Stuttgart Cem Özdemir im Porträt: Das Erfolgsgeheimnis hinter seiner fulminanten Aufholjagd
Cem Özdemir hat die Sensation geschafft: Er hat als erstes Gastarbeiterkind eine Landtagswahl gewonnen. Wie hat der Grünen-Politiker das geschafft?
Es begann wenige Wochen vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg. Plötzlich drehte sich etwas. Der sicher geglaubte Vorsprung der CDU mit ihrem Spitzenkandidaten Manuel Hagel schmilzt dahin. In der CDU, wo sie schon lange der Meinung sind, dass die langjährige Regierungszeit des Ausnahme-Grünen Winfried Kretschmann nur ein Betriebsunfall in der eigentlich konservativ geprägten Geschichte im Ländle war, liegen die Nerven blank. Plötzlich sieht es nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen aus. Der „Cem“-Faktor zieht.
Es sah so aus, als könnte Cem Özdemir, 60 Jahre alt, Sohn türkischer Gastarbeiter und Grünen-Urgestein, in die Staatskanzlei von Stuttgart ziehen. Und tatsächlich: Die Grünen gewannen mit hauchdünnem Vorsprung die Landtagswahl. Gegen den Bundestrend und die schwindende Bedeutung der Grünen, trotz der wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die das einst prosperierende Bundesland im Süden erfasst haben. Wie hat er das geschafft?
Cem Özdemir ist ein Phänomen, das man versteht, wenn sich die Schlaglichter seiner langen politischen Karriere vor Augen führt. Özdemir bezeichnet sich als „anatolischer Schwabe“ und dahinter steckt mehr als eine Koketterie. 1965 wurde er im beschaulichen Städtchen Bad Urach als Kind von Gastarbeitern geboren. Der Vater arbeitete in einer Textilfabrik im Schwarzwald, später in der Produktion von Feuerlöschern, seine Mutter betrieb eine Schneiderei. Für die Familie wurde der Traum von einem besseren Leben in Deutschland wahr.
Der Aufstieg Baden-Württembergs zur prosperierenden Industrieregion ist Teil seiner Familiengeschichte. Integration funktionierte, weil man gemeinsam bei Daimler und Bosch am Band „schaffte“. Hinzu kam bei Özdemir eine engagierte Lehrerin, von der er oft erzählt. Ohne ihre Unterstützung, so sagt er, wäre er nicht der Politiker geworden, der er heute ist.
Vielleicht ist Özdemirs Beliebtheit im Südwesten vor allem damit zu erklären, dass er immer mehr Projektionsfläche als tatsächlicher Politikgestalter war und ist. Als Grünen-Parteichef im Gespann mit der längst vergessenen Simone Peter von 2013 bis 2018 war er letztlich nicht erfolgreich, setzte aber oft den Ton in wichtigen gesellschaftlichen Debatten.
Von seiner Zeit als Bundeslandwirtschaftsminister der Ampel-Koalition ist kaum Entscheidendes in Erinnerung. Irgendwie schaffte es Özdemir sogar, dass die Bauernproteste nach der Streichung der Agrardiesel-Subventionen sich nicht etwa gegen ihn, sondern gegen seinen Parteifreund Robert Habeck und Kanzler Olaf Scholz richteten.
Seine Bekanntheit und seine Glaubwürdigkeit eroberte er sich nicht auf den Politikfeldern, für die er zuständig war. Seine Warnungen vor Naivität im Umgang mit religiösen Fundamentalisten des Islam stießen bei seinen Grünen nicht immer auf Begeisterung. In Deutschland ist er einer der bekanntesten Kritiker des türkischen Präsidenten Erdogan, was ihm in der türkischen Community nicht wenige übel nehmen.
Im vergangenen Jahr beschrieb er in einem persönlichen Gastbeitrag Belästigungen von jungen Frauen durch Migranten als ernst zu nehmendes Problem. Viele Grüne fanden das rassistisch. Als die Ampel-Regierung damals ihre Kabinettsposten verteilte, fanden andere, Özdemir würde einen guten Bundesinnenminister abgeben. Er wurde es bekanntlich nicht.
Özdemir, der ein brillanter Redner sein kann, vermag es, den Deutschen gelegentlich besser zu erklären, wer sie sind und was sie zu verlieren haben, als sie selbst. Den perfekt assimilierten Ausländer stellt man sich vielleicht wie Cem Özdemir vor.
Hinzu kommt, dass er humorvoll ist und Menschen für sich einnehmen kann. Vor 20 Jahren erzählte er vor Journalisten noch, dass ihm als Türke mit Misstrauen begegnet werde. Özdemir nahm die Vorurteile nicht persönlich. „Aber dann merken sie recht schnell, dass ich nicht gleich den Krummsäbel zücke.“ Özdemirs Lebensgeschichte ist auch die Geschichte der modernen Bundesrepublik, in der Einwanderergeschichten Normalität geworden sind.
Mit der Wucht seiner politischen Erfahrung hat er nun nach dem Ministerpräsidentenamt in Baden-Württemberg gegriffen. Er war schon Europaparlamentarier, Spitzenkandidat der Grünen, Bundestagsabgeordneter, Bundesminister. Fast noch länger ist die Liste der Posten, für die er bereits gehandelt wurde, sie aber nie bekam. Ministerpräsident von Baden-Württemberg ist das Amt seines Lebens. Da schließt sich ein Kreis.
Özdemir ist nicht ohne Makel, sein Weg in der Spitzenpolitik ist mit Rückschlägen gepflastert. Fast wäre seine politische Karriere 2002 im Zuge einer Affäre um privat verwendete Flugbonusmeilen beendet gewesen.
Özdemir trat danach von allen Ämtern zurück und für eine Weile in die zweite Reihe. Traumergebnisse hat er bei Grünen-Parteitagen nie erzielt. Özdemir war in der Bevölkerung immer beliebter als in der eigenen Partei.
Seine zweite Hochzeit mitten im Wahlkampf mit der Juristin Flavia Zaka war ganz sicher nicht nur Ausdruck einer unaufschiebbaren Lebensentscheidung. Özdemir ließ sich im Februar ausgerechnet von dem bei den Grünen in Ungnade gefallenen, aber von vielen Menschen im Ländle noch geschätzten Boris Palmer trauen. Mehr Distanz zur eigenen Partei hätte er in keiner Wahlkampfrede der vergangenen Woche demonstrieren können.
Und so ist auch die erstaunliche Aufholjagd zum eher unbekannten CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel zu erklären. Ausgerechnet in der womöglich schwersten Krise, die die Automobilbranche in Stuttgart erfasst hat, wurde erneut ein Grüner zum populärsten Spitzenkandidaten. Winfried Kretschmann hat mit seinem überparteilichen Regierungsstil dafür den Weg geebnet. Die Grünen hinter Özdemir sind zwar in Baden-Württemberg im Zuge der sich anbahnenden Nach-Kretschmann-Ära nach links gerückt. Der „Cem“-Faktor aber scheint über jeden Zweifel erhaben.