Osnabrück Boßeln, nur eine Sauftour? Wie man dieses Nord-Ritual lieben lernt
Außerhalb Norddeutschlands tun sich viele Menschen schwer mit dem Brauch des Boßelns. Eine Kugel über die Landstraße rollen und mit dem Bollerwagen hinterherlaufen: Geht es da nicht nur ums Saufen? Wie man den Zauber versteht – eine Gebrauchsanweisung.
Nach meiner Erfahrung gibt es zwei Arten von Menschen, die vom Land kommen. Die einen finden, dass auf dem Land nichts los ist, und sind deshalb schon vor Jahren nach Berlin gezogen oder träumen davon. Die anderen haben durchaus auch schon gemerkt, dass es auf dem Land keine KaDeWes, keine Adele-Konzerte und keine Filmstar-Partys gibt, vermissen es aber auch nicht. Weil ihnen das Wenige, was bei ihnen zu Hause dann eben doch stattfindet, mindestens genauso viel Spaß macht.
Im Zweifel fühlen sich die Attraktionen auf dem Land sogar origineller, exotischer, exklusiver an als irgendeine olle Berlinale-Premiere, bei der die Leute zu Hunderten am Zaun stehen. Wie viele Großstädter könnten von sich zum Beispiel behaupten, schon mal anständig geboßelt zu haben?
Beim Boßeln, man weiß es, geht es darum, eine ungefähr kokosnussgroße Kugel mit möglichst wenigen Würfen eine Landstraße entlangzurollen. Zwei Mannschaften ziehen der Kugel mit einem Getränkebollerwagen nach, wer aufs Klo muss, geht in die Büsche oder klingelt bei einem Hof am Wegesrand, und am Ende kehrt man in einem Heuerhaus ein zum Grünkohlessen. Ein Naturerlebnis wie beim Golf, Gemeinschaft wie in der Dorfkneipe und Brauchtumspflege wie im Trachtenverein: Boßeln ist Heimat, weil es quasi keinerlei Nachteile hat. Nur: Gerade das wollen manche leider nicht wahrhaben.
Das Ganze steht nämlich unter Sauftourverdacht, wie ja überhaupt das meiste, was man bei uns im ländlichen Norden unternehmen kann. „Da, wo ich geboren bin, trinkt man gerne Bier. Am liebsten mit einem Korn“, hat Heiner Wilmer, der neue Vorsitzende der katholischen deutschen Bischofskonferenz, mal in einem Buch geschrieben – der ist auf einem Bauernhof aufgewachsen, der von meinem Zuhause nur eine halbe Stunde entfernt ist. Klar, so ist das auch.
Ich würde trotzdem sagen: Beim Boßeln geht es auf jeden Fall gesitteter zu als, sagen wir, beim Straßenkarneval im Rheinland oder beim Münchner Oktoberfest. Das sind auch regionale Festbräuche, die in dieselbe Jahreszeit fallen, bei denen aber gleich ganze Stadtviertel im Chaos versinken. Der Center Court des Boßelns dagegen ist der Schleichweg, wo es außer den Kühen kaum jemand mitbekommt.
Es liegt aber auch am Menschenschlag. Obwohl viele der Spieler ohne Weiteres einen Trecker organisieren könnten, fahren sie nicht mit irgendwelchen riesigen Motto-Anhängern durch die Gegend, um gegen Trump oder den Bundeskanzler zu demonstrieren. Sie haben kein Mitteilungsbedürfnis und keinen Missionseifer. Noch wenn er blau ist, zieht der Boßler einfach treu und brav seinen Wagen hinter sich her wie ein Großmütterchen ihren Einkaufsroller und tut keiner Feldmaus was zuleide. Er ist diskret noch im Exzess.
Zugleich ist das Boßeln eine geradezu Zen-hafte Antwort auf den ewigen Leistungsdruck in der Gesellschaft. Den spürt man bei anderen Gelegenheiten ja durchaus auch bei uns auf dem Land: Beim Fußballspiel der Jugendmannschaft können am Spielfeldrand schnell zwei Väter aneinandergeraten, wenn der eine ein Foul gesehen hat und der andere nicht. Aber wenn dieselben Männer sich ein paar Tage später beim Boßeln wiedersehen, gehen sie höchstens noch aufeinander los, um sich in den Arm zu nehmen.
Weil es ja um nichts geht! Jede Maumau-Runde mit den eigenen Kindern ist umkämpfter als ein normaler Boßelnachmittag. Ich meine: Es gibt wohl auch richtige Boßelturniere, Ligen und Tabellen, aber wenn ich Stress haben will, kann ich auch ins Büro gehen. Bei den Boßeltouren, die ich miterlebt habe, wurden die Würfe jedenfalls nur äußerst beiläufig, ja geradezu lustlos mitgezählt – darum ging es gar nicht.
Das Wildeste, was passieren konnte, war, dass die Kugel in den Graben rollte und einer den Kescher nehmen musste. Ist aber auch fast nie passiert. Und wer am Ende wirklich die wenigsten Würfe gebraucht hat, wird Boßelkönig und muss das Boßeln im nächsten Jahr organisieren: Das ist gewissermaßen das Gegenteil von Gewinnen.
Ja, es gibt dabei weniger zu sehen als im KaDeWe. Adele singt nur aus dem Bluetooth-Lautsprecher. Und Filmstars sind hier so wahrscheinlich wie ein Bollerwagen nur mit Bionade (wobei, wer weiß: letztes Jahr ist Hollywoodstar Ewan McGregor überraschend auf einem Schützenfest bei Cuxhaven aufgetaucht; zumindest auf den sollte man unterwegs gefasst sein). Man kann es aber auch so ausdrücken: Reizüberflutung sieht anders aus. Und auf die kann ich richtig gut verzichten.