Berlin  „Leben Sie!“ – das überraschende Vermächtnis von Guido Westerwelle

Rena Lehmann
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Von Rena Lehmann
| 18.03.2026 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Guido Westerwelle bei seinem ersten und letzten öffentlichen Aufritt nach seiner Leukämie-Erkrankung. Bei „Günther Jauch“ sprach er offen über seine Erkrankung. Foto: Karlheinz Schindler
Guido Westerwelle bei seinem ersten und letzten öffentlichen Aufritt nach seiner Leukämie-Erkrankung. Bei „Günther Jauch“ sprach er offen über seine Erkrankung. Foto: Karlheinz Schindler
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Vor zehn Jahren starb der FDP-Politiker Guido Westerwelle an Krebs. Er hat Wahlkampf neu erfunden und manche Debatte von heute bereits vorweggenommen.

Bei kaum einem Politiker klafft die öffentliche Meinung über ihn zu Lebzeiten und nach seinem Tod so auseinander wie bei Guido Westerwelle. Die sehenswerte TV-Dokumentation „Westerwelle“ zeigt ihn als empfindsamen und nachdenklichen Menschen. Sein persönlicher Ratschlag am Ende: „Glück ist die Freude an den einfachen Sachen. Leben Sie!“ In der Rückschau erfährt Westerwelle eine Anerkennung, die ihm zu Lebzeiten verwehrt blieb.

Westerwelle liebte den breitbeinigen Auftritt und die Provokation. Als er 2002 als Kanzlerkandidat der FDP ins Rennen ging, wurde er als „Kanzlerkandidat von Phantasialand“ und als „Pausenclown“ verspottet. „Westerwelle ist immer schlecht in der Öffentlichkeit angekommen. Er gab immer in den Medien ein Bild ab, das zu Kampf einlud“, sagte der Politikwissenschaftler Wichard Woycke 2010 über ihn.

Als die FDP mit Westerwelle an der Spitze 2009 ihr bestes Ergebnis von 14,6 Prozent einfuhr und eine schwarz-gelbe Koalition unter Angela Merkel möglich wurde, schien er all seine Kritiker Lügen zu strafen. „Mehr netto vom Brutto“ – sein Wunsch nach einer umfassenden Steuerreform mit breiten Entlastungen schien plötzlich vor der Umsetzung.

Doch es folgte stattdessen eine verunglückte Mehrwertsteuersenkung für Hotels, die ihm und seiner Partei das Image der Klientelpartei einbrachte. Und eine glücklose Regierungszeit, in der Angela Merkel den kleineren Koalitionspartner am langen Arm verhungern ließ, Westerwelle als Parteichef zum Rücktritt gedrängt wurde und seine FDP schließlich aus dem Bundestag flog. Zwischen Höhenflug und Hölle war es bei Westerwelle immer ein schmaler Grat.

Das von vielen Medien damals breit geteilte Urteil über die Liberalen als Partei der Besserverdienenden und der „sozialen Kälte“ schien seine Bestätigung zu finden, als Westerwelle in einem Gastbeitrag 2010 zur Forderung nach höheren Hartz-IV-Sätzen schrieb: „Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein.“ Wochenlang dominierte er damit die Schlagzeilen. „Ihr kauft mir den Schneid nicht ab“, sagte er damals den Journalisten.

Die Debatte um die Reform der Reform des Bürgergeldes heute ähnelt dem Streit von damals geradezu verblüffend. „Guido Westerwelle hat früher als andere erkannt, dass die Grundlagen unseres Wohlstandes auch durch eine falsche Einstellung verspielt werden können. Dafür wurde er von vielen verlacht und verkannt“, meint Ex-FDP-Chef Christian Lindner heute. „Für mich bleibt das eine dauerhaft wirkende Aufforderung.“

Auch als Außenminister erwarb sich Westerwelle früh den zweifelhaften Zusatztitel „umstritten“. Es begann mit seiner Weigerung, in einer Pressekonferenz auf Englisch zu antworten, und endete mit breiter Kritik an seiner Entscheidung, ein internationales Eingreifen der westlichen Mächte in Libyen 2011 nicht zu unterstützen.

„Bruder Leichtfuß“ wurde er genannt. Ein Aufatmen ging durch die politischen Kommentarspalten, als Frank-Walter Steinmeier das Amt 2013 übernahm, dessen Bilanz wegen seiner arglosen Russland-Politik im Nachhinein viel kritischer aussieht als die von Westerwelle.

In mancher Hinsicht war Westerwelle ein Pionier. Dass er mit dem „Guido-Mobil“ durch Deutschland tourte und das Bad in der Menge suchte, war die Vorwegnahme moderner Wahlkämpfe, wie sie heute alle Parteien machen. Sein Schuh mit dem Ziel 18 Prozent auf der Sohle war im Kampf um öffentliche Aufmerksamkeit aus heutiger Sicht ein Volltreffer. Westerwelle kam auf die Marktplätze, suchte das Bad in der Menge, lange bevor sich Robert Habeck an die Küchentische setzte.

Als „Spaßpartei“ wurde seine FDP unter Westerwelle verspottet. Heute hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Politik mit gestanzten Phrasen die Menschen nicht erreicht. Wie soll Politik Menschen begeistern, wenn die, die sie vertreten, selbst keinen Spaß daran zu haben scheinen?

Seine Entscheidung, sich 2011 bei der UN-Resolution für ein militärisches Eingreifen in Libyen zu enthalten, bezeichnete die FAZ damals als „diplomatischen Schadensfall höchsten Ausmaßes“. Im Nachhinein kann man es durchaus anders sehen: Libyen versank nach den Einsätzen in Bürgerkriegen und Chaos, der gewünschte Regime-Change misslang.

Durch seinen offenen Umgang mit seiner Leukämie-Erkrankung 2014 hat Guido Westerwelle große Anteilnahme erfahren. Er selbst, so wird es im Film über sein Leben deutlich, war sehr berührt und überrascht von der großen Zahl an Menschen, die sich für eine Stammzellspende registrieren ließen. Erst zum Ende seines Lebens lernten viele Westerwelle als den zweifelnden und empfindsamen Menschen kennen, der er vermutlich auch vorher schon gewesen ist, der sich aber selten zeigte.

Sein Vermächtnis ist die „Westerwelle Foundation“, die Unternehmer in ärmeren Ländern unterstützt, um „gleiche Chancen für alle“ zu eröffnen. Anders als oft geschrieben, war Westerwelle ein echter Menschenfreund und hatte die Zuversicht, die – wie es scheint – heute vielen abhandengekommen ist.

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