Osnabrück Werden Menschen bald 120 Jahre alt? „Ja, es ist möglich!“, sagt dieser deutsche Spitzenforscher
Die Altersforschung steht kurz davor, das Rätsel um ein langes und gesundes Leben zu knacken. Im Clasen Talk verrät Spitzenforscher Björn Schumacher, wie man dank der DNA-Forschung 120 Jahre alt werden kann, wie die Abnehmspritze dabei hilft und warum das Gesundheitssystem ein Umdenken braucht.
Wie alt können Menschen werden? Und wie führen sie nicht nur ein langes, sondern auch ein gesundes Leben? Dr. Björn Schumacher hat darauf eine klare Antwort. „Bei 120 scheint das Limit der menschlichen Lebensspanne zu sein, aber bis dahin ist es durchaus möglich zu leben.“ Im Clasen Talk gibt sich der renommierte Altersforscher und Leiter des Kölner Instituts für Genomstabilität bei Alterung und Krankheit überzeugt: Wir können das Altern nicht nur verstehen, sondern mithilfe der Wissenschaft aktiv hinauszögern.
Das Altern entwickle sich zunehmend zu einer zentralen Herausforderung der Menschheit. In der Gruppe der über 65-Jährigen sei bereits mehr als die Hälfte chronisch krank, berichtet der Forscher. Viele leiden an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder anderen Krankheiten, die mit zunehmendem Alter auftreten. „Wir rasen mit einer erheblichen Geschwindigkeit auf einen Punkt zu, an dem ein großer Teil unserer Gesellschaft chronisch krank sein wird“, warnt er. Die Folge: Immer mehr Pflegefälle, mehr Krankenhausaufenthalte und mehr Menschen, die dauerhaft medizinische Hilfe brauchen.
Erst dann werde das Gesundheitssystem aktiv. Zu spät, findet Schumacher. „Im Moment ist unser Gesundheitssystem eigentlich ein Krankheitssystem.” Dabei wäre ein anderer Ansatz möglich. „Was eigentlich unser Ziel sein sollte, ist, die Krankheiten gar nicht erst entstehen zu lassen. Das ist möglich, das wissen wir, aber wir müssen es auch umsetzen.“ Statt eine Krankheit nach der anderen zu behandeln, müsse die Medizin früher ansetzen und zwar beim Alterungsprozess selbst. Prävention statt Reaktion, so fordert es der Altersforscher.
Altern sei dabei nichts anderes als die Beschädigung der Zellen. Junge Organismen können sie noch gut reparieren. Doch mit zunehmendem Alter lasse diese Fähigkeit nach. Schäden bleiben bestehen, Zellen können sich nicht mehr regenerieren: Der Mensch bekommt Falten, wird gebrechlicher, Krankheiten entstehen.
„Unsere DNA-Reparatur ist nur für unsere traditionelle Lebensdauer gemacht“, erklärt Schumacher. Früher wurden die Menschen meist 30 bis 40 Jahre alt. Für diesen Zeitraum sei der menschliche Körper biologisch optimiert. „Alles, was danach kommt, dafür sind wir Menschen eigentlich überhaupt nicht gemacht.“ Bestimmte Faktoren beschleunigen den Prozess zusätzlich. Schumacher nennt vor allem das Rauchen: „Wenn Sie unbedingt früher altern und früh krank werden wollen, ist Rauchen die Empfehlung“. Aber auch ungesunde Ernährung und zu wenig Bewegung lassen den Körper schneller altern.
Gleichzeitig gebe es in der Forschung immer mehr Erkenntnisse, wie ein langes und gesundes Leben möglich sei – theoretisch sogar bis zu 120 Jahren. Schon sogenannte „Super Ager“, also Menschen, die über 100 Jahre alt sind, zeigen laut Schumacher, dass ein langes und gesundes Leben biologisch möglich sei.
Björn Schumacher und sein Team der Universität Köln haben bereits 2023 einen sogenannten Masterregulator der DNA-Reparatur entdeckt. Dabei handelt es sich um ein Molekül, das beschädigte Zellen wieder reparieren kann. Damit soll auch in späteren Lebensjahren ermöglicht werden, dass der Körper selbst seine Zellen heilt. In Zukunft könnte diese Entdeckung ein wichtiger Schritt sein, um altersbedingte Erkrankungen wie Krebs einzudämmen. Damit stehe die Altersforschung kurz davor, an die Ursache des Alterns selbst heranzugehen.
Zudem würde in New York bereits klinisch getestet, wie man durch Zell-Reprogrammierung gewonnene Nervenzellen einsetzen kann, um die durch Parkinson verloren gegangenen Gehirnfunktionen wiederherzustellen. Laut Schumacher ein Beispiel dafür, wie man altersbedingte Krankheiten durch die Verjüngung von Gewebe heilen könnte.
Auch die Medizin könne heutzutage viel zu einem langen und gesunden Leben beitragen. Innovative Medikamente, die ursprünglich aus der Diabetesforschung stammen, wirken offenbar auf den gesamten Körper. Gegenüber Moderator Michael Clasen verweist Schumacher auf die Abnehmspritze mit dem Wirkstoff Semaglutid. Sie sorge nicht nur dafür, dass Menschen Gewicht verlieren. Studien zeigen auch, dass sie vor Herz-, Nieren- und anderen Erkrankungen schützen kann. „Das ist wirklich ein Paradigmenwechsel, dass wir eben nicht erst warten müssen, bis der Schlaganfall da ist, sondern vorher schon die Risiken senken können“, meint Schumacher. Der Fortschritt der Altersforschung sei sensationell.
Trotzdem kritisiert der Experte das bisherige System in Deutschland. Die Umsetzung bleibe weit hinter den Möglichkeiten der Forschung zurück. Während in anderen Teilen der Welt große Summen in den Bereich Langlebigkeit fließen, sei Deutschland zurückhaltender. „Unsere Gesellschaft altert rasant“, sagt Schumacher. Deshalb brauche es jetzt mehr Mut, die Erkenntnisse aus der Wissenschaft auch praktisch anzuwenden.
Andere Länder hätten diese Entwicklung bereits erkannt. Im amerikanischen Silicon Valley etwa fließe viel Kapital in die Langlebigkeitsforschung. Zum Beispiel Amazon-Gründer Jeff Bezos habe bereits drei Milliarden Dollar investiert, um in den Bereich der Genmedizin und Alternsforschung einzusteigen. Auch China investiere massiv in den Bereich. „Aber auch wir haben das Hirn und die Wissenschaft, wir können das auch schaffen“, sagt Schumacher. „Wenn wir denn die Zuversicht mitbringen.“
Ein zentrales Problem sei die öffentliche Wahrnehmung, kritisiert Schumacher. Schuld seien unter anderem die Medien. In der Öffentlichkeit stoße die Arbeit in allen Altersklassen auf großes Interesse, finde in der Berichterstattung aber kaum Würdigung. „Dass das in den Medien so wenig vorkommt, ist ein Skandal.“
Wie diese Umgestaltung aussehen könnte, da hat der Forscher der Kölner Universität bereits eine konkrete Vorstellung. Es brauche weniger Bürokratie, mehr Startups, die einen Fokus auf Langlebigkeit legen sowie Präventionszentren für die breite Öffentlichkeit. Dort könne das biologische Alter der Personen mittels Biomarkern gemessen und konkrete Risiken frühzeitig erkannt werden. Auf die Frage, wann all dies in Deutschland Realität werden könnte, hält sich Schumacher allerdings bedeckt. „Das hängt von uns ab“, sagt er.
Schumacher sieht in der Bekämpfung des Altersprozesses die Zukunft der Ökonomie und Gesellschaft. Der demografische Wandel stelle viele Länder vor ähnliche Herausforderungen – egal ob China, Japan oder Deutschland. Sein Appell: Man müsse auch hier das Thema Langlebigkeit stärker in den Mittelpunkt rücken, in Politik, Wirtschaft und auch in den Medien. „Nur so können wir in der Zukunft unseren Wohlstand, unsere Gesundheit und unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt bewahren.“