikale Sozialistische Reichspartei bis zu deren Verbot 1952 durch das Bundesverfassungsgericht im Landtag. Im Entnazifizierungsverfahren, bei dem Friedrich Ohlmer einer seiner Fürsprecher war, hatte man Trauernicht als „Mitläufer“ eingestuft.

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