Hamburg  Corny Littmann: „Lobeshymnen gern auf meiner Trauerfeier – vorher nicht“

Markus Lorenz
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Von Markus Lorenz
| 06.03.2026 17:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Cornelius „Corny“ Littmann ist Regisseur, Schauspieler, Theatermacher und erfolgreicher Geschäftsmann auf St. Pauli. Er hat die Reeperbahn in den vergangenen vier Jahrzehnten geprägt wie kaum ein anderer. Foto: Gregor Fischer/dpa
Cornelius „Corny“ Littmann ist Regisseur, Schauspieler, Theatermacher und erfolgreicher Geschäftsmann auf St. Pauli. Er hat die Reeperbahn in den vergangenen vier Jahrzehnten geprägt wie kaum ein anderer. Foto: Gregor Fischer/dpa
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Die vielleicht bekannteste Straße in Deutschland feiert 400. Geburtstag. Corny Littmann hat die Reeperbahn Ende der 80er Jahre wachgeküsst. Im Interview blickt der 73-Jährige auf die „sündige Meile“. Sieht er sich selbst als „König vom Kiez“?

Frage: Herr Littmann, erinnern Sie sich, wann Sie das erste Mal auf die Reeperbahn gekommen sind?

Antwort: Ende der 70er Jahre. Ich habe ab dann an verschiedenen Stellen auf St. Pauli gelebt. Lange Zeit in der Hopfenstraße, direkt gegenüber der Herbertstraße.

Frage: Wie war damals die Stimmung auf dem Kiez?

Antwort: Ich erinnere mich gut an die 80er Jahre. Helmut Schmidt sagte damals: „Der Hamburger geht nicht auf die Reeperbahn“. Das lag daran, dass es von Peepshows und merkwürdigen Lokalitäten nur so wimmelte. Es gab ein einziges Theater, das St. Pauli Theater, mit Freddy Quinn und Marika Rökk. Die Entertainment-Szene war relativ eindimensional und touristisch, mit wenigen Einheimischen.

Frage: Aber es hat Sie fasziniert?

Antwort: Es gab Stellen, die mich fasziniert haben. Zum Beispiel die Imbissstube „Heiße Ecke“. Da war ich oft, vor allem wegen der Servicekraft Ella. Sie hatte das Herz auf der Zunge und begrüßte jeden auf eine Art, die nah an einer Beleidigung war. Wurst habe ich da nie gegessen, nur Kaffee getrunken. Der war nicht von der allerbesten Sorte, aber gerade noch genießbar. Ich habe mich sehr wohlgefühlt…

Frage: … so wohl, dass Sie daraus ein Musical gemacht haben.

Antwort: Stimmt. Wir spielen die „Heiße Ecke“ seit 2003 im Schmidts Tivoli. Es ist das erfolgreichste deutsche Musical aller Zeiten. Wir haben gerade den drei­millionsten Besucher begrüßt.

Frage: Das Stück ist Ihre Liebeserklärung an das Leben auf der Reeperbahn. Warum nehmen Sie darin eigentlich die Pinneberger auf die Schippe?

Antwort: (lacht) Man kann sich den Humor nicht immer aussuchen. Die Pinneberger sind nun mal für die Hamburger ein beliebtes Objekt des Lästerns und sich Amüsierens. Das wissen die Pinneberger aber auch und können gut damit leben.

Frage: Gefällt Ihnen die Reeperbahn heute besser als vor 40 Jahren?

Antwort: Die Reeperbahn hat gewonnen, besonders am Spielbudenplatz. In den 80ern war das eine tote Ecke, nur das St. Pauli Theater und das Operettenhaus waren belebt, dazwischen war Niemandsland. Das hat sich in den letzten 40 Jahren radikal geändert. Heute ist es der lebendigste innerstädtische Platz Hamburgs. Die Große Freiheit hingegen hat ein ganz anderes, lauteres Publikum, eher auf Diskotheken ausgerichtet. Es gibt heute für verschiedene Zielgruppen unterschiedliche Straßen und Lokalitäten.

Frage: Haben Sie mit der Gründung des Schmidt Theaters 1988 den Anstoß für die Rettung der Reeperbahn gegeben?

Antwort: Der Begriff Retter ist mir fremd. Wir haben über die Jahre, zusammen mit anderen wie dem Klubhaus St. Pauli oder der Panik City von Udo Lindenberg, einen kulturellen Beitrag geleistet. Die Reeperbahn knüpft damit an alte Traditionen der 1920er und 1930er Jahre an, als es dort etwa 40 Theaterbetriebe gab. Diese Vielfalt ging durch die Zerstörung im Zweiten Weltkrieg verloren. Heute gibt es keinen Ort in Deutschland, der auf so wenig Platz so viel kulturelles Angebot hat.

Frage: Manche sagen, die Reeperbahn sei nicht mehr authentisch, eher Kulisse für Touristen und Junggesellenabschiede. Ist das so?

Antwort: Bei 25.000 Einwohnern im Stadtteil und 20 Millionen Besuchern pro Jahr kann es kein Viertel sein, das nur von St. Paulianern geprägt ist. Aber es gab und gibt immer wieder positive Entwicklungen, die zeigen, wie attraktiv die Reeperbahn ist. Zum Beispiel Kindertheater. Vor 15 Jahren hielten uns alle für verrückt, Kinder auf die Reeperbahn zu locken. Heute sind wir das erfolgreichste Kindertheater Hamburgs. Auch daran sieht man: Das Gefühl von früher, auf die Reeperbahn nur mit Bauchschmerzen oder Ängsten gehen zu können, ist längst Vergangenheit. Wir machen hier zeitgemäßes Volkstheater für ein sehr gemischtes Publikum.

Frage: Und die Zukunft? Wie geht’s auf der Reeperbahn weiter?

Antwort: Am Spielbudenplatz steht das Gelände der früheren Essohäuser seit Jahren leer, dort soll das Paloma-Viertel entstehen. Ich bin gespannt, befürchte aber, dass außer einem Musikklub wenig Kulturelles dabei sein wird. Was mir auf der Reeperbahn fehlt, ist außerdem die Kinokultur. Früher gab es hier viele kleine Kinos. Unter heutigen Bedingungen wird es schwer, wieder ein Programmkino zu etablieren. Das ist ein kultureller Verlust.

Frage: Macht Ihnen im Zusammenhang mit der Reeperbahn etwas Sorgen?

Antwort: In der Vergangenheit gab es bei Fußball-Welt- und Europameisterschaften Situationen mit rechtsradikalen Jugendlichen, die Betriebe bedroht haben. Es ist nicht ausgeschlossen, dass es wieder zu solchen Ausschreitungen rund um die Reeperbahn kommen kann. Die Befürchtung steht im Zusammenhang mit den politischen Entwicklungen in Deutschland, Stichwort AfD. Aber: Ich bin doch überzeugt, dass die Reeperbahn und die Stadt gegen solche Entwicklungen resilient bleiben. Hamburg ist eines der wenigen Bundesländer, in denen die AfD auf weniger als zehn Prozent Wählerstimmen kommt.

Frage: Gibt es einen Ort auf dem Kiez, an dem Sie besonders gern sind – außer in Ihren eigenen Theatern?

Antwort: In der Schwulenkneipe „Wunderbar“ in der Talstraße, die ich 1991 übernommen habe. Und es gibt noch einen Ort, und der ist vielleicht überraschend: die katholische St. Joseph-Gemeinde, am Ende der Großen Freiheit gelegen. Der Pfarrer ist mein Freund Karl Schultz, mit dem ich mich häufig treffe und sehr gern austausche.

Frage: Aber katholisch sind Sie nicht geworden?

Antwort: Ich bin konfessionslos, und zwar aus Überzeugung.

Frage: Gibt es Ecken auf St. Pauli, die Sie meiden, etwa aus Angst?

Antwort: Ich meide die Große Freiheit am Wochenende nachts um 3 oder 4 Uhr. Aber nicht, weil ich Angst habe, sondern wegen der vielen alkoholisierten jungen Menschen, die entsprechend unberechenbar sind.

Frage: Man nennt Sie den „König vom Kiez“. Hören Sie das gern?

Antwort: Ich nehme das zur Kenntnis, und es ist schön, wenn die Menschen das so meinen. Aber die Lobeshymnen können gern auf meiner Trauerfeier gesprochen werden, vorher nicht. Ich brauche für mich selbst kein Etikett, das meine Arbeit würdigt.

Frage: Wie ist es mit dem Stern auf der Reeperbahn, den Sie bekommen sollen? Auch zu viel der Ehre?

Antwort: Das ist eine schöne Idee. Vor dem Klubhaus St. Pauli gibt es schon einen Stern für Udo Lindenberg. Eine Initiative möchte quasi nebenan vor dem Schmidt Theater einen Stern für mich im Bürgersteig verlegen lassen. Ich hoffe, es bleibt nicht der letzte und dass weitere Sterne für Menschen aus Kultur und Entertainment folgen werden.

Frage: Nach mehr als 40 Jahren auf der Reeperbahn: Haben Sie einen Wunsch für den Kiez?

Antwort: Ich wünsche mir, dass die Reeperbahn in Bewegung bleibt. Dass immer wieder Neues entsteht und die Reeperbahn auf der Höhe der Zeit ist. Denn Stillstand wäre das Negativste für St. Pauli. In 400 Jahren hat sich die Reeperbahn unendlich viel bewegt, und ich wünsche mir, dass diese Dynamik erhalten bleibt.

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