Osnabrück  Windkraft-Betrüger Hendrik Holt verrät: In dieser Branche plant er sein Comeback

Lucas Wiegelmann
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Von Lucas Wiegelmann
| 17.03.2026 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 13 Minuten
„Im Gefängnis wird der Mann erkennen, ob er einer ist“: So zeigt sich der emsländische Unternehmer Hendrik Holt auf einem PR-Foto. Foto: Laurence Chaperon
„Im Gefängnis wird der Mann erkennen, ob er einer ist“: So zeigt sich der emsländische Unternehmer Hendrik Holt auf einem PR-Foto. Foto: Laurence Chaperon
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Windkraft-Betrüger Hendrik Holt aus dem Emsland kommt nach eigener Aussage in den kommenden Wochen aus der Berliner Haft frei. Ein Gespräch über Rangeleien mit Häftlingen, Vorzüge öffentlicher Bekanntheit – und den Plan für eine neue Unternehmerkarriere.

Hendrik Holt sitzt hinten im Rolls-Royce und kriegt die Tür nicht auf. Anscheinend ist die Kindersicherung noch drin, er hat ja eine kleine Tochter. Sein Fahrer springt raus, läuft einmal um die weiße Limousine herum und lässt seinen Chef vom Rücksitz ins Freie.

Für das Interview zu seiner offenbar bald bevorstehenden Entlassung und zum Start einer ARD-Doku über sein Leben hatte Holt eigentlich das Hotel Adlon vorgeschlagen: den Ort, an dem er im April 2020 verhaftet wurde. Weil aber das Gespräch auch für einen Podcast aufgezeichnet werden soll und es dort weniger Störgeräusche gibt, war er einverstanden, sich am Berliner Standort dieser Redaktion in Prenzlauer Berg zu treffen.

Der Mann, den sie den Windmacher nannten, hat mit seinen bald 36 Jahren noch immer ein jungenhaftes Gesicht. Es wirkt nur ein wenig fülliger als auf den Bildern vom Gerichtsprozess. Holt, zu acht Jahren Haft verurteilt wegen millionenschweren Betruges, kommt gerade nicht aus dem Gefängnis, sagt er, sondern vom KaDeWe, wo er mit seiner Familie den Nachmittag verbracht hat. Freigang. Er müsse nicht einmal mehr alle Nächte in der JVA Düppel in Berlin-Zehlendorf verbringen, nur noch unter der Woche.

Wie viel Zeit er für das Interview hat? „Keine Anschlusstermine.“ Das Gespräch wird dann eine Stunde dauern. Im Folgenden dokumentieren wir einen Auszug. Das vollständige Interview können Sie sich im Podcast „Windmacher – Der Fall Holt“ anhören.

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Frage: Herr Holt, es gibt das Sprichwort: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Sie sind einer der berühmtesten Lügner der deutschen Nachkriegsgeschichte. Wie ist Ihre Erfahrung: Trifft das Sprichwort zu?

Antwort: Nirgendwo wird so viel gelogen wie in Wirtschaft und Politik. In jeder Werbung wird gelogen. Es ist immer eine Frage der Trennschärfe: Wo fängt die echte Lüge an und wo ist es eben vielleicht nur ein bisschen der Euphemismus in der Sache oder der Versuch, sein Produkt an den Mann zu bringen? Wer das so auf die Spitze getrieben hat wie ich, dem wird viel mehr bewusst, wo eigentlich diese Trennung anfängt. Aber was das Sprichwort betrifft: Politikern wird vielleicht geglaubt oder auch nicht geglaubt, aber gewählt werden sie trotzdem. Deshalb denke ich, dass die Auswirkungen dessen weniger groß sind, gerade in der heutigen Zeit.

Frage: Aber in Ihrem privaten Umfeld, bei Freunden oder Verwandten: Vertrauen Ihnen die Menschen dort heute weniger als vorher?

Antwort: Das glaube ich nicht. Sicherlich gibt es den einen oder anderen, der mit mir weniger etwas zu tun haben möchte. Allerdings muss ich sagen: Das sind exakt die Leute, die früher auch nichts mit mir zu tun haben wollten. Und selbst unter den Leuten, die nicht unbedingt positiv behandelt wurden in der ganzen Sache, sagen manche heute: „Mensch, du warst jung. Hätte ich auch so gemacht, ist halt so.“

Frage: Im April 2020 sind Sie im Berliner Hotel Adlon festgenommen worden. Wie hat sich Ihr erster Tag im Gefängnis angefühlt?

Antwort: Für die Leute hat es oft den Anschein, dass ich materialistisch bin. Das ist ein Stück weit auch richtig, aber es ist nicht mein Innerstes. Ich bin eigentlich ein Mensch, der mit relativ wenig zufrieden ist. Für mich war der Unterschied im Gefängnis einfach, in meiner Verfügungsgewalt beschränkt zu sein. Das ist das, was ich wahrgenommen habe, weniger die Räumlichkeit oder die Baulichkeit. Das sind übrigens zum Teil historische Gebäude. Wenn wir nur mal das Gefängnis in Berlin-Moabit nehmen: Da gibt es auch sehr viel, was sehr sehenswert ist und was die meisten Leute gar nicht zu sehen bekommen. Das sind ja alles Bauten aus der Kaiserzeit.

Frage: Wie haben die Mithäftlinge auf Sie reagiert?

Antwort: Ich bin natürlich eine Form von Paradiesvogel im Verhältnis zu den Leuten, die sich üblicherweise in solchen Gefilden aufhalten. Es ist wichtig, da klare Verhältnisse zu schaffen. Da muss man sich dann schon mal durchsetzen, damit man auch eine Form von Abstand zwischen sich und gewisse Leute bringt. Ich bin ja gewohnt, sehr vernünftig zu sprechen. Das ist da an den Orten aber nicht der Fall. Da wird es dann schon mal rauer. Kann ich auch.

Frage: Was heißt das? Man muss dem anderen eins auf die Nase geben?

Antwort: Das haben Sie gesagt. Ich bin grundsätzlich jemand, der Gewalt ablehnt. Aber ja, es muss dann schon mal sein. Und das muss auch so nachhaltig sein, dass der andere sich das merkt. Im Gefängnis wird der Mann erkennen, ob er einer ist oder ob er zum Unterdrückten wird. Da kann man schön sehen: Trägt man die Stärke, von der man glaubte, sie zu haben, wirklich in sich? Ich bin da von mir nicht enttäuscht worden.

Frage: Es ist ja so ein klassischer Hollywood-Stoff, dass jemand ins Gefängnis kommt und dann auch eine persönliche Läuterung hat. Haben Sie sich da auch über die Bibel gebeugt und über Ihren Glauben nachgedacht oder sowas, muss man sich das so vorstellen?

Antwort: Ich mag vieles sein, aber auf jeden Fall kein Heuchler. Und diese Idee, man geht dann da rein und sucht dann seine Vergebung in Gott und schiebt im Grunde die eigene Verantwortung weiter … Ich habe ganz klar damals auch vor Gericht bekannt, dass es meine Verantwortung war. Ich wollte es so und habe dafür meine Strafe bekommen. Das ist der erste Schritt, die Sache zu verarbeiten und ehrlich anzunehmen. Ich finde, wenn ich so in die Welt gucke: Im Vergleich bin ich nicht der Schlimmste, der so rumläuft, auch damals nicht. Aber ich weiß natürlich, welche Grenze ich übertreten habe und zukünftig nicht mehr übertreten darf. Da muss Schluss sein.

Frage: Wie kann man die Grenze beschreiben?

Antwort: Es ist genau der Punkt, an dem Sie eindeutig das Gesetz übertreten. Grau ist grau, aber schwarz ist schwarz. Was wir gemacht haben, war nicht mehr grau. So einfach ist das. Das würde ich heute so ganz klar nicht mehr machen.

Frage: Als Sie das entschieden haben, jetzt überschreiten wir die Grenze: War das ein bestimmter Moment, oder gab es Wochen des Haderns, gab es durchwachte Nächte? Sitzt man da und fragt sich: Springe ich jetzt oder nicht?

Antwort: Das schon. Nur waren es nicht Nächte oder Monate, sondern ganz einfach gesagt: Es gab ein Portfolio, also eine Ansammlung von möglichen Projekten, das auf dem Tisch lag. Und dazu gab es dann eine Bieterrunde, auf die wir 50 Angebote bekamen und die alle jeweils zwischen 50 und 120 Millionen Euro lagen. Dann müssen Sie sich in die Lage des damals 26-jährigen Hendrik Holt hineinversetzen, der entscheiden kann: Will ich das jetzt haben oder will ich das nicht haben? Das sage ich auch oft Leuten, die fragen, wie konnte er nur? Dann sage ich, stell dir das mal vor, du bist 25 Jahre alt, dir gehört die Welt, so vom Gefühl. Und du sitzt da an deinem Tisch und jemand legt dir so ein Angebot vor. Da möchte ich denjenigen sehen, der Nein sagt.

Frage: Das eine Windparkprojekt, das damals wirklich realisiert worden ist, relativ zu Beginn, lag im emsländischen Schapen. Da ist auch eine Bauernfamilie namens Wilmer ansässig.

Antwort: Richtig, unser neuer Bischofskonferenz-Vorsitzender.

Frage: Heiner Wilmer, richtig. Können Sie seine Unterschrift auch fälschen?

Antwort: Tatsächlich war die Familie Wilmer Vertragspartner im Projekt, was aber eben ein echtes Projekt war, um das noch mal zu betonen. Da hatte ich mit dem Bruder zu tun. Sehr netter Mann. Wir haben den nicht übers Ohr gehauen, natürlich nicht: Wir sind legal in diese ganze Sache hineingekommen. Mit Heiner Wilmer hatte ich persönlich nicht zu tun. Ich weiß nicht mehr, wie da die Eigentumsverhältnisse lagen. Aber das Projekt hat mir viel Freude gemacht.

Frage: Wie geht es nun weiter für Sie? Wann werden Sie aus der Haft entlassen?

Antwort: Das kann jetzt jederzeit der Fall sein. Wir reden eher von Wochen als von Monaten. Es ist jetzt tatsächlich bald so weit.

Frage: Wie wird der erste Tag in Freiheit sein?

Antwort: Ich glaube, genau so, wie es jetzt schon ist. Ich bin ja schon im Oktober 2024 in den offenen Vollzug gekommen. Da ging es dann relativ schnell los mit diesen Lockerungen, auch wenn ich da noch nicht zu Hause übernachten durfte. Der wirkliche Punkt dieser gefühlten Form von Freiheit, der tritt ein, wenn Sie wieder raustreten und wenn Sie ein gewisses Umfeld haben und gewisse Möglichkeiten haben: Sie haben Autos, Sie haben eine Wohnung. Dann fängt das Leben relativ schnell an, wieder die gewünschte, wenn man aus meiner Sicht so sprechen kann, Normalität zu haben.

Frage: Wo werden Sie wohnen?

Antwort: Ich bin in unserer Berliner Wohnung sehr, sehr schön eingerichtet, in Berlin-Mitte. Da fühle ich mich wirklich wohl, habe alles in Laufweite. 500 Meter zum Adlon, 500 Meter zum Hotel De Rome. Das Stadtschloss ist nah, die Friedrichstraße ist 100 Meter entfernt.

Frage: Sie bleiben in Berlin?

Antwort: Auf jeden Fall. Hier wird auch diese ganze Sache anders aufgefasst. Diesen negativen Stempel gibt es nicht. Berlin ist so eine Stadt, die sagt, jeder hat seine Geschichte und jeder hat seinen Werdegang, und das wird weniger bewertet. Gehen wir jetzt ins konservative Emsland zurück: Ich will den Leuten das gar nicht übel nehmen. Aber die haben einfach eine andere Form von Lebensvorstellung.

Frage: Wann waren Sie das letzte Mal in Ihrer Heimatstadt Haselünne?

Antwort: Vor drei Wochen. Da habe ich meine Großmutter und die Familie meiner Frau besucht. Wir waren im Jagdhaus Wiedehage essen. War sehr schön.

Frage: Können Sie da einfach durch die Straßen laufen?

Antwort: Ja. Die Leute halten an auf der Straße, parken ihre Autos: „Das ist der Holt! Können wir ein Foto machen?“ Mehrfach passiert. Klar, da würde ich sicherlich mehr Gegner finden. Auf der anderen Seite: Den Haselünnern als solchen habe ich nichts getan. Ich habe die Stadt eher bekannter gemacht.

Frage: Was werden Sie künftig beruflich machen?

Antwort: Tja. Ich bin Unternehmer. Und das wird immer so bleiben. Es wird interessant, was wir dann sehen. Da würde ich heute noch nicht zu viel drüber sprechen wollen.

Frage: Aber es gibt unternehmerische Pläne?

Antwort: Klar. Es gibt auch viele Verbindungen, die im positiven Sinne auf mich aufmerksam geworden sind. Es gab zu jeder Zeit viele Anfragen, viele Ideen und Möglichkeiten. Aber ich wollte mir wenigstens während der Haftstrafe auch wirklich mal Zeit nehmen. Ich bin Vater geworden und wollte für die Familie da sein. Ich kenne das: Wenn es im Geschäft richtig losgeht, dann ist ja auch viel Dynamik da. Wenn das Reisen wieder losgeht, dahin fliegen, dorthin fliegen … Jetzt ist mal eine Phase, wo ich mir wirklich diesen Fokus nehmen konnte. Ich habe deshalb sehr, sehr viele Dinge einfach abgesagt.

Frage: Welche Branche interessiert Sie?

Antwort: Es ist nun mal so: Ich bin Experte im Bereich Energie und auch Infrastruktur. Da gehöre ich zu den wirklich guten Köpfen in diesem Land. Ich glaube, dass wir uns in der Branche wiedersehen werden. Es sind ja die Themen unserer Zeit.

Frage: Aber welche Behörde, welche Bank, welcher Geschäftspartner kann sich das denn leisten, zu sagen: Ich baue jetzt übrigens mit dem Holt?

Antwort: Das ist nur eine Frage des Geldes. Wenn genug Geld zu verdienen ist und die Expertise gebraucht ist, können die Leute sich gar nicht aussuchen, mit wem sie das machen. Der Markt ist weiter so geblieben wie damals, es hat sich eher noch verknappt. Wenn Sie da heute mit einem Projekt auf den Markt kommen, haben Sie nach wie vor 20 oder 30 Unternehmen, die das haben wollen. Okay, „das ist aber vom Holt“: Dann gibt es bestimmt zehn Firmen, die sagen, das wollen wir moralisch nicht verantworten …

Frage: … oder weil es halt nicht stimmt.

Antwort: Das können die ja prüfen! Da würde ich mich einer ganz gründlichen Due Diligence (Unternehmensprüfung; d. Red.) unterziehen lassen. Aber danach ist einfach die Frage: Wollen die das haben oder wollen sie es nicht haben? Und wenn sie es nicht haben wollen, dann kann ihnen leider in der derzeitigen Marktkonstellation niemand helfen.

Frage: In der Doku über Ihr Leben, die ab 27. März in der ARD-Mediathek verfügbar ist, geht es am Ende auch um die Frage: Kann eigentlich ein verurteilter Straftäter alles machen? Steht ihm die Welt weiterhin offen? Und da sagen Sie sinngemäß: selbstverständlich, Donald Trump ist sogar mächtigster Mann der Welt geworden. Wäre das auch was für Sie, Politik?

Antwort: Es gibt eben diese Kriegertypen, die einfach sagen, ich will etwas um jeden Preis und finde den Weg, wie ich dahin komme. Ich habe das auch in mir. In Deutschland sind wir nicht unbedingt schon so weit, dass so polarisierende Charaktere für die erste Reihe in der Politik geeignet sind, und die Frage ist auch, ob man sich das hier antun will. Aber was ich in der Doku eigentlich ausdrücken wollte, war: Man kann auch aus so einer Situation gestärkt hervorgehen. Es hat meine Bekanntheit sicherlich deutlich erhöht, insofern bin ich ja sogar zum Teil meinen Widersachern sehr dankbar. Ein Freund von mir hat mal sehr trefflich formuliert: „Die wollten dich mundtot machen und haben dir ein Megafon in die Hand gedrückt.“ Die junge Generation, und da nehmen wir mal die ganzen Social-Media-Kanäle, steht so einer Sache ganz anders gegenüber. Die Sichtweise auf Menschen, die eben auch mal einen Fehltritt machen, hat sich auch in unserem Land geändert.

Frage: Wenn Sie das so sagen, es war ein „Fehltritt“, und die Widersacher haben Ihnen in gewisser Weise sogar genutzt: Man hat nicht den Eindruck einer 180-Grad-Wende des Sack-und-Asche-Gehens. Wie soll Ihnen da jemand in der Geschäftswelt glauben, dass Sie diese eine Grenze zwischen Grau und Schwarz, über die wir vorhin sprachen, nicht doch wieder überschreiten?

Antwort: „Der geht mir nicht genug in Sack und Asche“ – was hätten Sie denn davon? Was würde das nützen? Ich will jetzt keine Namen nennen, aber da gab es ehemalige Topmanager, die heute mit der Bibel unterm Arm durch die Gegend laufen und sagen, ich bin der große Christ geworden. Das mag alles stimmen, aber ich wollte mit so jemandem nicht zusammenarbeiten. Für mich ist das ein Schwächling. Nur die Harten kommen in den Garten, um das mal emsländisch runterzubrechen.

Frage: Was müsste passieren in den nächsten Jahren, damit Sie von sich sagen würden: Ich bin glücklich?

Antwort: Ich bin glücklich. Dazu braucht es nichts. Ich habe meine Familie, bin ein wirklich stolzer Vater. Gerade meine Tochter ist wirklich genau wie ich, also vom Wesen. Für mich ist Geld nicht etwas, was glücklich macht, sondern was mich meine Ziele umsetzen lässt und meinem Willen Ausdruck verleiht. Das fünfte Auto macht auch nicht glücklicher, und die nächste Uhr auch nicht. Wenn mich meine Tochter ansieht, wenn ich Klavier spiele, und dann sagt: „Papa, nochmal“: Das ist Glück.

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