München VAR-Debatte: Aytekin kontert heftige Schiedsrichter-Kritik von Uli Hoeneß
Nach der harten Schiedsrichter-Schelte von Uli Hoeneß bricht Deniz Aytekin eine Lanze für seine Kollegen. Der Referee warnt vor einer gefährlichen Entwicklung, die vor allem den Nachwuchs vor enorme Probleme stellt und ihn zum Karriereende zwingt.
Bundesliga-Referee Deniz Aytekin spricht offen über die Schattenseiten seines Jobs. Er warnt vor einer gefährlichen Entwicklung in den Stadien – und erklärt, warum der Videoassistent (VAR) das Problem sogar verschärft. Nach der harten Kritik von Uli Hoeneß am Wochenende bricht Aytekin eine Lanze für seine Kollegen. Der 47-Jährige, der seine aktive Karriere im Sommer beenden wird, findet deutliche Worte für die überzogene Erwartungshaltung an den VAR.
Die jüngste Kritik von Bayern-Ehrenpräsident Uli Hoeneß an Schiedsrichter Christian Dingert wies Aytekin entschieden zurück. Hoeneß hatte Dingerts Leistung als die „schlechteste Schiedsrichterleistung, die ich je gesehen habe“ bezeichnet. Aytekin mahnte zur Vorsicht bei solchen verbalen Angriffen: „Je größer die Persönlichkeit ist, desto mehr trifft es nicht nur den Einzelnen, sondern alle Schiedsrichter“, sagte er bei DAZN.
Dingert selbst bezeichnete er als einen herausragenden „Schiedsrichter, der sehr viel erreicht hat“. Die scharfen Worte aus München ordnete er als Affekthandlung ein. Er sei sicher, dass „Uli Hoeneß es in der Art und Weise nicht so gemeint hat.“ Dennoch bleibe der Druck auf die Unparteiischen enorm, da sie oft als Blitzableiter für den Frust der Vereine dienten: „Je größer der Druck und die emotionale Belastung zu spüren sind, desto mehr wird jemand gesucht, auf den dieser Druck abgeschoben werden kann. Da sind wir das schwächste Glied“, erklärte Aytekin zuvor in einem Interview mit der „Frankfurter Rundschau“.
Ein zentraler Punkt in Aytekins Analyse ist das gestörte Verhältnis zum technischen Fortschritt. Er beobachte eine Entwicklung, in der selbst unbestreitbare Faktenentscheidungen abgelehnt würden. „Ganz viele Menschen akzeptieren den technischen Fortschritt nicht. Das ist absurd“, erklärte er der „Frankfurter Rundschau“. Während man früher zentimetergenaue Abseitsentscheidungen hingenommen habe, herrsche heute eine neue Dynamik der Ablehnung.
Besonders kritisch sieht Aytekin den Umgang mit dem Schiedsrichternachwuchs: „Es ist interessant zu beobachten, dass Trainer stets wissen lassen, junge Spieler dürften Fehler machen. Warum wird eine solche Fehlertoleranz jungen Schiedsrichtern nicht zugestanden? Warum wird da gleich die verbale Keule ausgepackt?“
Referee Aytekin, der zusammen mit Patrick Ittrich, Tobias Welz und Frank Willenborg zum Saisonende aufhört, begründet seinen Rückzug auch mit der psychischen Belastung. Die Anforderungen seien massiv gestiegen und die Stimmung eskaliere gefühlt jedes Wochenende. „Man braucht wahnsinnig viel innere Stabilität, um mit all dem Hass, den Beleidigungen und Drohungen umzugehen“, gab er im Interview zu. Gerade junge Schiedsrichter hätten es schwer, „diese teilweise menschenverachtenden Äußerungen auszuhalten“.
Trotz der Liebe zum Sport sehe er die physiologischen und kognitiven Grenzen erreicht. Ein Spiel mit 22 Profis zu leiten, sei eine enorme Herausforderung, sagte er bei DAZN: „Da kommst du physiologisch an deine Grenzen.“
Für die Zukunft plane Aytekin, mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen, die jahrelang zurückstehen musste. Nach seiner aktiven Laufbahn schließe er aber eine beratende Rolle beim DFB oder eine Tätigkeit als TV-Experte nicht aus, wobei er Wert darauf lege, Schiedsrichter auch bei Fehlern gesichtswahrend zu behandeln.