Osnabrück Warum über Umweltspuren auf der Iburger Straße so heiß gestritten wird – ein Überblick
Der Osnabrücker Stadtrat hat 2025 beschlossen, die Iburger Straße auf zwei Autospuren zu verengen. Das ist rechtlich nicht möglich, sagen die Experten. Aber was wäre möglich, um die Straße sicherer zu machen? Bringen wir Ordnung in eine schwierige Debatte.
Auf der Iburger Straße treffen die großen Konfliktlinien moderner Verkehrsplanung zusammen: Pendler drängen mit dem Auto schnell zur Arbeit, Buskunden erwarten Vorrang für den ÖPNV, Radfahrer wollen sich sicher fühlen und Anlieger wünschen sich mehr Ruhe. Vor diesem Hintergrund fasste der Osnabrücker 2025 den Beschluss, Umweltspuren für Busse und Radler einzurichten. Ein Beschluss, den Experten für rechtswidrig halten. Wie ist der Stand der Debatte und was geschieht jetzt auf der Iburger Straße?
So fing es an: 2024 änderte der Bund die Straßenverkehrsordnung und machte es möglich, zum Schutz von Klima und Umwelt Sonderspuren einzurichten – sofern Leichtigkeit und Sicherheit des Verkehrs gewährleistet sind. Die grün-rot-violette Mehrheit im Osnabrücker Stadtrat nutzte die neue Freiheit, um eine alte Idee aufzugreifen: Umweltspuren für die Iburger Straße. Der Autoverkehr soll auf zwei Spuren verengt werden, die Umweltspur den Bussen und Radfahrern zur Verfügung stehen.
Der Beschluss stellte eine Besonderheit im politischen Geschäft dar, weil er die Umweltspuren vorschrieb und keinen Ausweg zuließ. Bei derart tiefgreifenden Eingriffen ist es eigentlich üblich, dass der Rat der Verwaltung zunächst einen Prüfauftrag erteilt. In diesem Fall wäre das gewesen: Die Experten mögen prüfen, ob und wie Umweltspuren eingerichtet werden könnten. Diesen Schritt ließ der Rat aus und ordnete direkt die Umsetzung an.
Die Verwaltung setzte nach eigenen Angaben den Arbeitsauftrag um und entwickelte in den folgenden Monaten verschiedene Szenarien zur Einrichtung der Umweltspuren. Dieser Prozess sei ergebnisoffen vorangetrieben worden, heißt es aus dem Rathaus. Die Verwaltung kam zu dem Ergebnis, dass Umweltspuren und eine Zweispurigkeit für Autos auf der Iburger Straße nicht möglich sind.
Bei täglich 18.000 bis 20.000 Fahrzeugen und hohen Belastungen in den Spitzenzeiten würde eine Reduzierung von vier auf zwei Spuren zu massiven Rückstaus von 1,5 oder mehr Kilometern Länge führen, legte die Verkehrsbehörde dar. Diese Staus würden bis auf die A30, in den Landkreis sowie stadteinwärts bis zum Rosenplatz reichen.
Die Verkehrsexperten warnen: Ein Rückstau dieses Ausmaßes würde die Verkehrssicherheit erheblich beeinträchtigen. Knotenpunkte, Fußgängerüberwege und Einmündungen würden blockiert. In der fachlichen Gesamtbetrachtung kommt die Stadtverwaltung daher zu dem Ergebnis, dass die Leistungsfähigkeit der Iburger Straße nicht gewährleistet wäre.
Die Spitzen der Ratsfraktionen wurden im Januar 2026 in einem der routinemäßigen, interfraktionellen Gespräche über den Sachstand informiert. Die Umweltspuren seien „fachlich und rechtlich nicht zustimmungsfähig“, so das Fazit der Fachbehörde.
Erschwerend kommt hinzu, dass die Iburger Straße als Bundesstraße (B68) klassifiziert ist und als Umleitungsstrecke (U32 und U35) für die A30 dient. Das Bundesfernstraßengesetz verpflichtet die Stadt Osnabrück, den Umleitungsverkehr zu dulden und die Leistungsfähigkeit der Umleitung sicherzustellen.
Die Umleitungsfunktion der Iburger Straße war auch Thema eines Gesprächs zwischen dem früheren Leiter der Autobahn GmbH, Burkhard Pott, Stadtbaurat Thimo Weitemeier und Fachbereichsleiter Mike Bohne im August 2025. Der Termin diente nach Angaben der Verwaltung der allgemeinen Abstimmung und Vorstellung. Die Iburger Straße sei nur am Rande angesprochen worden. Protokolliert wurden die Inhalte des Treffens nicht.
Eine wesentliche Erkenntnis aus dem Treffen mit dem Autobahn-Chef fasste Mike Bohne jetzt im März 2026 in der Vorlage für den Stadtentwicklungsausschuss so zusammen: Die Autobahn GmbH habe „noch einmal darauf hingewiesen, dass auf einer ausgewiesenen Bundesstraße mit Autobahnbedarfsumleitung sowohl die Verkehrssicherheit als auch die entsprechende Leistungsfähigkeit für den fließenden Kfz-Verkehr zwingend gewährleistet sein muss“.
SPD-Ratsmitglied Heiko Panzer und sein Grünen-Kollege Volkmar Seliger legten diesen Satz so aus, dass die Autobahn GmbH die Verengung der Iburger Straße auf zwei Autospuren ablehne und der Stadt Vorgaben mache. Wichtig zu wissen: Die Stadt hat die Planungshoheit. Die Autobahn GmbH kann ihr keine Vorschriften machen.
Die Sprecherin der Autobahn GmbH stellte jetzt auf Anfrage der noz-Redaktion schriftlich klar: Die Autobahn GmbH habe nach dem Ratsbeschluss vom 1. Juli 2025 keine offizielle Stellungnahme zur Iburger Straße abgegeben und nehme keinen Einfluss auf die Planungen der Stadt. In der Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses am 12. März und in der noz-Berichterstattung danach war fälschlicherweise der Eindruck entstanden, die Autobahn GmbH habe eingewirkt und die Verwaltung enthalte den Ratsmitgliedern entsprechende Informationen vor.
Auch die Osnabrücker Regionalstelle der Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr war nach dem Ratsbeschluss vom Juli 2025 hellhörig geworden. Die damalige Leiterin der Landesbehörde fragte wenige Tage nach dem Ratsbeschluss in einer formlosen Mail bei Oberbürgermeisterin Katharina Pötter an, was die Stadt plane. Sie bat darum, als Landesbehörde auf dem Laufenden gehalten zu werden, da Auswirkungen auf die B51 und die A30 zu erwarten seien.
Wie geht es weiter? Die Verwaltung schlägt nun der Politik vor, auf die Umweltspuren zu verzichten, weil sie den gesetzlichen Vorgaben zur Sicherheit und Leichtigkeit des Verkehrs entgegenstünden. Stattdessen sollen „Optimierungsmaßnahmen für den Fuß- und Radverkehr“ entwickelt und möglichst zeitnah und ohne großen Aufwand umgesetzt werden. Ziel ist es vor allem, Türunfälle von Radfahrern zu vermeiden, die geschehen, wenn Autofahrer die Tür ihres auf dem Randstreifen geparkten Autos unbedacht öffnen.
Um den Nahverkehr zu beschleunigen, will die Verkehrsbehörde darüber hinaus die Ampelschaltungen an den Kreuzungen Am Nahner Feld und Miquelstraße so umstellen, dass die Busse schneller vorankommen. Außerdem soll bei der Landesbehörde beantragt werden, das Tempo auf der Iburger Straße in den Nachtstunden (22 bis 6 Uhr) auf 30 km/h begrenzen zu können.
Über diese Vorschläge der Verwaltung wird der Stadtentwicklungsausschuss in seiner nächsten Sitzung am Donnerstag, 9. April (17 Uhr, Ratssitzungssaal), abstimmen.
Sollte die grün-rot-violette Ratsmehrheit dem Verwaltungsvorschlag nicht folgen und an ihrem Beschluss zur Einrichtung von Umweltspuren festhalten, dürfte sich die Auseinandersetzung auf eine andere Ebene verlagern. Oberbürgermeisterin Katharina Pötter (CDU) ließ bereits durchklingen, dass sie in dem Fall gegen den mutmaßlich rechtswidrigen Beschluss Widerspruch einlegen und ihn der Kommunalaufsicht zur Prüfung vorlegen werde.