Osnabrück  Maria Kaminskis Lebenswerk: Wie eine ratlose Mutter Autisten eine Stimme gab

Janis Sophie Grosser
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Von Janis Sophie Grosser
| 22.03.2026 10:18 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Osnabrückerin Maria Kaminski engagiert sich seit Jahrzehnten im Vorstand des Bundesverbands zur Förderung von Menschen mit Autismus. Foto: Jörn Martens
Osnabrückerin Maria Kaminski engagiert sich seit Jahrzehnten im Vorstand des Bundesverbands zur Förderung von Menschen mit Autismus. Foto: Jörn Martens
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Aus Verzweiflung um Sohn Daniel wurde Maria Kaminski zur Aktivistin. In Osnabrück gab sie Autisten eine Stimme und erhält dafür die Kanner-Asperger-Medaille.

Heidelberg, 13. März 2026: In der voll besetzten Neuen Universität erheben sich rund 250 Menschen von ihren Plätzen. Es gibt stehende Ovationen für eine Frau, die eigentlich gar nicht gerne im Rampenlicht der Wissenschaft steht. Maria Kaminski, 1948 in Uphöfen bei Osnabrück geboren, erhält an diesem Tag im Rahmen der 17. Wissenschaftlichen Tagung Autismus-Spektrum die renommierte Kanner-Asperger-Medaille für ihr Lebenswerk.

Doch wenn man sie fragt, wie sie sich in diesem Moment fühlt, stellt sie sofort eine Sache klar: „Ich bin keine Wissenschaftlerin, keine Forscherin, ich bin Mutter und Vorsitzende des Bundesverbandes“. Genau hier – in der bedingungslosen Liebe zu ihrem heute 50-jährigen Sohn Daniel und der tiefen Verzweiflung seiner frühen Kindertage – liegt der Ursprung eines beispiellosen Werdegangs.

Als Daniel auf die Welt kam, spürte Maria Kaminski schnell, dass etwas nicht stimmte. Das Baby weinte nicht, wenn es Hunger hatte, und wirkte bei Berührungen fast wie eine Puppe. Die Ärzte wiegelten zunächst ab: „Kind gesund, wunderschönes Kind“. Doch in der Realität zeigte Daniel schon früh stark auffälliges Verhalten, das Maria Kaminski als junge Frau zunächst völlig hilflos zurückließ. Verzweifelt suchte sie Koryphäen auf, reiste sogar zu Hans Asperger nach Wien. Doch einen ernüchternden Rat vergaß sie nie: „Am besten suchen Sie sich ein Heim“.

Die Rechnung für diesen dreisten Kommentar eines Spezialisten, von dem sie sich eigentlich fachkundige Hilfe erhofft hatte, habe sie nie bezahlt. Statt aufzugeben, besuchte sie große Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen und sah dort autistische Erwachsene, die in Zehnbettzimmern, gekleidet in alten Faltenröcken, ohne jegliche Förderung „verwahrlosten“. In diesem Moment fasste sie einen Entschluss, der ihr Leben verändern sollte: „Dahin kommt mein Sohn nie“.

Angetrieben von diesem Versprechen begann sie zu kämpfen. Als ihr Sohn mit fünf Jahren noch immer nicht sprach, forderte sie von der Krankenkasse eine Sprachtherapie. Als diese ablehnte, wurde Kaminski laut: „Solange Sie jede Abtreibung zahlen, zahlen Sie meinem Sohn auch den Sprachunterricht, sonst gehe ich an die Presse“. Die Kasse zahlte.

Weil es in der Region Osnabrück keinerlei Anlaufstellen gab, riet ihr der damalige Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie, selbst aktiv zu werden. 1978 gründete sie mit sieben anderen betroffenen Eltern den Autismus-Regionalverband in Osnabrück. 1981 folgte das Autismus-Therapie-Zentrum. Um die Kosten für die Therapie durchzusetzen, verklagte sie die Stadt Osnabrück – ein Prozess, der vier Jahre dauerte und den sie schließlich gewann.

Doch Kaminski ging es längst nicht mehr nur um ihren eigenen Sohn. Ein prägender Rat ihrer politisch engagierten Mutter lautete: „Du darfst nie an dein eigenes Kind alleine denken. Wenn du was tun willst für deinen Sohn, musst du die Gesetze und die Gesellschaft verändern“.

Diesen Auftrag setzte sie konsequent um. Seit 1998 ist sie Vorsitzende des Bundesverbandes Autismus Deutschland e. V. Auch international setzte sie Meilensteine: Sie war an der Gründung von Autism Europe (1983) und der World Autism Organisation (1998) beteiligt. Ihr Engagement führte sie nach Kasachstan, Armenien, Saudi-Arabien, Vietnam und in den Iran.

Wenn sie reist, bringt sie kein Geld mit, sondern Expertise: „Ich bringe eine Fachfrau oder einen Fachmann mit, das ist mein Geschenk“. Dabei agiere sie mit einer pragmatischen Furchtlosigkeit, egal ob sie mit Politikern, Geheimdiensten oder religiösen Führern verhandle. In Saudi-Arabien, wo sie für die bessere Behandlung behinderter Menschen kämpfte, überzeugte sie die Geistlichen mit ihren eigenen Worten: „Wenn Ihr Allah Ihnen ihre Kinder schenkt, die ein Defizit haben, dann müssen Sie dafür sorgen, dass es ihnen gut geht, sonst kommen Sie nicht ins Paradies“.

Für ihren unermüdlichen Einsatz wurde Maria Kaminski bereits 2002 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Doch Medaillen und Auszeichnungen sind für sie zweitrangig. Ihr Kernanliegen war und ist das Erstreiten der Rechte für alle Autisten und die damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen. Sie fordert nicht nur adäquate Therapie, Bildung und Arbeit, sondern warnt auch eindringlich vor der Vereinsamung von Menschen mit Behinderung. So setzte sie vor Gericht beispielsweise auch die ambulante Assistenz für die Freizeitgestaltung durch.

Wenn Maria Kaminski heute auf ihren Sohn Daniel blickt, sieht sie einen 50-jährigen Mann, der zwar nicht fließend spricht, aber genau weiß, was er will, sich abgrenzen kann und die Natur und Musik genießt. Sie hat Tränen vergossen, aber nie wegen Daniels Behinderung kapituliert. Ihr größter Antrieb bleibt bis heute bestehen: „Ich muss nur sehen, dass wir es schaffen, dass er, wenn ich oder wir nicht mehr da sind, dass es ihm dann weiterhin gut geht. Das ist mein Ziel“.

Die Kanner-Asperger-Medaille ist die wissenschaftliche Würdigung dieses Ziels. Doch das eigentliche Lebenswerk der Maria Kaminski ist die Stimme, die sie jenen gegeben hat, die lange Zeit in der Gesellschaft nicht gehört wurden.

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